Integrative Medizin
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Carstens-Stiftung:Interview mit Frau Professorin Karin Kraft
Zehn Fragen an

Wir brauchen staatlich finanzierte Lehrstühle für Naturheilverfahren und Komplementär­medizin

Von Redaktion Carstens-Stiftung

Komplementärmedizin

»Zehn Fragen an …« Frau Professorin Karin Kraft, Präsidentin der Gesellschaft für Phytotherapie und Mitglied der Kommission E am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

In ihren bemerkenswerten Antworten erläutert Frau Professorin Kraft die Entwicklung hin zur Bevorzugung medikamentöser Verfahren. In Bezug auf die Homöopathie plädiert sie für eine Weiterentwicklung der Erklärungsmodelle.

 

Das klassische Setting: Die berühmte Fee und der berühmte Wunsch; in unserem Fall bezieht sich der Wunsch auf das Gesundheitssystem. Was wünschen Sie sich?

Prof. Kraft:
Das Gesundheitssystem in Deutschland wird durch zwei in den 1990er Jahren begonnene sehr wichtige Entwicklungen geprägt:

1. Die Einführung der Evidenzbasierung in der Medizin

Diese Entwicklung habe ich stets begrüßt, auch wenn sie derzeit erhebliche Schwächen aufweist, wie z. B. die Anwendung von Kriterien, die für medikamentöse Verfahren entwickelt wurden, auf nicht medikamentöse Methoden oder die Bevorzugung von Verfahren, bei denen aufgrund von Industrieinteressen große klinische Studien durchgeführt werden können. Die meisten Verfahren der Naturheilkunde und der Komplementärmedizin sind bekanntlich gleich durch beide Schwächen negativ betroffen. Da zudem Unwirksamkeit bzw. Schädlichkeit von medizinischen Verfahren nur mit großem Aufwand belegt werden können, hat sich inzwischen ein enormer Graubereich entwickelt, der sich den staatlichen regulatorischen Anstrengungen weitgehend entzieht.

2. Die Anwendung von Grundsätzen des Neoliberalismus auf das zuvor in weiten Teilen öffentlich finanzierte Gesundheitswesen

Hier wurden die Naturheilverfahren und die Komplementärmedizin schon in den 1990er Jahren vor allem mit dem Argument der Unbedenklichkeit in den zweiten Gesundheitsmarkt, d.h. den Selbstzahlermarkt, mit allen daraus resultierenden negativen Folgen wie nahezu fehlende Forschungsaktivität, Abnahme der Qualität etc. abgedrängt. Dass die hier jedoch unbedingt erforderliche, weil steuernd eingreifende Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung im Allgemeinen eher gering ist, ist ausreichend belegt.

Die Corona-Krise zeigt nun für wirklich alle unübersehbar die Grenzen freier Märkte und die Stärke der Politik im Gesundheitswesen auf. Das wird insbesondere durch das weitgehende Scheitern von Ländern mit neoliberalen Wirtschaftsmodellen, wie z. B. Chile oder Georgien, belegt. Es wird jetzt in aller Schärfe deutlich, dass die Bevorzugung von wirtschaftlichen vor gesellschaftlichen Interessen über eine Gesundheitskrise in die soziale Krise und dann in die Demokratiekrise führt.

Dementsprechend habe ich an die Fee einen Wunsch, der einen sinnvollen Beitrag zur Lösung in beiden Problembereichen darstellt und zudem zukunftsweisend ist: Sie möge dafür sorgen, dass in Deutschland und den anderen Ländern der EU endlich staatlich finanzierte Lehrstühle für Naturheilverfahren und Komplementärmedizin eingerichtet werden, denen auch öffentliche Forschungsmittel zur Verfügung gestellt werden müssen, um deren Unabhängigkeit zu gewährleisten. Diesen Wunsch äußert die Weltgesundheitsorganisation übrigens schon seit Jahren, ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Den Beweis, dass man mit derartigen Lehrstühlen und dabei vergleichsweise bescheidenen Mitteln viel erreichen kann, haben viele außereuropäische Staaten längst erbracht.

 

Während weite Teile der Bevölkerung Homöopathie sehr gerne in Anspruch nehmen, steht die Wissenschaft der Homöopathie tendenziell skeptisch gegenüber. Halten Sie Homöopathie-Forschung für sinnvoll?

Prof. Kraft:
Die Skepsis gegenüber der Homöopathie beruht u.a. auf dem Erklärungsmodell für die von den Anwendern beobachteten Wirkungen. Es wäre ganz allgemein sinnvoll, die bisherigen Erklärungsmodelle für bei Anwendern von medizinischen Methoden beobachteten Wirkungen weiter zu entwickeln. Homöopathie könnte eine der Methoden sein, die man in diesem Kontext untersuchen kann.

 

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Schon seit mehreren Tagen fühlen Sie sich schlapp. Sie spüren, ein bisschen fehlt die Energie. Was tun Sie?

Prof. Kraft: 
Je nach Wetter gehe ich in meinen Garten, dort ist immer etwas zu tun, oder ich mache einen Waldspaziergang.

 

Die deutsche Forschungslandschaft Medizin: Was ist verbesserungswürdig?

Prof. Kraft:
Zunächst möchte ich festhalten, dass sich hier in den letzten zehn Jahren viel verbessert hat, gerade z. B. im Bereich der Transparenz und bei der Besetzung von Gremien. Auch die inzwischen entwickelten digitalen Austauschtools sind sehr zu begrüßen. Aus meinem speziellen Blickwinkel wünsche ich mir, dass die von der Naturheilkunde (traditionellen Medizin) und Komplementärmedizin vertretenen Verfahren viel stärker als bisher in der deutschen Forschungslandschaft präsent sind. Hier haben wir im Vergleich zu vielen anderen Ländern weltweit einen starken Aufholbedarf. Ein besonderes Problem sehe ich auch in der substanzgebundenen klinischen Forschung. Hier wünsche ich mir mehr öffentliche Förderung, z. B. bei Arzneimitteln im Kindesalter oder bei vulnerablen Gruppen.

 

Welche drei Attribute beschreiben das optimale Arzt-Patienten-Verhältnis?

Prof. Kraft: 
Professioneller Umgang des Arztes mit der Arztrolle, gegenseitige Akzeptanz als Partner, gezielte Anwendung von Erkenntnissen aus der Kommunikationswissenschaft …

 

Omas bestes Hausmittel war …?

Prof. Kraft: … das Senfmehlfussbad bei beginnender Erkältung.

 

Evidenzbasierte Medizin mit ihrer Forderung nach randomisierten, kontrollierten, doppelblinden Studien und viele Verfahren der Komplementärmedizin stehen ja sozusagen auf dem Kriegsfuß. Haben Sie einen Lösungsvorschlag?

Prof. Kraft:
Evidenz wird bekanntlich nicht nur durch den genannten Studientyp generiert, er ist nur zur Prüfung von Arzneimitteln besonders gut geeignet. Da neben den Verfahren der Komplementärmedizin auch viele andere medizinische Methoden im Bereich der nichtmedikamentösen Verfahren an ihrem Evidenzbeleg arbeiten müssen, gibt es inzwischen viele Wissenschaftler, die sich dieser Problematik widmen und damit auch eine allmähliche Änderung der bisherigen etwas limitierten Sichtweise.

 

Welche Maßnahme reißt Sie aus dem Stimmungstief?

Prof. Kraft:
Ein freundlicher Anruf, Musik, ein Spaziergang, das Spektrum ist groß.

 

Kennen Sie eine humorige Anekdote aus dem Ärztestand oder der Medizinwelt?

Prof. Kraft:
Das Gespräch habe ich kürzlich in einer Apotheke gehört:

Die Kundin verlangt abschwellende Nasentropfen.

PTA: „Tropfen oder lieber ein Spray? Das ist doch viel praktischer.“

Kundin: „Ich nehme die Tropfen, die bekomme ich besser auf den Löffel.“

PTA: „Auf welchen Löffel denn?“

Kundin: „Ich nehme die Tropfen immer mit einem Teelöffel ein.“

PTA: „Das sind NASENtropfen. Die werden in die Nase getropft, nicht eingenommen.“

Kundin: „Ich habe diese Tropfen bisher immer eingenommen, weil ich dachte, dass Tropfen immer geschluckt werden müssen. Außerdem mag ich das Gefühl in der Nase nicht, wenn ich da irgendwas reintue.“

 

Sind Sie Mitglied von NATUR UND MEDIZIN und wenn ja, warum?

Prof. Kraft:
Ich bin Mitglied, weil durch den Mitgliedsbeitrag die Information der Bevölkerung über Naturheilverfahren und Komplementärmedizin verbessert wird.

Liebe Frau Professorin Kraft, vielen Dank für das Interview.

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Prof. Dr. med. Karin Kraft

Geboren 1952
Studium: Humanmedizin, Universität Bonn, 1974 – 1980
Promotion: Humanmedizin, Universität Bonn, 1980
Stipendiatin der DFG: Institut für Klinische Biochemie, Universität Bonn 1980 – 1981, Institut für Pharmakologie, Universität Heidelberg 1981 – 1983

Medizinische Poliklinik der Universität Bonn: 1983 – 2002
Ärztin für Innere Medizin: 1989
Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren: 1991
Habilitation (Innere Medizin): 1993
Zusatzbezeichnung Physikalische Therapie: 1999

12/2002 – Berufung Stiftungsprofessur für Naturheilkunde der Universitätsmedizin Rostock
02/2009, 03/2016 und 04/2019 – Wiederberufungen 

Publikationen:
13 Bücher, 26 Buchbeiträge, 333 Publikationen

Gremienarbeit:

  • Seit 1995: Mitglied der Kommission E am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Berlin/Bonn
  • Seit 2004: Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Naturheilkunde
  • Seit Mai 2010 Präsidentin der Gesellschaft für Phytotherapie, Wiederwahl 2013, 2016, 2019
  • Seit 11/2013 Stellvertreterin der Gesellschaft für Phytotherapie bei der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)

Prof Dr. med. Karin Kraft
Lehrstuhl für Naturheilkunde
Universitätsmedizin Rostock
Ernst-Heydemannstr. 6
18057 Rostock
Tel.:  +49 381 494-7413
Fax:   +49 381494-7477
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