Zehn Fragen an Dr. Rainer Scheer

Rubrik: Zehn Fragen an

Auch ein gut dokumentierter Einzelfall kann eine Therapieverbesserung herbeiführen

»Zehn Fragen an …« den Pharmazeuten und Apotheker Dr. Rainer Scheer.

Das klassische Setting: Die berühmte Fee und der berühmte Wunsch; in unserem Fall bezieht sich der Wunsch auf das Gesundheitssystem. Was wünschen Sie sich?

Scheer: Ein ganzheitliches (pluralistisches) Gesundheitssystem, in dem die anerkannten komplementären Therapieorientierungen wie Homöopathie, Phytotherapie und Anthroposophische Medizin fester Bestandteil sind, beispielsweise im Rahmen der Integrativen Medizin, ferner eine bezahlbare Medizin für alle.

 

Während weite Teile der Bevölkerung Homöopathie sehr gerne in Anspruch nehmen, steht die Wissenschaft der Homöopathie tendenziell skeptisch gegenüber. Halten Sie Homöopathie-Forschung für sinnvoll?

Scheer: Natürlich ist Homöopathie-Forschung sinnvoll, denn wenn sich ein Teil der Medizin (beispielsweise die konventionelle Therapieorientierung) weiterentwickelt, müssen sich die anderen Teile ebenfalls weiterentwickeln. Und das geht natürlich nur mit Forschung.

 

Zehn Fragen an … Die Interview-Reihe der Carstens-Stiftung.

Zehn Fragen an …

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Schon seit mehreren Tagen fühlen Sie sich schlapp. Sie spüren, ein bisschen fehlt die Energie. Was tun Sie?

Scheer: Ausschlafen und/oder mögliche Ursachen versuchen zu erkennen und, wenn möglich, selbst zu beseitigen. Raus an die frische Luft ist meistens hilfreich.

 

Die deutsche Forschungslandschaft Medizin: Was ist verbesserungswürdig?

Scheer: Hier einige Aspekte, die mir wichtig sind:

  • Stärkung der komplementären Medizin und Pharmazie durch eine größere universitäre Einbindung von komplementär ausgerichteten Lehrstühlen in Lehre und Forschung
  • Brücken bilden zwischen konventioneller und komplementärer Therapieausrichtung im Sinne einer sog. Integrativen Medizin zum Wohle der Patienten
  • Intensivierung öffentlicher Förderung für solche Projekte
  • Verbesserung der öffentlichen Wahrnehmung und Stärkung der Wertschätzung der Komplementärmedizin bei medizinischen und pharmazeutischen Fachkreisen und auf der gesundheitspolitischen Ebene
  • Verankerung solcher Förderprogramme in Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Allerdings gibt es ein Dilemma: Häufig übersteigen die Kosten einer aussagekräftigen klinischen Studie um ein Vielfaches die Umsatzerlöse des zu prüfenden Arzneimittels, das über viele Jahre Wirksamkeit und Sicherheit/Unbedenklichkeit in der ärztlichen Praxis gezeigt und dort seinen festen Platz hat. Fördermittel könnten einen Ausweg aus diesem Dilemma bedeuten.

 

Welche drei Attribute beschreiben das optimale Arzt-Patienten-Verhältnis?

Scheer: Kommunikation auf Augenhöhe, ausreichend Zeit für die Therapie, ganzheitliche Sichtweise

 

Omas bestes Hausmittel war …?

Scheer: Ich hatte keine Oma. Aber ich denke, Zuwendung ist ein gutes Heilmittel.

 

Evidenzbasierte Medizin mit ihrer Forderung nach randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Studien und viele Verfahren der Komplementärmedizin stehen ja sozusagen auf dem Kriegsfuß. Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Scheer: Lösungen gibt es viele, denn nicht jede Studienform ist für die Beantwortung jeder Fragestellung geeignet bzw. angemessen. Lassen Sie mich ein paar Aspekte aus dieser komplexen Materie herausgreifen. Prinzipiell halte ich jede Form des Erkenntnisgewinns zum Wohle der Patienten für sinnvoll, dazu gehört auch die in Ihrer Frage genannte Studienform der Evidenzbasierten Medizin (EBM). Aber nicht immer macht sie Sinn oder ist überhaupt möglich. So kann beispielsweise ein gut beschriebener und gut dokumentierter Einzelfall schon ausreichen, eine Therapieverbesserung herbeizuführen. Wenn es um die Zulassung eines Arzneimittels geht, gibt es Behörden-seitig eine Abfolge verschiedener Studienformen, aus denen die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Arzneimitteln vor ihrer Markteinführung ableitbar sind. Im Verlaufe dieses Verfahrens sind auch vergleichende Studien sinnvoll und notwendig. Eine Randomisation, also eine zufällige Zuweisung der Patienten in eine der Gruppen, ist nicht immer einfach umzusetzen, ebenso eine Verblindung, also wenn der Patient über sein verabreichtes Medikament im Unklaren gelassen wird (einfache Verblindung) oder wenn beide, weder Arzt noch Patient wissen dürfen, was da verabreicht wird und wirken soll (doppelte Verblindung).

 

Welche Maßnahme reißt Sie aus dem Stimmungstief?

Scheer: Alles, was mich auf andere Gedanken bringt.

 

Kennen Sie eine humorige Anekdote aus dem Ärztestand oder der Medizinwelt?

Scheer: Nein.

 

Sind Sie Mitglied von Natur und Medizin und wenn ja, warum?

Scheer: Ja, weil dieser Verein sich für die öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung von „Naturmedizin“ einsetzt und Initiativen auf diesem Gebiet ideell und finanziell fördert.

 

Lieber Herr Dr. Scheer, vielen Dank für das Interview.

Natur und Medizin e.V.


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Dr. pharm. Rainer Scheer

Carl Gustav Carus-Institut
Allmendstr. 55
75223 Niefern-Öschelbronn

Tel.: 07233 7043-118
Fax: 07233 7043-110
Homepage: www.carus-institut.de
E-Mail: rainer.scheer@carus-institut.de

Werdegang

Geboren am 20.10.1949 in Moers, verheiratet, 3 Kinder, Studium der Pharmazie in Innsbruck und Berlin, Approbation als Apotheker 1976, Promotion im Fach Pharmazeutische Technologie in Tübingen mit einem mikrobiologischen Thema, Forschungstätigkeit am Pharmazeutischen Institut der Universität Tübingen bis 1989, seit 1990 Mitarbeiter im Carl Gustav Carus-Institut. Rentenbeginn 2014, weiter tätig als Sachkundige Person (§ 14 AMG) bei einem Arzneimittelhersteller und ehrenamtlich im Carl Gustav Carus-Institut, Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Fachgesellschaften und von Natur und Medizin e.V.

Letzte Publikationen

  • 2016: Scheer, R., Alban, S., Becker, H., Beer, A.-M., Blaschek, W., Kreis, W., Matthes, H., Schilcher, H.† , Spahn, G., Stange, R. (Hrsg.): Die Mistel in der Tumortherapie – 4, aktueller Stand der Forschung und klinische Anwendung. 469 Seiten, KVC-Verlag, Essen.
  • 2015: Gründemann, C. Garcia-Käufer, M., Sauer, B., Scheer, R., Merdivan, S., Bettin, P., Huber, R., Lindequist, U.: Comparative chemical and biological investigations of beta-glucan-containing products from shiitake mushrooms. Journal of functional foods 18, 692-702.
  • 2013: Scheer, R., Alban, S., Becker, H., Blaschek, W., Kemper, F.H., Kreis, W., Matthes, H., Schilcher, H., Stange, R. (Hrsg.): Die Mistel in der Tumortherapie – 3, aktueller Stand der Forschung und klinische Anwendung. 502 Seiten. KVC-Verlag, Essen.

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„Der Arzt und die Ärztin der Zukunft sollen zwei Sprachen sprechen, die der Schulmedizin und die der Naturheilkunde und Homöopathie. Im Einzelfall sollen sie entscheiden können, welche Methode die beste für den Patienten ist.“

(Veronica Carstens)

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