Zehn Fragen an Professor Tobias Esch

Zehn Fragen an

Wir müssen wieder mehr fragen

»Zehn Fragen an …« Professor Tobias Esch
Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch ist Allgemeinmediziner, Gesundheitsforscher und Neurowissenschaftler. Studium in Göttingen, danach wissenschaftlich-ärztlich tätig u.a. an der Harvard University, Charité Berlin. Aktuell Prodekan an der Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit.

Das klassische Setting: Die berühmte Fee und der berühmte Wunsch; in unserem Fall bezieht sich der Wunsch auf das Gesundheitssystem. Was wünschen Sie sich?

Esch: Ich wünsche mir mehr Freiräume, vor allem für Innovation. Der Patient muss mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Ich denke dabei vor allem an den dreibeinigen Stuhl:
Was gibt der Arzt dem Patienten (Medikamente)?
Wie behandele ich ihn (Therapie)? und insbesondere
Wie befähige ich den Patienten, selbst etwas zu tun (Selbsthilfe)?

 

Omas bestes Hausmittel war …?

Esch: Ingwertee (bei Übelkeit, innerer Kälte, fehlender Energie) Wärmflaschen bzw. Leberwickel (zum besseren Einschlafen, den Stoffwechsel anregend, entgiftend)

 

Während weite Teile der Bevölkerung Homöopathie sehr gerne in Anspruch nehmen, steht die Wissenschaft der Homöopathie tendenziell skeptisch gegenüber. Halten Sie Homöopathie-Forschung für sinnvoll?

Esch: Ja, wenn dieselben Maßstäbe angesetzt werden, ohne Glaubenskriege und persönliche Weltanschauungen.

 

Schon seit mehreren Tagen fühlen Sie sich schlapp. Sie spüren, ein bisschen fehlt die Energie. Was tun Sie?

Esch: Ich bewege mich, gerne beim Yoga. Auch Genuss ist wichtig, Stichwort achtsames Essen. Und: Entspannung, auch eine innere Einkehr, um zu schauen, was Energien blockiert.

 

Zehn Fragen an … Die Interview-Reihe der Carstens-Stiftung.

Zehn Fragen an …

Was antworten die anderen Experten?
Alle Interviews unserer Reihe finden Sie hier.

Die deutsche Forschungslandschaft Medizin: Was ist verbesserungswürdig?

Esch: Die Glaubenskriege und die vielen Paradigmen tragen nicht gerade zu einer Offenheit bei. Auch vermisse ich eine generelle Begeisterung für Neues, nennen wir es meinetwegen Innovation. Außerdem wünsche ich mir mehr Lehrstühle im Bereich CAM und Integrative Medizin. Wir brauchen weniger Rechtfertigungsforschung, dafür allerdings mehr Forscher, die häufiger mal fragen: Könnte es sein, dass …?

 

Welche drei Attribute beschreiben das optimale Arzt-Patienten-Verhältnis? 

Esch: Offenheit im Sinne einer Transparenz: Was tue ich als Therapeut? Vertrauen: Ohne eine echte Beziehung passiert wenig, Stichwort Adhärenz (Adhärenz löst das Wort Compliance allmählich ab und bezeichnet das Ausmaß, in dem der Patient den Empfehlungen des/der TherapeutIn folgt oder "anhängt", Anmerkung der Red.) Letztlich Empathie im Sinne einer echten Zugewandtheit.

 

Evidenzbasierte Medizin mit ihrer Forderung nach randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Studien und viele Verfahren der Komplementärmedizin stehen ja sozusagen auf dem Kriegsfuß. Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Esch: Helfen könnte sicherlich, wenn wir mehr pragmatische RCTs machten, um reale Verhältnisse besser abzubilden. Eine konsequentere Hinwendung zum Mixed-Methods Approach, also verschiedene Methoden miteinander zu kombinieren, wäre gewiss hilfreich, wie auch vergleichende Wirksamkeitsforschung. Letztlich denke ich, dass beiden Seiten eine Portion Demut und Bescheidenheit gut täte. Kurzum: Mehr gute Fragen stellen und weniger Antworten sofort parat haben. 

 

Welche Maßnahme reißt Sie aus dem Stimmungstief?

Esch: Mit meinen Kindern lachen … und auch weinen. Einfach tun, was einem wirklich auf dem Herzen liegt. Bewegung in der Natur, selbstverständlich. Und natürlich Musik. Wenn es vielleicht auch komisch klingt: Ich mag Bach … und gleichzeitig Hip Hop. Heute Morgen um sechs kam mein Sohn und spielte mir das neue Album von »Cro« vor. »Tru« heißt es, glaube ich. Das ist wunderbar am Morgen.

 

Kennen Sie eine humorige Anekdote aus dem Ärztestand oder der Medizinwelt?

Esch: Ich war Hausarzt im Münsterland. Mitten in der Nacht rief man mich zu einem Bauern. Er hatte im Kuhstall einen Hexenschuss bekommen. Auf dem Weg zum Patienten verfuhr ich mich und musste meinen alten Golf auf schmalem Feldweg wenden. Dabei landete das Auto im Graben. Bei dem Versuch, den Wagen wieder auf die Strecke zu bekommen, schoss es auch mir in den Rücken. Als der Morgen dämmerte, hockte ich mit dem Bauern bei einem Schnaps in dessen Wohnküche …

 

Sind Sie Mitglied von Natur und Medizin und wenn ja, warum?

Esch: Ja, ganz einfach deshalb, weil ich der Carstens-Stiftung : Natur und Medizin viel zu verdanken habe. Ich habe Dr. Veronica Carstens persönlich kennengelernt. Ich habe sie bewundert. Ihr Einsatz für die Naturheilkunde und Komplementärmedizin war und ist höchst sinnvoll und unterstützenswert. Als Student war ich aktiv in den Öffnet internen Link im aktuellen FensterArbeitskreisen Homöopathie. Ich habe dort tolle Kontakte geknüpft und eine Menge Anregungen bekommen, die mich bis heute prägen.

 

Lieber Professor Esch, vielen Dank für das Interview.

Carstens-Stiftung : Natur und Medizin


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Professor Tobias Esch

Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch ist Allgemeinmediziner, Gesundheitsforscher und Neurowissenschaftler.

Studium in Göttingen, danach wissenschaftlich-ärztlich tätig u.a. an der Harvard University, Charité Berlin. Bis 2015 Professor an der Hochschule Coburg (Gesundheitsförderung), zusätzlich Visiting Professor of Medicine an der Harvard Medical School (Primary Care) und Research Associate an der State University of New York (Neuroscience).

Seit 2016 Lehrstuhlinhaber und Leiter des Öffnet externen Link in neuem FensterInstituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke und Prodekan für Organisationsentwicklung in der Fakultät für Gesundheit.

Veröffentlichung von über 200 wissenschaftlichen Artikeln, dazu zahlreiche Bücher und Buchbeiträge. Aktuelle Fachbücher: Der Selbstheilungscode (Beltz 2017); Die Neurobiologie des Glücks (Thieme 2017)


Dieser Artikel erschien in der Kategorie: Zehn Fragen an

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„Der Arzt und die Ärztin der Zukunft sollen zwei Sprachen sprechen, die der Schulmedizin und die der Naturheilkunde und Homöopathie. Im Einzelfall sollen sie entscheiden können, welche Methode die beste für den Patienten ist.“

(Veronica Carstens)