Carstens-Stiftung: Dr. Rainer Scheer

Rubrik: Unsere Projekte

Dr. Rainer Scheer über die Misteltherapie

Interview mit dem Mitbegründer des Mistelsymposiums über die Herstellung von Mistelpräparaten und deren Anwendung in der Onkologie.

Wie wird aus der Mistel ein Arzneimittel gemacht?

In Deutschland sind Mistelpräparate zur Krebstherapie von fünf Herstellern erhältlich, vier davon aus der anthroposophischen Medizin, eines aus der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie). In allen Fällen handelt es sich um Gesamtextrakte aus der Mistelpflanze und um Injektionsarzneimittel.

Gemeinsam ist allen Mistelpräparaten der anthroposophischen Therapierichtung, dass sie auf zwei Impulsen Rudolf Steiners (Begründer der Anthroposophie) beruhen:

  • Mistelernte zu unterschiedlichen Jahreszeiten, d.h. Herstellung von zwei Extrakten, einem Sommersaft und einem Wintersaft. Man muss dazu auf Bäume klettern, denn die Mistel wächst als Kugelbusch auf Bäumen, Laub- und Nadelbäumen.
  • Mischung beider Säfte, um einen neuen Substanzzustand zu erreichen.

Dabei haben die vier Hersteller anthroposophischer Mistelpräparate unterschiedliche Verfahren zur Gewinnung wässriger Extrakte entwickelt, die dann in für die jeweiligen Präparate spezifisch entwickelten Verfahren und Geräten gemischt und verdünnt werden. Es resultieren unterschiedliche Mistelpräparate mit unterschiedlich stofflicher Zusammensetzung und Stärke.

Zusätzlich unterscheiden sich anthroposophische Mistelpräparate durch den Wirtsbaum, auf dem die Mistel gewachsen ist. Es resultieren unterschiedliche Arzneimittel. Diese werden zusätzlich zum Präparatenamen mit dem wissenschaftlichen Namen der Gattung des Wirtsbaums bezeichnet, z.B. Abietis (Tanne), Mali (Apfel), Quercus (Eiche) usw. Ferner werden von jedem Präparat unterschiedliche Konzentrationen angeboten.

Das Mistelpräparat der phytotherapeutischen Therapierichtung wird nur zu einem Erntezeitpunkt von einer Wirtsbaumart geerntet und nur in einer Stärke angeboten.

Alle Mistelpräparate aller Hersteller werden unter aseptischen Bedingungen nach Sterilfiltration in Glasampullen abgefüllt, denn die wichtigen immunaktiven und antitumoral wirkenden Inhaltsstoffe der Mistel wie Mistellektine und Viscotoxine sind hitzelabil. Alle Mistelpräparate aller Hersteller werden gemäß national und international gültiger gesetzlicher Vorgaben hergestellt und geprüft.

 

Wie werden Mistelpräparate in der Behandlung von krebskranken Menschen angewendet?

Mistelpräparate sind in Deutschland (je nach Hersteller auch in anderen Ländern) zugelassen, d.h. hinsichtlich ihrer pharmazeutischen Qualität, ihrer Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft. Im deutschsprachigen Raum wenden mehr als die Hälfte aller Tumorpatienten Mistelpräparate an. Diese wirken – je nach Dosis – immunmodulierend und direkt zytotoxisch (antitumoral), dabei sind Mistelpräparate gut verträglich. Die Kosten für eine Misteltherapie werden von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) erstattet, allerdings in der Regel nur in der Palliativsituation. In der adjuvanten Situation können Krankenkassen das in Einzelfällen tun.

Die Anwendung von Mistelpräparaten in der Tumortherapie ist in Deutschland von der Bundesoberbehörde, dem BfArM, zugelassen für die Behandlung bösartiger und gutartiger Tumoren, auch mit begleitenden Störungen der blutbildenden Organe, zur Rezidivprophylaxe nach Tumoroperationen, bei definierten Präcancerosen. Je nach Tumorentität werden ärztlicherseits unterschiedliche Wirtsbäume verwendet.

Die behördlich in Deutschland zugelassene Anwendungsart ist die subcutane Injektion, in langsam ansteigender Dosierung, zumeist 2-3 mal pro Woche in große leicht zugängliche Hautareale – z.B. Oberschenkel oder Bauch. Für die weitere Dosis ist wichtig, wie der Patient auf die Injektionen reagiert: in der Regel mit einer moderaten Lokalreaktion (Rötung, Verhärtung) an der Einstichstelle, leichte Temperaturerhöhung bis 38 °C, auch Rhythmisierung der Morgen-Abend-Differenz und Verbesserung des subjektiven Befindens.

Mistel wird – wie viele Arzneimittel in der Onkologie – nicht alleine, sondern im Rahmen von Therapiekonzepten, in denen die Mistel ein Bestandteil ist, eingesetzt. Besonders betonen möchte ich in diesem Zusammenhang die sog. Integrative Onkologie, in der verschiedene medizinische Verfahren, der konventionellen Onkologie (Schulmedizin) und der komplementären Onkologie (ergänzend) miteinander verknüpft werden. Der Grundgedanke dabei ist, den Patienten das Beste aus "allen Welten" zur Verfügung zu stellen und zusätzlich für die Einbeziehung des Patienten in seine Therapie zu sorgen ("Was kann ich selbst für mich tun?").

 

Wie ist die Studienlage zur Mistel-Anwendung?

Insgesamt gibt es etwa 150 klinische Studien mit Mistelpräparaten, klinische Studien mit unterschiedlichem Design und unterschiedlicher Qualität. Sie untersuchten den Einfluss der Mistelpräparate auf das Überleben, das Tumorverhalten, die Lebensqualität und die Verträglichkeit von Chemotherapie, Strahlentherapie oder Operation. Die Studien zeigen überwiegend einen Nutzen für die Mistelintervention. Das Fazit aus allen diesen Studien lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Patienten profitieren in allen Phasen einer Krebserkrankung von der Misteltherapie, im Detail heißt das:
    - Verbesserung der Lebensqualität: u.a. Fatigue, Schlaf(qualität), Appetit, Kräftigung, geringere Infektanfälligkeit, Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit
    - Tumorremissionen (in vielen publizierten Einzelfällen)
    - starke Hinweise auf Verlängerung der Überlebenszeit: Patienten leben länger bei guter Lebensqualität, Fortschreiten der Erkrankung wird verlangsamt
    - Verminderung der Nebenwirkungen konventioneller onkologischer Therapien
  • Mistelpräparate sind hochwirksame Arzneimittel, die ihren Platz in integrativen onkologischen Therapien haben.
  • Misteltherapie ist vor, während oder nach einer konventionell ausgerichteten Behandlung möglich.
  • Die Auswahl des Präparates, die Dosierung und auch die Dauer der Misteltherapie sind individuell.
  • In dem Maße, wie sich die onkologischen Therapien weiterentwickeln, muss sich auch die Misteltherapie weiterentwickeln.
  • Die Möglichkeiten der Misteltherapie sind bei Weitem nicht ausgeschöpft. Daher ist pharmazeutische und medizinische Forschung zur Mistel in der Tumortherapie weiterhin notwendig.

 

Im November 2019 findet zum 7. Mal das Mistelsymposium statt. Mit welchen Zielen wurde das Mistelsymposium ins Leben gerufen?

Das erste Mistelsymposium habe ich 1995 im Saarland zusammen mit Prof. Dr. Hans Becker, Apotheker, Lehrstuhlinhaber für Pharmazeutische Biologie der Universität des Saarlandes und Prof. Dr. Peter A. Berg, Arzt, Medizinische Klinik der Universität Tübingen gemacht. Und – von Anfang an – hat die Karl und Veronica Carstens-Stiftung das Projekt begleitet und finanziell unterstützt.

Das Ziel war und ist, Brücken zu bauen:

  • zwischen Pharmazie und Medizin – daher ist das Symposium themenmäßig so breit angelegt,
  • zwischen den besonderen Therapierichtungen, zu denen die Mistel gehört, und die natürlich ihre Unterschiede und Besonderheiten haben,
  • zwischen Grundlagenforschung und Anwendung, daher auch der Untertitel "Grundlagenforschung und Klinik",
  • zwischen konventioneller Medizin und komplementärer Medizin. Letzteres ist ganz besonders wichtig, aber schwierig und noch nicht gelungen. Ein erster Schritt, Interesse bei den klinischen Onkologen für das Symposium zu wecken, sind die seit dem 5. Mistelsymposium (2011) eingeführten klinischen Schwerpunktthemen (2019: siehe letzte Frage dieses Interviews).

Die Mistel in der Tumortherapie

Die Mistel in der Tumortherapie 4

35 wissenschaftliche Beiträge des sechsten Mistelsymposiums.
Der Einsatz der Mistel ist in den modernen multimodalen Therapieansätzen der integrativen Onkologie heute gängige Praxis. Verfolgt man dazu die wissenschaftlichen Publikationen der letzten Jahre, fällt eine arbeitsame, um Objektivität bemühte Normalität auf.

Logo des KVC Verlags in Essen: Lesen Sie sich gesund!

Das Ganze habe ich auf eine wissenschaftliche Basis gestellt. Es sollte ein wissenschaftliches Symposium werden, daher auch die diversen wissenschaftlichen medizinischen und pharmazeutischen Fachgesellschaften und das große Kollegium (siehe Kasten unten).

Es sollte ein Ort der Begegnung, der Diskussion, des wissenschaftlichen Austauschs, des Diskurses auf Augenhöhe werden: In- und ausländische Wissenschaftler, Ärzte, Behördenvertreter; Eintrittskarte: ein wissenschaftlicher Beitrag, keine Gebühren.

Es sollte publiziert werden, zuerst die Abstracts in Phytomedicine (Elsevier-Verlag, Online-Verfügbarkeit), dann, etwa 1 Jahr später, die Langfassungen der Beiträge in einem Buch im KVC-Verlag.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Symposiums: www.mistelsymposium.de

Was konnte das Symposium bisher erreichen?

Das Symposium selbst kann Verbindungen zwischen den Beteiligten herstellen, Anlass zu neuen Ideen, zur Zusammenarbeit geben, die zu neuen Wegen in der Therapie führen, und damit letztendlich dem Patienten zu Gute kommen.

Während dieser 25 Jahre Mistelsymposium ist einiges auf den Weg und auch zum Abschluss gebracht worden, z.B.:

  • die Strukturaufklärung von Mistelinhaltsstoffen,
  • die Erweiterung immunologischer Kenntnisse oder anderer präklinischer Befunde,
  • klinische Studien, die die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Mistelpräparaten gezeigt haben,
  • ärztliches Erfahrungswissen, das zu neuen Wegen und Vertrauen in der Therapie geführt hat,
  • oder auch die Diskussionen und Beiträge von Behördenvertretern, die ebenso zu sachorientierten Entscheidungen und Sichtweisen geführt haben.

Alles nachzulesen in den mittlerweile 6 Büchern des KVC-Verlags.

Auch "politische Stellungnahmen" seitens des Mistelsymposiums gab es. In insgesamt zwei sog. Nonnweiler Erklärungen (2003 und 2011) stellten die beim Symposium versammelten Teilnehmer*innen Forderungen hinsichtlich des Beibehaltens der Erstattungsfähigkeit von Mistelpräparaten durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV).

 

Welche Themen erwarten die Teilnehmer beim 7. Mistelsymposium?

Die Spanne ist wieder breit gefächert, von der Biologie, der Botanik, der Pharmazie, den Besonderheiten der Mistel – sie verhält sich in ihrem Stoffwechsel anders als andere Pflanzen – der Erweiterung immunologischer Zusammenhänge, bis hin zur Therapie, Berichten von Ärzten über besondere Therapieverläufe und zahlreiche klinische Studien.

Schwerpunktthemen des 7. Mistelsymposiums sind die Therapie des Mamma- und des Bronchialkarzinoms, sowie psycho-onkologische Themen. Besonders gefreut hat mich, bei der Vorbereitung der Tagung, die große Resonanz, die Vielzahl der Beiträge – über 63 Beiträge – von Forschern und Ärzten und ihren Arbeitsgruppen aus dem In- und Ausland. Auf Grund der zahlreichen nicht-deutschsprechenden Teilnehmer*innen haben wir eine Simultanübersetzung ins Englische etabliert. Die Mistel ist international geworden.

Dr. rer. nat. Rainer Scheer

ist Apotheker und Mitarbeiter im Carl Gustav Carus-Institut. Weitere Informationen


Dieser Artikel erschien in der Kategorie: Rubrik: Unsere Projekte

Unterstützen Sie unsere Arbeit

und stärken Sie mit Ihrer Spende Naturheilkunde und Homöopathie.

 

„Der Arzt und die Ärztin der Zukunft sollen zwei Sprachen sprechen, die der Schulmedizin und die der Naturheilkunde und Homöopathie. Im Einzelfall sollen sie entscheiden können, welche Methode die beste für den Patienten ist.“

(Veronica Carstens)

Immer gut informiert –

der Newsletter der
Carstens-Stiftung
 

✓ einmal im Monat
✓ gratis
✓ jederzeit kündbar

 

Mitglieder profitieren
mehrfach –

alle Infos zur
Fördermitgliedschaft

mehr erfahren

Unsere beliebtesten Artikel:

Bluthochdruck?
Was Sie jetzt tun können.

Ihre (innere) Uhr geht falsch?
Wie Sie sie richtig stellen.

Tierisch krank?
Homöopathie für Hund und Katze.

Erkältung?
Was Sie jetzt tun können.

Erntezeit?
Was Äpfel und Kartoffeln können.

Im Herbst in den Wald?
Was der Wald kann.