Die nächste Etappe der Integrativen Medizin
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Wissenschaft Integrative Medizin
Wie gelingt es, wissenschaftliche Erkenntnisse der Integrativen Medizin dort wirksam werden zu lassen, wo sie gebraucht werden – im Versorgungsalltag der Patientinnen und Patienten? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch das Symposium der Karl und Veronica Carstens-Stiftung, zu dem sich Mitte Juni die führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Integrativen Medizin in Essen trafen.
Impressionen vom Symposium der Karl und Veronica Carstens-Stiftung
18. und 19.06.2026 | Fotos: Marc Dahlhoff
Wie lassen sich erfolgreiche Ansätze dauerhaft in die Gesundheitsversorgung integrieren?
An zwei Tagen bot das Stiftungssymposium Raum für den Austausch über laufende Forschungsprojekte, neue Studien und gemeinsame Perspektiven. Das Themenspektrum reichte von naturbasierten Therapien über Lebensstilmedizin bis hin zur Integrativen Onkologie, Präventions- und Versorgungsforschung. Neben der Präsentation einzelner Ergebnisse standen insbesondere die wissenschaftliche Diskussion und der Blick auf die nächsten Entwicklungsschritte im Mittelpunkt.
Deutlich wurde dabei, dass sich die Integrative Medizin zunehmend einer neuen Herausforderung stellt: Nicht allein der Nachweis der Wirksamkeit von Verfahren, also das Schaffen von Evidenz, ist entscheidend – ebenso wichtig ist die Frage, wie sich erfolgreiche Ansätze dauerhaft in die Gesundheitsversorgung integrieren lassen. Wie müssen Interventionen gestaltet sein, damit sie im Alltag der Patientinnen und Patienten auch praktikabel sind? Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit innovative Versorgungskonzepte ihren Weg in die Regelversorgung finden? Und wie lassen sich Forschungsergebnisse so kommunizieren, dass sie auch gesundheitspolitische Entscheider und die Arbeit der Krankenkassen erreichen?
Vermeiden von Isolation, Stressresistenz und Selbstwirksamkeit
Diese Fragen spiegelten sich in vielen Programmpunkten wider. So wurde diskutiert, wie innovative Technologien – etwa das Waldbaden mittels VR-Brille und durch den Einsatz von Duftstoffen – wissenschaftlich belastbar untersucht und gleichzeitig alltagstauglich gestaltet werden können. Andere Beiträge machten deutlich, welche Bedeutung Selbstwirksamkeit und die Anpassung der Therapie an die individuelle Situation für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder dem Fatigue-Syndrom haben. Immer wieder zeigte sich dabei: Integrative Medizin versteht Gesundheit als Zusammenspiel körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren – und sucht nach Lösungen, die diesem komplexen Anspruch gerecht werden. Dazu gehört es beispielsweise auch, die Stressresistenz pflegender Angehöriger und weiterer Caregiver oder das Vermeiden von Isolation und Einsamkeit als gesundheitlicher Faktor im Blick zu haben.
Das beste Ergebnis ist, dass „nichts“ geschieht
Angesichts zunehmender Zivilisationserkrankungen wie der Demenz, für die es noch keine kurativen Therapien gibt, bildete die Präventionsforschung einen Schwerpunkt. Ihr größter Erfolg ist häufig kaum sichtbar: Wenn präventive Maßnahmen wirken, bleiben Erkrankungen aus oder schreiten langsamer voran. Zugespitzt ausgedrückt: Das beste Ergebnis ist, dass „nichts“ geschieht. Gerade deshalb wurde erörtert, wie sich der gesellschaftliche und gesundheitliche Wert präventiver Ansätze künftig noch besser darstellen lässt – nicht zuletzt mit Blick auf die Herausforderungen eines Gesundheitssystems, das zunehmend unter wirtschaftlichem Druck steht.
Wie findet Wissen den Weg dorthin, wo es seinen Nutzen entfalten kann?
Den Abschluss bildete ein Ausblick auf die Zukunft der Integrativen Medizin. Neben der weiteren Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses standen insbesondere Translation und Implementierung im Fokus. Einigkeit bestand darüber, dass dies nur im Dialog gelingen kann: zwischen Wissenschaft, Politik, Krankenkassen, medizinischen Fachgesellschaften, Hausarztpraxen und den Patientinnen und Patienten selbst. Das Stiftungssymposium machte deutlich, dass die Integrative Medizin in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten ist. Die wissenschaftliche Evaluation evidenzbasierter Verfahren bleibt ihr Fundament. Gleichzeitig rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie dieses Wissen den Weg dorthin findet, wo es seinen Nutzen entfalten kann. Genau darin sehen die Forschenden eine der entscheidenden Aufgaben der kommenden Jahre.
Die Integrative Medizin ist wissenschaftlich erwachsen geworden. Jetzt beginnt die nächste Etappe: Evidenz muss Versorgung werden. Dass sich heute Millionen Menschen aktiv mit Prävention und Gesundheit beschäftigen, eröffnet uns die Chance, fundiertes Wissen noch wirksamer in Gesellschaft und Gesundheitswesen zu verankern.
Prof. Dr. Andreas Michalsen

























