Neuropathie nach Chemotherapie: Hilft Akupunktur?
Veröffentlicht am
Onkologie Akupunktur
Als Nebenwirkung einer Chemotherapie können Missempfindungen in Händen oder Füßen auftreten. (2) Taubheit, Kribbeln oder auch Schmerz beeinträchtigen dann die Lebensqualität der Patient*innen zusätzlich (3). Eine Methode, mit welcher sich die sogenannte Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) verhindern ließe, ist bis dato nicht bekannt; und lindernde Mittel wie Duloxetin bergen ihrerseits das Risiko von Nebenwirkungen (4). Die vorliegende Studie (1) prüft daher, ob Akupunktur – solo und im Verbund mit weiteren integrativ-medizinischen Verfahren – die Beschwerden CIPN-Betroffener lindern kann.
Studienaufbau
Insgesamt 168 Patient*innen mit CIPN wurden in die Studie eingeschlossen. Es handelte sich dabei um weibliche Patientinnen mit Brust- oder gynäkologischer Krebserkrankung, die mit Taxan-basierter Chemotherapie behandelt wurden oder um Patient*innen beiderlei Geschlechts mit malignen hämatologischen Erkrankungen, die mit neurotoxischen Chemotherapeutika behandelt wurden. 136 von ihnen präferierten eine integrativ-medizinische Intervention und wurden zufällig entweder der Akupunktur-Gruppe zugeteilt (69 Proband*innen) oder erhielten Akupunktur und dazu noch weitere integrativ-medizinische Interventionen wie manuelle Therapie oder Mind-Body-Verfahren (67 Proband*innen). Die restlichen 32 Proband*innen erhielten die Standardtherapie und bildeten die Kontrollgruppe. Der Interventionszeitraum betrug 6 Wochen.
Primär ausschlaggebend für die Bewertung war die Auswirkung auf die CIPN-Symptome, sekundär wurden auch subjektive Berichte sowie objektivierte Eindrücke der Lebensqualität berücksichtigt. Zum Einsatz kamen dabei die Fragebögen Functional Assessment of Cancer-Therapy-Taxane (FACT-Tax), European Organization for Research and Treatment of Cancer Quality of Life Questionnaire (EORTC) und Measure Yourself Concerns and Well-being (MYCAW). Ebenso wurde der Von-Frey-Test zur Überprüfung der mechanischen Berührungs- und Schmerzempfindlichkeit der Haut angewendet.
Krebs und Nebenwirkungen der Therapie
Die konventionelle Krebstherapie sinnvoll ergänzen und deren Nebenwirkungen mildern
Die konventionelle Krebstherapie sinnvoll ergänzen und deren Nebenwirkungen mildern
ISBN: 978-3-96562-071-1
Erscheinungsjahr: 2022
8,00 EUR
Zum Shop »Ergebnisse
Von Studienbeginn bis zum Abschluss des Interventionszeitraums nach 6 Wochen zeigte sich in beiden Akupunktur-Gruppen im Vergleich mit der Kontrollgruppe eine signifikant stärkere Verbesserung im FACT-Tax, darunter sowohl die neuropathischen Symptome betreffend (insbesondere Taubheit, Kribbeln oder Unbehagen in Händen oder Füßen), als auch das emotionale Wohlbefinden. Ebenso zeigte der EORTC in den Akupunktur-Gruppen eine signifikante Verbesserung in der physischen Funktionsfähigkeit, hinsichtlich Fatigue sowie Schmerzen im Vergleich mit der Kontrollgruppe. Im MYCAW, der die Sorgen der Proband*innen abfragt, zeigte sich in den Akupunktur-Gruppen ein signifikanter Rückgang der beiden größten Sorgen sowie ebenso eine signifikante Steigerung des Wohlbefindens. Die im Rahmen des Von-Frey-Tests durchgeführten Messungen zeigten jedoch in keiner der drei Gruppen eine signifikante Veränderung der Hautempfindlichkeit.
Einschätzung
Laut Studie können Patient*innen unter Chemotherapie, die unter CIPN leiden, von Akupunktur profitieren. Ob die Akupunktur als Einzelmaßnahme oder im Verbund mit weiteren integrativ-medizinischen Interventionen angewendet wird, scheint für einen kurzfristigen Effekt (6 Wochen) nicht stark entscheidend zu sein: In der Solo-Akupunktur-Gruppe fiel die Linderung für Missempfindungen in den Füßen etwas besser aus, in der Akupunktur-Kombinationsgruppe hingegen waren die Werte für allgemeines Wohlbefinden etwas höher. Dies ist vermutlich auf die Herangehensweise – Akupunktur gegen Beschwerden versus multimodale Therapie als ganzheitlicher(er) Ansatz – zurückzuführen. In beiden Fällen wird es sich jedoch auszahlen, „am Ball zu bleiben“: Nach 9 Wochen (also 3 Wochen nach Interventionsende) waren die Unterschiede zwischen den drei Gruppen nämlich nicht mehr signifikant.
Als Schwächen der Studie kann angeführt werden, dass sie nicht verblindet war, d.h. die Patient*innen wussten, welche Intervention sie erhalten, und dass es keine Placebo-Kontrolle in Form einer Schein-Akupunktur gab.
Literatur zu "Neuropathie nach Chemotherapie: Hilft Akupunktur?"
1) Ben-Arye E, Hausner D, Samuels N, Gamus D, Lavie O, Tadmor T, Gressel O, Agbarya A, Attias S, David A, Schiff E. Impact of acupuncture and integrative therapies on chemotherapy-induced peripheral neuropathy: A multicentered, randomized controlled trial. Cancer. 2022 Oct;128(20):3641-3652. doi: 10.1002/cncr.34422. Epub 2022 Aug 12. PMID: 35960141. Link
2) Seretny M, Currie GL, Sena ES, et al. Incidence, prevalence, and predictors of chemotherapy induced peripheral neuropathy: a systematic review and meta-analysis. Pain. 2014; 155(12): 2461-2470. Link
3) Kolb NA, Smith AG, Singleton JR, et al. The association of chemotherapy-induced peripheral neuropathy symptoms and the risk of falling. JAMA Neurol. 2016; 73(7): 860-866. Link
4) Smith EM, Pang H, Cirrincione C, et al. Alliance for Clinical Trials in Oncology. Effect of duloxetine on pain, function, and quality of life among patients with chemotherapy-induced painful peripheral neuropathy: a randomized clinical trial. JAMA. 2013; 309: 1359-1367. Link







