Strahlungs-Dermatitis: Prophylaxe mittels TCM-Gel?
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Onkologie TCM
Etwa die Hälfte aller Patient*innen mit diagnostizierter Krebserkrankung erhalten eine Strahlentherapie, was sie zu einem integralen Bestandteil der modernen Onkologie macht. Doch leider hat sie auch Nebenwirkungen: Die sogenannte Strahlungs-Dermatitis kommt bei 90-95% der Therapieempfangenden vor, in etwa 87% der Fälle sind die Hautreaktionen mittel- bis schwergradig. (2) Die Symptome einer akuten Strahlungs-Dermatitis reichen dabei von Rötung der Haut über trockene bis zu nässender Schuppung. (3,4) Zu den Spätfolgen gehören Teleangiektasien (dauerhaft erweiterte Blutgefäße), Pigmentierung, Hautatrophie („Pergamenthaut“), Dermatosklerose (Verhärtung der Haut) und Keratose (Verhornungsstörung der Haut). (5) Dies alles kann dazu führen, dass eine eigentlich notwendige Strahlentherapie verkürzt oder abgebrochen werden muss. (6) Einer Prophylaxe, mit der die Haut wirksam geschützt werden kann, kommt daher eine hohe Bedeutung zu. Die vorliegende Studie (1) prüft, ob ein pflanzliches Gel diese Funktion übernehmen kann.
Das Gel
Das Gel wurde auf Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) entwickelt, in welcher Strahlung als „feuriges Gift“ oder „heiße Verbrennung“ angesehen wird. (7) Es besteht aus Ethanol- und Wasserextrakten von vier Pflanzen: den Wurzeln des Chinesischen Goldfadens (Coptis chinensis Franch.), der Rinde des Chinesischen Korkbaums (Phellodendron chinense Schneid), den Wurzeln und dem Rhizom des Japanischen Knöterichs (Polygonum cuspidatum Sieb. et Zucc) und den Blättern des Lippenblütlers Callicarpa nudiflora Hook. et Arn. Auf 1g Gel entfielen die beiden Hauptbestandteile Berberin Hydrochlorid mit mindestens 1.7 mg und Palmatinchlorid mit mindestens 0.7 mg.
Studienaufbau
Insgesamt 72 Patient*innen mit Lungen-, Brust-, Kopf- oder Hals-Karzinomen, die sich einer Strahlentherapie (≥6 Megavolt-Röntgenstrahlen, 2 Gray pro Fraktion täglich an 5 Tagen pro Woche) für 4 Wochen oder länger unterziehen mussten, wurden in die Studie eingeschlossen. Zufällig wurden zwei Gruppen gebildet: die eine Hälfte der Proband*innen trug das Gel prophylaktisch mindestens 4 Stunden vor Beginn der jeweiligen Bestrahlungs-Sitzungen auf, die andere Hälfte erst nach Auftreten einer Strahlungs-Dermatitis 2. Grades. Beide Gruppen waren vergleichbar: das mittlere Alter lag bei 59 bzw. 61 Jahren und jeweils 58% waren weiblichen Geschlechts. Die meisten Patient*innen hatten Krebs im Stadium III oder IV und der ECOG-Performance-Status lag bei 1 (bei 89% der Teilnehmenden). Die Gesamt-Strahlendosis lag im Schnitt in beiden Gruppen bei 60 Gray. In der Prophylaxe-Gruppe musste ein Patient die Strahlentherapie vorzeitig abbrechen, sodass schlussendlich die Daten von 71 Patient*innen ausgewertet werden konnten.
Krebs und Nebenwirkungen der Therapie
Die konventionelle Krebstherapie sinnvoll ergänzen und deren Nebenwirkungen mildern
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ISBN: 978-3-96562-071-1
Erscheinungsjahr: 2022
6,90 EUR
Zum Shop »Ergebnisse
Hinsichtlich des Auftretens einer Strahlen-Dermatitis konnte zwischen beiden Gruppen kein signifikanter Unterschied festgestellt werden (51% zu 53%). Die Gruppe, die das Gel prophylaktisch eingesetzt hatte, zeigte allerdings nach 4 Wochen eine signifikante Erleichterung mit mittlerer Effektstärke für die Symptome Jucken, Schmerzen, Brennen und Stechen im Vergleich zur Gruppe, die das Gel erst später angewandt hatte. Eine Auswirkung auf die Lebensqualität hatte dies jedoch nicht zur Folge.
Einschätzung
Auf Grundlage dieser Studie lässt sich folgern, dass der prophylaktische Einsatz des Gels durchaus sinnvoll sein kann. Etwas verwunderlich ist allerdings, dass sich die geringere Symptombelastung nicht auf die Lebensqualität ausgewirkt hat. Eine mögliche Erklärung könnte der Einfluss von anderen Nebenwirkungen der Strahlentherapie sein, welche die Haut nicht betreffen. Folgestudien mit mehr Proband*innen und längerer Nachbeobachtungszeit wären hilfreich, um das Ergebnis besser einordnen zu können.
Literatur zu "Strahlungs-Dermatitis: Prophylaxe mittels TCM-Gel?"
1) Ren S, Jin J, Wu X, Han B, Zhang W, Rong F, Hou W, Shi Q, Lin H, Liu J. Effect of an herbal gel for the prevention of radiation dermatitis-related symptoms: an open-label randomized clinical trial. J Dermatolog Treat. 2025 Dec;36(1):2489595. doi: 10.1080/09546634.2025.2489595. Epub 2025 Apr 14. PMID: 40229671. Link
2) Chan RJ, Webster J, Chung B, et al. Prevention and treatment of acute radiation-induced skin reactions: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. BMC Cancer. 2014;14:53. doi: 10.1186/1471-2407-14-53. Link
3) Finkelstein S, Kanee L, Behroozian T, et al. Comparison of clinical practice guidelines on radiation dermatitis: a narrative review. Support Care Cancer. 2022;30(6):4663–4674. doi: 10.1007/s00520-022-06829-6.Link
4) Singh M, Alavi A, Wong R, et al. Radiodermatitis: a review of our current understanding. Am J Clin Dermatol. 2016;17(3):277–292. doi: 10.1007/s40257-016-0186-4.Link
5) Seité S, Bensadoun RJ, Mazer JM. Prevention and treatment of acute and chronic radiodermatitis. Breast Cancer. 2017;9:551–557. doi: 10.2147/BCTT.S149752.Link
6) Behroozian T, Goldshtein D, Ryan Wolf J, et al. MASCC clinical practice guidelines for the prevention and management of acute radiation dermatitis: part 1 systematic review. EClinicalMedicine. 2023;58:101886. doi: 10.1016/j.eclinm.2023.101886.Link
7) Lin HS. Clinical practice guidelines of Chinese medicine in oncology. Beijing: People’s Medical Publishing House; 2016.Link



