Komplementäre und
Integrative Medizin
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Komplementärmedizin, Integrative Medizin, Naturheilkunde – was ist das eigentlich?
Expertenkonsens zur Kernterminologie in Deutschland

Komplementärmedizin, Integrative Medizin, Naturheilkunde – was ist das eigentlich?

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Wissenschaft Integrative Medizin Komplementärmedizin Naturheilkunde

Sowohl in der Bevölkerung als auch in der Forschung existiert bislang national wie international keine einheitliche Terminologie für den Bereich der Naturheilkunde / Komplementärmedizin. Erstmals sollen nun mittels Delphi-Methode präzise Definitionen der deutschen Kernbegriffe entwickelt und so ein Konsens erarbeitet werden. Angestrebt wird die Einbeziehung aller relevanten Expert*innen, darunter interdisziplinäre Kliniker*innen und Wissenschaftler*innen, Patient*innen und weitere Vertreter*innen der Allgemeinbevölkerung, Krankenkassenvertreter*innen und politische Entscheidungsträger*innen.

Eine Umfrage in Deutschland im Jahr 2004 mit 1100 Teilnehmenden ergab, dass „Naturheilverfahren“ (NHV) von 50-70% der Bevölkerung genutzt werden. (1) Diese Zahlen konnten in einer von der Carstens-Stiftung geförderten Umfrage mit 4065 Teilnehmenden in 2023 bestätigt werden. (2) Allerdings ging aus dieser neuen Umfrage ebenfalls deutlich hervor, dass es Unklarheiten zu den wesentlichen Begriffen aus dem Spektrum der „Naturheilkunde“ (NHK), beispielsweise „Alternativmedizin“ (AM), „Komplementärmedizin“ (KM) oder „Integrative Medizin“ (IM), gibt.

Diese Problematik spiegelt sich seit Jahrzehnten ebenso im akademischen Austausch der in diesem Feld wissenschaftlich arbeitenden Expert*innen wider. Dort sind zusätzlich Kombinationen wie das vom National Institute of Health (NIH) geprägte „Komplementäre und Alternative Medizin“ (engl. CAM) oder inzwischen „Komplementäre und Integrative Medizin“ (KIM) geläufig. Das wirft die Frage auf: Wovon wird hier eigentlich genau gesprochen?

Unklarheit in den Begrifflichkeiten

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannte bereits 2009 an, dass „Traditionelle Medizin“ (TM) ein wesentlicher Bestandteil des globalen Gesundheitssystems ist bzw. sein sollte. (3) Sie definiert den Begriff als „Gesamtheit der Kenntnisse, Fähigkeiten und Praktiken, die auf den Theorien, Überzeugungen und Erfahrungen verschiedener Kulturen beruhen, und die zur Erhaltung der Gesundheit sowie zur Vorbeugung, Diagnose, Verbesserung oder Behandlung von körperlichen und geistigen Krankheiten eingesetzt werden“. (4) Außerdem weist die WHO darauf hin, dass TM in manchen Ländern gleichbedeutend mit KM bzw. AM verwendet werde, sieht beide Begriffe demnach als synonym. KM und AM bezieht sich laut WHO allerdings auf ein breites Spektrum von Gesundheitspraktiken, die nicht Teil der eigenen Tradition oder der „Schulmedizin“ des betreffenden Landes und nicht vollständig in das vorherrschende Gesundheitssystem integriert seien. Gleichzeitig sind in der wissenschaftlichen Literatur aber ebenso die Bezeichnungen „Traditionelle, Komplementäre und Alternative Medizin“ (engl. TCAM) und „Traditional, Complementary and Integrative Health“ (TCIH) zu finden. Es wird mehr als deutlich: Weder international noch national gibt es eine einheitliche Terminologie.

Konsensfindung im Delphi-Prozess

Diese Uneinigkeit sorgt für Verunsicherung im Austausch, weil nie sichergestellt werden kann, dass derselbe Gegenstand gemeint ist – und sie bremst die Forschung, weil die Vergleichbarkeit der Ergebnisse leidet. Mit Unterstützung der Carstens-Stiftung sollen daher nun zunächst für die deutschen Kernbegriffe aus dem Bereich der traditionellen, komplementären und integrativen Medizin und Naturheilkunde trennscharfe Definitionen erarbeitet werden. Hierfür ist ein modifiziertes Delphi-Konsensverfahren mit mindestens einer Live-Gruppendiskussion sowie vier strukturierten Fragebogenrunden und ggf. weiteren zwischengeschalteten Live-Diskussionen vorgesehen. Das Verfahren ist iterativ aufgebaut und integriert einen Feedbackprozess, der am Ende eine Meinungskonvergenz ermöglichen soll. (5)

Delphi-Prozess zur Konsensfindung

Das Projekt ist angesiedelt am ACoNIG e.V. und wird geleitet/federführend durchgeführt von der AG von Prof. Dr. med. Christian Keßler, Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention, Universitätsklinikum Augsburg. Das Besondere: Angestrebt wird die Einbeziehung von in Deutschland tätigen Expert*innen, die im Forum universitärer Arbeitsgruppen für Naturheilverfahren und Komplementärmedizin aktiv sind, interdisziplinärer Kliniker*innen und Wissenschaftler*innen, die im Bereich NHK/TCIM arbeiten sowie Patient*innen, die regelmäßig TCIM-Verfahren nutzen und weitere Vertreter*innen der Allgemeinbevölkerung. Ebenso werden Krankenkassenvertreter*innen und politische Entscheidungsträger*innen eingeladen, sich am Delphi-Prozess zu beteiligten.

Prof. Dr. Christian Keßler, Universitätsklinikum Augsburg
Prof. Dr. Christian Keßler, Universitätsklinikum Augsburg

Im ersten Projektteil konnte bereits eine Arbeitsliste mit 24 Kernbegriffen, davon 14 übergeordneten Begriffen, erarbeitet werden. Darunter:

  • Naturheilkunde
  • Naturheilverfahren
  • Naturheilmittel
  • Integrative Medizin
  • Integrative Gesundheitsversorgung
  • Komplementärmedizin
  • Alternativmedizin
  • Traditionelle Medizin

Die abschließenden Ergebnisse des Projektes werden 2028 erwartet.

Prof. Dr. med. Christian Keßler

Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention, Universitätsklinikum Augsburg
weitere Infos

Die Carstens-Stiftung

Die gemeinnützige Karl und Veronica Carstens-Stiftung wurde 1981 vom damaligen Bundespräsidenten und seiner Ehefrau gegründet. 40 Jahre nach ihrer Gründung ist die Carstens-Stiftung eine bedeutende Wissenschaftsorganisation auf dem Gebiet der Naturheilkunde und Komplementärmedizin und hat mit einer Fördersumme von 40 Millionen Euro über 300 Forschungsprojekte unterstützt. Sie setzt sich für die Verankerung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin in der medizinischen Forschung und Patientenversorgung ein. Hauptaufgaben sind die Förderung wissenschaftlicher Forschung und des medizinischen Nachwuchses sowie die fundierte Aufklärung über Anwendung und Nutzen naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Verfahren.

Literatur zu "Komplementärmedizin, Integrative Medizin, Naturheilkunde – was ist das eigentlich?"

1) Härtel, U. and E. Volger, [Use and acceptance of classical natural and alternative medicine in Germany-- findings of a representative population-based survey]. Forschende Komplementarmedizin und klassische Naturheilkunde = Research in complementary and natural classical medicine, 2004. 11 6: p. 327-34. Link

2) Jeitler, M., M. Ortiz, B. Brinkhaus, M. R. Sigl, R. Hoffmann, M. Trübner, A. Michalsen, M. B. Wischnewsky, C. S. Kessler, Use and Acceptance of Traditional, Complementary and Integrative Medicine (TCIM) in Germany – an Online Representative Cross-sectional Study. Frontiers in Medicine (in peer-review), 2024. Link

3) World Health Organization. 62nd World Health Assembly. WHA62/2009/REC/1. 2009. [Accessed February 11, 2024]. Link

4) World Health Organization. Traditional, Complementary and Integrative Medicine. n.d. [Accessed February 11, 2024]. Link

5) Hsu, C.-C. and B. Sandford, The Delphi Technique: Making Sense Of Consensus. Practi-cal Assessment, Research and Evaluation, 2007. 12. Link

Erfahrung für eine Medizin der Zukunft
Ein Streifzug durch vier Jahrzehnte Forschungsförderung

Michèl Gehrke, M.A.
Michèl Gehrke, M.A.

Pressesprecher

Telefon: 0201 56 305 61