Integrative Medizin
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One Health als Konzept der Zukunft
Gesundheitliche Herausforderungen des Anthropozän

One Health als Konzept der Zukunft

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Umweltmedizin Integrative Medizin

Die Grundlage des gegenwärtig vieldiskutierten Konzepts ‚One Health‘ ist die Anerkennung der unhintergehbaren Interdependenz von Lebewesen: Menschen, Tiere und Ökosysteme sind untrennbar miteinander verbunden; verschiedene Ansätze, die sich unter dem Begriff von ‚One Health‘ fassen lassen, berücksichtigen dies für die Ebene der Gesundheit.

Historische Grundlage und Einführung in das Konzept »One Health«

Die Annahme der Untrennbarkeit der Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem ist ein kulturelles und spirituelles Erbe, das jahrtausendealt ist und in verschiedenen Formen bis heute in diversen indigenen Kulturkreisen erhalten geblieben ist.
Für die moderne Medizin ist die Verbindung von Humanmedizin und Veterinärmedizin, die der erste Ansatzpunkt der One Health These ist, seit dem 19. Jahrhundert in der wissenschaftlichen Diskussion vertreten. Als prominentester Vertreter ist hier Rudolf Virchow aufzuführen, der davon ausging, dass zwischen Krankheitenim humanmedizinischen und veterinärmedizinischen Gebiet lediglich ein gradueller Unterschied besteht: Die Krankheiten von Lebewesen unterschieden sich nur um Detail, nicht aber von der grundlegenden Art, daher ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin elementarer Bestandteil für Erkenntnisfortschritte. (1)

Die Weiterentwicklung des One Health Konzepts ist insbesondere seit den 2000er Jahren vor dem Hintergrund von neu auftretenden Infektionskrankheiten zu beobachten. Die Implementierung des One Health Ansatzes nimmt aufgrund der gegenwärtigen Herausforderungen des Anthropozäns, wie dem Auftreten und der Verbreitung von Zoonosen sowie den mannigfaltigen Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit von Lebewesen, eine herausgehobene Stellung für Medizintheorie, innovative Forschungsansätze und die Neuausrichtung der akademischen Lehre im Rahmen eines multidisziplinären Ansatzes ein. Zentraler Ausgangspunkt gegenwärtiger One Health Initiativen bildet, so der amerikanische Forscher E. Paul Gibbs, die Implementierung einer weltweiten Strategie zur Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit, die humanmedizinische, veterinärmedizinische und ökologische Perspektiven in einem Ansatz vereint. (2)

Gegenwärtige One Health Initiativen, wie beispielsweise in Schweden, haben die enorme Reichweite dieses neuen Ansatzes, Gesundheit und Krankheit zu verstehen und zu behandeln, ausgearbeitet und unter einem Schirm zusammengefasst: (3) 

One Health Umbrella Schweden

Die momentane Interpretation des One Health Konzepts umfasst dabei deutlich mehr Bereiche als der interdisziplinäre Austausch zwischen Veterinär- und Humanmedizin in Forschung und Praxis. Insbesondere die Verbindung von individueller Gesundheit, öffentlicher Gesundheitsvorsorge, Gesundheit von Tierpopulationen und die Auswirkungen von veränderten Ökosystemen machen die Komplexität des One Health Ansatzes deutlich.

Zoonosen und Antibiotikaresistenzen: Symptome des Anthropozän

Der Fokus auf Zoonosen und Antibiotikaresistenzen sind zwei Aspekte des One Health Konzepts, die gegenwärtig viel Aufmerksamkeit erfahren und zu einer Ausweitung der interdisziplinären Zusammenarbeit von Veterinärmedizin, Humanmedizin und Ökologie beitragen. Hier stehen momentan vor allem die Entwicklung und Erweiterung von Mechanismen zur Überwachung und Kontrolle im Vordergrund. Dieser Bereich des One Health Konzepts ist auf der gesundheitspolitischen Ebene globaler Zusammenarbeit von Regierungen zu verorten und hat sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene bereits zur Etablierung von diversen interdisziplinären Programmen geführt, die Maßnahmen entwickeln, um den gesundheitlichen Gefahren durch Infektionskrankheiten und multiresistenten Keimen zu begegnen. (4)

Die Faktoren für das Auftreten von neuartigen Infektionskrankheiten und Antibiotikaresistenzen sind vielfältig, komplex und schließen gesellschaftspolitische Aspekte, Wild- und Nutztiergesundheit, Regierungs- und Gesundheitssysteme sowie Umweltveränderungen und die Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels mit ein: (5)

Infektionskrankheiten und Antibiotikaresistenzen

Das Auftreten von neuartigen Infektionskrankheiten hat den Menschen zwar schon immer begleitet, doch ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Von diesen Infektionskrankheiten sind ca. 75% Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen überspringen. (6) Als Ursachen für das gehäufte Auftreten von Zoonosen, die eine globale Gesundheitsgefahr darstellen, sind u.a. die Zerstörung des natürlichen Lebensraums der Tiere durch Landwirtschaft und Besiedelung, die Jagd, der Verkauf und Verzehr von Wildtieren sowie veränderte Lebensbedingungen durch den anthropogenen Klimawandel zu nennen. (7)

Die Implementierung des One Health Konzeptes im Bereich von Infektionskrankheiten an der Schnittstelle zwischen (Wild-)Tieren und Menschen baut gegenwärtig auf Überwachungsmechanismen und Modellen zur Vorhersage des Auftretens neuer Infektionskrankheiten auf. Zu den spezifischen Aktivitäten dieser nationalen und internationalen Programme gehören: Erstens der Ausbau von Überwachungs- und Laborkapazitäten, um das Auftreten neuer Krankheitserreger bei Tieren und Menschen zu untersuchen, die eine erhebliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit darstellen könnten. Zweitens ist die Charakterisierung der anthropogenen und ökologischen Faktoren für die Übertragung von Krankheiten von Tieren auf den Menschen zu nennen. Die Stärkung und Optimierung von Modellen zur Vorhersage des Auftretens von Krankheiten und die Nutzung dieser Informationen zur Verbesserung von Überwachungssystemen auf der internationalen Ebene ist auf forschungspragmatischer Ebene zu berücksichtigen. (8)

Foto Professor Andreas Michalsen | © Anja Lehmann
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Im Jahre 2004 wurden vor dem Hintergrund des gehäuften Auftretens von zoonotischen Krankheiten zwölf Prinzipien formuliert, die ein erweitertes Verständnis von Gesundheit und Krankheit im Rahmen multidisziplinärer Zusammenarbeit fordern, um den vielfältigen und komplexen Problemen des Anthropozäns zu begegnen. Berücksichtigung findet in diesen Prinzipien, neben der Regulierung des Wildtierhandels, die maßgebliche Rolle der Stabilität von Ökosystemen für die menschliche Gesundheit. Diese Stabilität ist einerseits durch Land- und Wassernutzung beeinträchtigt, andererseits wird in den 12 Prinzipien der Schutz der biologischen Artenvielfalt für intakte ökologische Systeme betont. (9)

Das Auftreten von Antibiotikaresistenzen, als weiterer Fokus von One Health, ist durch zwei Faktoren bedingt: Erstens ist der hohe Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung zu nennen, wodurch nicht nur im Rahmen der Fleischverarbeitung multiresistente Keime entstehen und übertragen werden können, sondern auch eine Beeinträchtigung des Grundwassers durch den intensiven Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung nachweisbar ist. Durch die Düngung landwirtschaftlicher Flächen gelangen Antibiotikarückstände in den Boden und gehen somit in das Grundwasser über. Zweitens ist die übermäßige Verordnung von Antibiotika in der humanmedizinischen Praxis aufzuführen, der mittlerweile stärker reguliert wird. Antibiotika gelangen durch den exzessiven Einsatz in Human- und Veterinärmedizin in Grundwasser und Böden, wodurch bestehende Ökosysteme nachteilig beeinflusst werden.

Sowohl im Kontext von Infektionskrankheiten als auch im Bereich der Antibiotikaresistenz ist deutlich zu erkennen, dass es nicht ausreichend ist, allein Individuen und Populationsdynamiken zu studieren, sondern der Fokus eines holistischen Verständnisses von Gesundheit und Krankheit muss über Individuum und Populationen hinausgehen und ‚Ökosysteme‘ als relevante Größen in der medizinischen Forschung und Praxis miteinbeziehen. (10)

Ökosysteme als relevante Größen in der Medizin

Das innovative und prägende Merkmal des aktuellen One Health Konzepts ist die Fokussierung auf ökologische Prozesse und umweltbezogene Komponenten als maßgebliche Faktoren für die Gesundheit von Mensch und Tier. Der Verlust von Biodiversität beispielsweise führt zu instabilen Ökosystemen, was das Auftreten und die Verbreitung neuer Infektionskrankheiten begünstigt. Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels, die als Kipppunkte im Klimasystem bezeichnet werden, bringen weitere Herausforderungen für eine globale Gesundheitsförderung mit sich, da nicht nur mit häufiger auftretenden Starkwetterereignissen zu rechnen ist, sondern sowohl die Versorgungssicherheit mit Wasser und landwirtschaftlichen Erzeugnissen bedroht ist als auch strukturelle Probleme durch steigende Meeresspiegel und Erosionen von Böden auftreten, die den Lebensraum von Mensch und Tier gleichermaßen weiter einschränken. Während die Bereiche der Veterinär- und Humanmedizin auf eine lange medizintheoretische Tradition zurückgreifen können, ist die Relevanz von Ökosystemen erst in den letzten Jahren für die medizinische Forschung erschlossen worden, sodass die Etablierung einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit dem Fachbereich der Ökologie bislang noch am Anfang steht. (11)

Ökosysteme als relevante Größen in der Medizin zu erforschen, bringt besondere Herausforderungen mit sich, die eine Veränderung der Konzeption von experimentellen Studien nach sich zieht, wobei die Ausweitung der Forschung auf sogenannte ‚Realexperimente‘ unerlässlich ist, da die Labor- und in silico-Forschung für die Erkenntnisgenerierung im Bereich der Biosphäre nicht ausreichend ist. Die weitreichenden Dimensionen ökologischer Ansätze, die im One Health Konzept zum Tragen kommt, sind das Studium von Populationsdynamik, Konzepte der Komplexität und Widerstandskraft von Ökosystemen sowie die Auswirkungen von menschlichen Handlungen auf Ökosysteme. Die Berücksichtigung der Komplexität und Dynamik von Ökosystemen benötigt indes neue Forschungsansätze, die es ermöglichen Entwicklungszyklen und Rückkoppelungsschleifen zu verstehen. (12)

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Resümee

Abschließend ist deutlich zu betonen, dass die Reichweite dieses neuen Konzepts über das Verständnis der individuellen Gesundheit bzw. Krankheit eines Menschen weit hinausreicht und neben der öffentlichen Gesundheitsvorsorge auch ein gesundes Ökosystem miteinschließt. Ein derart weit gefasster Begriff von Gesundheit mag auf den ersten Anschein sehr praxisfern und schwer umsetzbar in medizinischer Forschung und ärztlicher Praxis wirken. Doch bleibt festzuhalten, insbesondere angesichts der komplexen Herausforderungen des Anthropozäns, wie der Häufung von neu auftretenden Infektionskrankheiten, des epidemischen Anstiegs von sogenannten ‚Zivilisationskrankheiten‘ sowie der unabsehbaren Folgen der Klimakrise, die gegenwärtig bereits zu Versorgungsunsicherheiten und dem Verlust der Biodiversität führen, dass der Fokus einer globalen Medizin nicht mehr allein auf der isolierten Betrachtung des menschlichen Organismus als relevante Größe in der Medizin stehen bleiben kann, sondern eine Ausweitung dringend notwendig ist, die den Zusammenhang der Lebewesen im Ökosystem erkennt und deren Wohlergehen in den Mittelpunkt stellt.

Das One Health Konzept kann zu einem neuen Paradigma werden, in dem das Verständnis von Gesundheit zu einem umfassenden und voneinander abhängigen Kontinuum von Ökosystemen, menschlichen und tierischen Populationen wird, das den Erhalt der Biodiversität, Versorgungssicherheit, physisches und psychisches Wohlbefinden vollständig einbezieht. Ganzheitlich betrachtet ist die menschliche Gesundheit somit nur im Zusammenhang mit anderen Organismen innerhalb eines Netzwerks von Populationen, Gemeinschaften und Ökosystemen zu verstehen und zu bewahren.

Hier ist es auch von entscheidender Bedeutung, den Bereich der Naturheilkunde und Integrativen Medizin in das Konzept One Health zu implementieren und dies aus mehreren Gründen: Erstens wird der Mensch in vielen Medizinsystemen, die der Komplementärmedizin zuzuordnen sind, nicht als isoliert von der Biosphäre gesehen, sodass das holistische Verständnis Traditioneller Medizinsysteme als geistesgeschichtlicher Hintergrund in der evidenzbasierten Naturheilkunde heute noch Relevanz hat. Zweitens liegt der Präventionsaspekt vielen Ansätzen der evidenzbasierten Naturheilkunde zugrunde, sodass die Erhaltung der Gesundheit im Vordergrund steht, was für eine global angelegte, holistische Gesundheitsförderung unerlässlich ist: Salutogenese statt Pathogenese!

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Literatur zu »One Health als Konzept der Zukunft«

(1) Monath, T. P., Kahn, L. H., & Kaplan, B. (2010). One health perspective. ILAR journal, 51(3), 193-198. Artikel

(2) Gibbs, E. P. J. (2014). The evolution of One Health: a decade of progress and challenges for the future. Veterinary Record, 174(4), 85-91. Artikel

(3) Abbildung: One Health Initiative 2021

(4) Rabozzi, G., Bonizzi, L., Crespi, E., Somaruga, C., Sokooti, M., Tabibi, R., … & Colosio, C. (2012). Emerging zoonoses: the “one health approach”. Safety and health at work, 3(1), 77-83. Artikel

(5) Abbildung: Heukelbach, J. (2020). One Health & Implementation Research: Improving Health for All. One Health & Implementation Research, 1(1), 1-3. Artikel

(6) Barrett, M. A., Bouley, T. A., Stoertz, A. H., & Stoertz, R. W. (2011). Integrating a One Health approach in education to address global health and sustainability challenges. Frontiers in Ecology and the Environment, 9(4), 239-245. Artikel

(7) Atlas, R., Rubin, C., Maloy, S., Daszak, P., Colwell, R., & Hyde, B. (2010). One health—attaining optimal health for people, animals, and the environment. Microbe, 5(9), 383-389. Artikel

(8) Gibbs, E. P. J. (2014). The evolution of One Health: a decade of progress and challenges for the future. Veterinary Record, 174(4), 85-91. Artikel

(9) Wildlife Conservation Society USA (Robert A. Cook, William B. Karesh, and Steven A. Osofsky) The Manhattan Principles

(10) Evans, B. R., & Leighton, F. A. (2014). A history of One Health. Revue scientifique et technique (International Office of Epizootics), 33(2), 413-420. Abstract

(11) Evans, B. R., & Leighton, F. A. (2014). A history of One Health. Revue scientifique et technique (International Office of Epizootics), 33(2), 413-420. Abstract

(12) Preston, N. D., Daszak, P., & Colwell, R. R. (2013). The human environment interface: applying ecosystem concepts to health. One Health: The Human-Animal-Environment Interfaces in Emerging Infectious Diseases, 83-100. Abstract

Ursula Heim, M.A.
Ursula Heim, M.A.

Pressesprecherin i.V.

Öffentlichkeitsarbeit

bis 5/2021