Prof. Dr. Thomas Ostermann, Lehrstuhlinhaber für Forschungsmethodik und Statistik in der Psychologie

Zehn Fragen an

Wartezeiten reduzieren, weniger abschotten

»Zehn Fragen an …« Prof. Dr. Thomas Ostermann.
Thomas Ostermann ist Lehrstuhlinhaber für Forschungsmethodik und Statistik in der Psychologie und Leiter des Departments für Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke.

Das klassische Setting: Die berühmte Fee und der berühmte Wunsch; in unserem Fall bezieht sich der Wunsch auf das Gesundheitssystem. Was wünschen Sie sich?

Ostermann: Da bin ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit sehr zurückhaltend: Ich wünsche mir als Patient, dass die bereits jetzt vorhandene Vielfalt und Professionalität im deutschen Gesundheitswesen so bleibt. Wünschenswert wäre trotzdem, wenn Wartezeiten reduziert und Verfügbarkeit medizinischer Leistungen gerade in den ländlichen Regionen angehoben würden. Auch die immer noch starke und wechselseitige Abschottung der einzelnen Gruppen der Leistungserbringer sowie der verschiedenen Disziplinen würde ich gerne mit einem Wunsch abschaffen. Aber das waren jetzt schon zu viele Wünsche …

 

Omas bestes Hausmittel war …?

Ostermann: Wadenwickel, eindeutig! Ich hatte als Kind diverse Kinderkrankheiten (Keuchhusten usw.). Als Neunjähriger, nach einer nächtlichen Fahrt mit Luftnot und Fieber zum nächstgelegenen Kreiskrankenhaus, wachte ich mit Wadenwickeln und einem über mir aufgespannten feuchten weißen Tuch auf (das ist zumindest so in meiner Erinnerung). Das war schon sehr prägend. Noch heute empfinde ich Wadenwickel als sehr wohltuend bei fieberhaften Infekten.

 

Während weite Teile der Bevölkerung Homöopathie sehr gerne in Anspruch nehmen, steht die Wissenschaft der Homöopathie tendenziell skeptisch gegenüber. Halten Sie Homöopathie-Forschung für sinnvoll?

Ostermann: Ich bin ja selbst aktiv und halte Homöopathie-Forschung dann für sinnvoll, wenn sie nicht versucht, die ohnehin schon schwierige Situation der Homöopathie mit ihren immer noch unklaren Wirkmechanismen unprofessionell und inadäquat durch weitere Unklarheiten zu bereichern. Das führt nicht zur Akzeptanz und zementiert die Situation der Homöopathie. Leider sind die Spurrillen auf der Forschungslandkarte schon recht eingefahren …

 

Schon seit mehreren Tagen fühlen Sie sich schlapp. Sie spüren, ein bisschen fehlt die Energie. Was tun Sie?

Ostermann: Ich konsultiere meinen Kalender und frage mich, wann der Urlaub endlich kommt! Hätte ich damit keinen Erfolg, würde ich meinen Computer abschalten und laufen gehen. Dabei kann ich ganz gut abschalten und meistens schlafe ich dann auch wieder gut. Adenauer hat ja unter seinem Schreibtisch die Füße in eine Schüssel kaltes Wasser getaucht. Aber wenn ich kalte Güsse nach einer Sauna auch für sehr erfrischend halte: Im Alltag ist das wohl (noch) keine Option.

 

Zehn Fragen an … Die Interview-Reihe der Carstens-Stiftung.

Zehn Fragen an …

Was antworten die anderen Experten?
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Die deutsche Forschungslandschaft Medizin: Was ist verbesserungswürdig?

Ostermann: Die Zusammenarbeit! Gerade an der Initiierung von großen Forschungsprojekten kann man das recht gut erkennen: Es gibt Gruppen, die sich nur sehr zögerlich öffnen, wenn man anklopft. Leider ist dieses Verhalten auch in der überschaubaren Welt der Komplementärmedizin schon anzutreffen.

 

Welche drei Attribute beschreiben das optimale Arzt-Patienten-Verhältnis? 

Ostermann: Kompetent, verständlich und verfügbar!

 

Evidenzbasierte Medizin mit ihrer Forderung nach randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Studien und viele Verfahren der Komplementärmedizin stehen ja sozusagen auf dem Kriegsfuß. Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Ostermann: Ich finde es immer wieder erstaunlich (es gäbe da auch noch andere Adjektive), dass viele Forscher in der Komplementärmedizin, aber auch in der konventionellen Medizin, diese Gräben begradigen oder zumindest überwinden wollen, während quasi direkt hinter ihnen zwei Kolonnen die eben zugeschütteten Gräben beginnen, fleißig von beiden Seiten wieder auszuheben. Und dabei beansprucht jede Fraktion, dies als einen Beitrag für die Evidenzbasierte Medizin zu tun. Ein wirklich trauriges Bild! Da kann man nur das goldene Prinzip der Allgemeinmedizin anwenden: abwarten. Aber leider bin ich da sehr pessimistisch …

 

Welche Maßnahme reißt Sie aus dem Stimmungstief?

Ostermann: Musik!!! Wenn es richtig schlimm ist: Das »Dies Irae« aus Verdis Requiem. Oder der zweite Satz aus dem Deutschen Requiem von Brahms: »Denn alles Fleisch es ist wie Gras!«. Am besten dabei die Tenorpartie im Chor mitgesungen. Da weiß man: Es kann noch viel schlimmer kommen und es geht einem durch Mark und Bein. Ich bekomme schon vom Schreiben eine Gänsehaut. Alternativ und wenn es nicht so schlimm ist: Schumanns »Hier ist die Aussicht frei«, aus den Faust-Szenen. Am besten gesungen von Christian Gerhaher. Oder aus dem zweiten Teil der Faust-Szenen die Sonnenaufgangs-Szene: »So bleibe denn die Sonne mir im Rücken«. Einfach fantastisch! Gerne auch in ähnlicher Reihenfolge etwas rockiger: »There Is A Light That Never Goes Out« von »The Smiths« oder »Such a Shame« von Talk Talk. Und »Junge« von den Ärzten oder »Haus am See« von Peter Fox, natürlich in der Heino-Version als humorige Einlage.

 

Kennen Sie eine humorige Anekdote aus dem Ärztestand oder der Medizinwelt?

Ostermann: Ja, einige, die ich hier nicht erzähle … Aber vielleicht den Lieblingswitz eines ehemaligen Chefarztes aus Herdecke?
Treffen sich zwei Assistenzärzte im Bauch des Chefarztes. Fragt der eine:
»Na, hat dich der Chef auch gefressen?«
Darauf der andere: »Nein, ich komme aus der anderen Richtung.«
Da kann man nichts mehr hinzufügen …

 

Sind Sie Mitglied von Natur und Medizin und wenn ja, warum?

Ostermann: Ich bin Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde
 (Öffnet externen Link in neuem Fenster zu deren Homepage). Das muss reichen …

 

Lieber Herr Professor Ostermann, vielen Dank für das Interview.

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Prof. Dr. Thomas Ostermann
ist Lehrstuhlinhaber für Forschungsmethodik und Statistik in der Psychologie und Leiter des Departments für Psychologie und Psychotherapie an der Öffnet externen Link in neuem FensterUniversität Witten/Herdecke. Von 1998 bis 2009 Wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin unter Prof. Dr. Matthiessen und von 2009 bis 2015 unter Prof. Dr. Peter Heusser. Mitglied des Forschungsverbunds Kunsttherapie und des Vorstands der Wissenschaftlichen Fachgesellschaft der künstlerischen Therapien.

Webseite: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.uni-wh.de/detailseiten


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(Veronica Carstens)