Integrative Onkologie im Kriegsgebiet: Hat Akupunktur einen Zusatznutzen?
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Onkologie Akupunktur
Patient*innen mit Krebserkrankungen haben ohnehin mit starken Einbußen der Lebensqualität zu kämpfen, geo-politische Faktoren können die Situation allerdings zusätzlich verschärfen. Einer dieser Faktoren ist leider auch Krieg, der natürlich eine enorme psychische Belastung darstellt. Die vorliegende Studie (1) untersucht, ob Patient*innen, die zwischen August 2024 und Januar 2025 im Norden Israels in integrativ-onkologischer Behandlung waren, zusätzlich von Akupunktur profitierten.
Studienaufbau
Insgesamt 125 Patient*innen wurden in die Studie eingeschlossen. Das Medianalter lag bei 65 Jahren und 83,2% der Proband*innen waren weiblichen Geschlechts. Neben der Einschränkung der Lebensqualität durch den Krebs plagte die Teilnehmenden auch mindestens eine Kriegs-bedingte Sorge, beispielsweise die Angst vor Raketenangriffen.
Zwei randomisierte Gruppen wurden gebildet: 67 Patient*innen in Gruppe A erhielten im Rahmen ihrer onkologischen Behandlung zusätzliche Entspannungs-Therapie (u.a. Atemübungen, geführte Visualisierungstechniken und Berührung) sowie Akupunktur, die 58 Patient*innen in Gruppe B erhielten nur zusätzlich die Entspannungs-Therapie, aber keine Akupunktur. Die Interventionen dauerten jeweils etwa 30 Minuten und fanden einmal wöchentlich über einen Zeitraum von drei Wochen statt.
Zur Erhebung der möglichen Effekte auf die Lebensqualität kamen zum Einsatz der „Measure Yourself Concerns and Wellbeing“-Fragebogen (MYCaW), die „Edmonton Symptom Assessment Scale“ (ESAS) und der „European Organization for Research and Treatment of Cancer Quality of Life“-Fragebogen (EORTC QLQ-C30). Ebenso wurde die Herzfrequenzvariabilität (HRV) gemessen.
Diagnose Krebs
Selbsthilfe bei den Traumata und Nebenwirkungen der Therapie
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ISBN: 978-3-96562-079-7
Erscheinungsjahr: 2023
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Im Vergleich zwischen Studienbeginn und dem Zeitpunkt unmittelbar nach Interventionsende wurde in beiden Gruppen eine vergleichbare Steigerung der Lebensqualität verzeichnet. So verbesserte sich die ESAS Schmerz-Bewertung von 6.03±3.09 auf 2.79±2.86 Punkte in Gruppe A und von 6.32±2.98 auf 4.32±3.47 in Gruppe B. Gleiches gilt für die Schmerz-Bewertung mittels MYCaW, die sich in Gruppe A von 5.00±1.13 auf 2.74±1.96 verbesserte und in Gruppe B von 5.07±1.39 auf 3.27±2.49. Einen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen stellte dies jedoch nicht dar. Ähnliches gilt für die ESAS-Bewertung von Angst, Depression und Fatigue sowie die MYCaW-Bewertung von Wohlbefinden.
Die HRV-Messungen zeigten im Vergleich zwischen Studienbeginn und unmittelbar nach Interventionsende zwar eine signifikant größere Abnahme in LN Power Total, LN Power LF und LN Power VLF und eine signifikant stärkere Zunahme in Relative Power HF in Gruppe A – aber keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich LF/HF-Verhältnis, PNN50, RMSSD oder RMSSD/SDNN-Verhältnis innerhalb oder zwischen den Gruppen. SDNN verringerte sich signifikant in Gruppe A, aber die Herzfrequenz wiederum stärker signifikant in Gruppe B.
Nach einer dreiwöchigen Nachbeobachtungszeit hatte sich die Schmerz-Bewertung anhand des EORTIC in beiden Gruppen signifikant verbessert, von 62.90±59.63 auf 47.04±36.78 in Gruppe A und von 56.74±40.77 auf 35.11±35.14 in Gruppe B. Ähnliches traf für die Bewertungen von emotionalem Zustand, Angst und Fatigue zu. Einen signifikanten Unterschied im Vergleich der beiden Gruppen oder einen vorteilhaften Effekt der Akupunktur gab es jedoch auch zu diesem Zeitpunkt nicht. Stattdessen zeigte sich sogar in Gruppe B eine stärkere Besserung in ESAS und MYCaW hinsichtlich Schmerz als in Gruppe A. Dafür hatte sich die per EORTIC erfasste kognitive Funktion und per ESAS erfasste Depression nur in Gruppe A verbessert.
Einschätzung
Die gute Nachricht: Anhand der Daten lässt sich folgern, dass die Entspannungs-Therapie zu einer Steigerung der Lebensqualität – sogar unter den schwierigen Umständen in einem Kriegsgebiet – beigetragen hatte. Insbesondere die Bewertung des Schmerzes besserte sich. Die zusätzliche Akupunktur brachte den Patient*innen in Gruppe A in dieser Studie jedoch keine nennenswerten Vorteile – am ehesten lassen noch die HRV-Messungen vielleicht eine erhöhte Parasympathikus-Aktivität vermuten.
Anzumerken ist allerdings: Die Entspannungs-Therapie war leider nicht standardisiert, sodass nicht jede*r Patient*in die gleiche Behandlung erfahren hat, was die Vergleichbarkeit erschwert. Zukünftige Studien sollten außerdem eine längere Nachbeobachtungszeit als nur drei Wochen berücksichtigen.
Literatur zu "Integrative Onkologie im Kriegsgebiet: Hat Akupunktur einen Zusatznutzen?"
1) Ben-Arye E, Vagedes J, Kassem S, Samuels N, Lavie O, Zaritsky V, Gressel O. Adding Acupuncture to Touch/Relaxation for Pain in Wartime: A Randomized Controlled Trial. J Pain Symptom Manage. 2026 Mar;71(3):e387-e395. doi: 10.1016/j.jpainsymman.2025.12.001. Epub 2025 Dec 9. PMID: 41380985. Link



