Integrative Medizin
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Ethnomedizin
Medizinische Wissenskulturen und globaler Wissenstransfer

Was ist Ethnomedizin?

Von


Ethnomedizin Integrative Medizin Phytotherapie

Globaler Wissenstransfer medizinischen Wissens und therapeutischer Praktiken aus Traditionellen Medizinsystemen wird im Kontext der Integrativen Medizin gerade im Rahmen chronischer Erkrankungen und psychischer Leiden relevant. Die Systematisierung und Translation medizinischer Wissenskulturen fällt unter das anthropologische Forschungsfeld der Ethnomedizin.

Das Konzept 'Ethnomedizin'

Der Begriff der Ethnomedizin erfährt seit der Zeit des Kolonialismus im 19. Jahrhundert eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung, wobei zu Beginn vor allem die sogenannte ‚Volksmedizin‘ darunter verstanden wurde, also der Einsatz verschiedener Hausmittel bei leichteren bis mittleren Krankheitszuständen. Ab den 1950er Jahren fand eine weitere Diversifizierung des Begriffs im Fachbereich der Anthropologie statt und es differenzierten sich die Unterbereiche der Ethnopsychiatrie, der Ethnobotanik und der Ethnopharmazie aus.
Die Ethnomedizin ist dem interdisziplinären Bereich der medizinischen Anthropologie zuzuordnen und wird in diesem Kontext auf verschiedene Weise verwendet: Die europäische Forschung versteht darunter die Untersuchung der medizinischen Praxis verschiedener Gesellschaften, während in der amerikanischen Forschungsliteratur das medizinische Wissen bzw. das Verständnis von Gesundheit/Krankheit im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht.
Ethnomedizin hat erstens die Aufgabe, das medizinische Wissen verschiedener Kulturen, deren Verständnis von Gesundheit und Krankheit und die medizinische Praxis zu analysieren. Zweitens ist der Wissenstransfer zwischen unterschiedlichen Medizinsystemen entscheidender Bestandteil dieses Fachbereichs. (1)

Medizinsysteme als Wissenskulturen

Medizinisches Wissen und Praxis sind als kulturabhängige Systeme zu verstehen, deren Voraussetzungen von der ethnomedizinischen Forschung herausgestellt werden, sodass eine systematische Durchdringung der einzelnen medizinischen Praktiken und die Translation dieser in andere Medizinsysteme möglich wird. Das Verständnis von Leben, die Annahmen über Krankheitsentstehung und die medizinische Praxis sind durchdrungen von kulturspezifischen Annahmen. In vielen Traditionellen Medizinsystemen, die bis heute entweder durch indigene Kulturen oder schriftliche Überlieferungen erhalten sind, findet keine strikte Trennung zwischen Körper und Geist statt, wodurch ein ganzheitlicher Blick auf den Menschen und seine Erkrankungen ermöglicht wird. (2)

Die gegenwärtige Biomedizin ist ebenfalls als eine Wissenskultur mit spezifischen theoretischen Hintergrundannahmen zu Organismen und Krankheitsentstehung einzuordnen, die durch kulturelle Hintergrundannahmen geprägt sind. Der Leib-Seele-Dualismus, der seit der griechischen Antike vorherrschend ist, und das mechanistisch-reduktionistische Verständnis von Organismen seit der Aufklärung sind hier als maßgebliche kulturelle Voraussetzungen zu nennen. (3)

Foto Professor Andreas Michalsen | © Anja Lehmann
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Traditionelle Medizinsysteme und evidenzbasierte Forschung

Die Übertragung verschiedener Maßnahmen und Pharmazeutika aus den sogenannten Traditionellen Medizinsystemen erfährt im Rahmen der Schwächen des biomedizinischen Paradigmas bei der Behandlung chronischer Krankheiten in unserem Gesundheitswesen immer mehr Bedeutung. In der klinischen Praxis der Integrativen Medizin werden verschiedene Maßnahmen aus Traditionellen Medizinsystemen, beispielsweise der Traditionellen Chinesischen Medizin (Akupunktur, Kräutermedizin) und der Traditionellen Indischen Medizin (Ayurveda, Yoga) erfolgreich an Patienten mit diversen chronischen Erkrankungen eingesetzt.
Die Systematisierung unterschiedlicher Medizinsysteme und der Wirksamkeitsnachweis von Interventionsmöglichkeiten durch Grundlagenforschung und klinische Studien innerhalb der biomedizinischen Wissenskultur, stellen den anwendungsbezogenen Bereich der ethnomedizinischen Forschung dar, der allerdings erst erfolgen kann, wenn die kulturellen Voraussetzungen des jeweiligen Medizinsystems durchdrungen wurden.

Ethnobotanik und Ethnopharmazie bei psychischen Erkrankungen

Die Erforschung und Verwendung von Pflanzenstoffen aus Traditionellen Medizinsystemen in der biomedizinischen Praxis ist eine gängige Übertragung des kulturspezifischen medizinischen Wissens. Die Vorrangstellung der Translation von pflanzlichen Heilmitteln in die biomedizinische Wissenskultur ist auf die Möglichkeit der biochemischen Zergliederung der Heilpflanzen in spezifische Wirkmechanismen zurückzuführen.
Die drei ausgewählten Pflanzenstoffe, die im Folgenden thematisiert werden, stammen aus unterschiedlichen Medizinsystem und Anwendungsbereichen, gemeinsam ist ihnen, dass die gegenwärtige evidenzbasierte Medizin den Einsatz dieser als Alternative zu synthetischen Psychopharmaka in der Behandlung von psychischen Leiden, wie Depressionen und Angststörungen, erforscht. In der Grundlagenforschung werden die spezifischen Wirkmechanismen auf Neurotransmitter in Experimenten untersucht. In der klinischen Forschung ist zunächst die Sicherheit und das Wirkprofil dieser Pflanzenstoffe an gesunden Probanden zu testen, bevor die Wirksamkeit bei psychischen Erkrankungen erprobt wird.

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Hypericum perforatum - Johanniskraut

Bekannt aus der Traditionellen Europäischen Medizin, wird Hypericum perforatum mittlerweile in der S3 Leitlinie zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen empfohlen und in der klinischen Praxis erfolgreich eingesetzt. Johanniskraut wirkt auf diverse Neurotransmitter im Gehirn, beispielsweise Serotonin, Dopamin und Noradrenalin ein. (4)
Seine Wirksamkeit als Antidepressivum ist durch zahlreiche klinische Studien und Metaanalysen bestätigt. Während der Einsatz von Johanniskraut bei leichten bis mittschweren Depressionen gut erprobt ist und eine deutliche Überlegenheit über Placebo herausgestellt werden konnte, wird die alleinige Gabe von Johanniskrautpräparaten bei schweren Depressionen bisher nicht empfohlen, da die klinische Evidenz nicht ausreicht. (5)
Bekannt sind Nebenwirkungen wie Photosensitivität und die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, beispielsweise hormonellen Verhütungsmitteln. (6)

Sceletium tortuosum - Kanna

Sceletium tortuosum ist eine südafrikanische Pflanze mit langer medizinischer Tradition bei psychischen Leiden, die bereits im 18. Jahrhundert in europäischen Reiseberichten als psychoaktive Substanz genannt wird.
In der biomedizinischen Grundlagenforschung wurde Sceletium Tortuosum zunächst als selektiver Serotoninwiederaufnahmehemmer aufgrund des Wirkstoffes Mesembrin charakterisiert. (7) Gegenwärtige Experimentalergebnisse aus in vitro- und in vivo-Versuchen weisen jedoch nach, dass hochkonzentrierte Extrakte aus Sceletium tortuosum als Monoamine-Transporter wirksam sind. (8)
Bisher liegen nur wenige klinische Studien an gesunden Probanden vor, die die Verträglichkeit hochdosierter Sceletium Tortuosum-Extrakte und deren Wirkung untersuchten. Die Probanden, die an diesen jeweils sehr kleinen Studien teilnahmen, berichteten als positive Effekte des Extraktes von einer allgemeinen Steigerung der Lebensqualität, sie konnten mit Stress besser umgehen und die Schlafqualität verbesserte sich. Als Nebenwirkungen wurden Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Appetitmangel genannt. (9)

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Piper mystheticum - Kava kava

Kava kava wurde im pazifischen Raum zu rituellen Zwecken verwendet. Erst durch die Kolonisierung der pazifischen Inseln ist Kava kava als psychoaktiver Pflanzenwirkstoff im europäischen Raum bekannt geworden. Kalvacatone sind in den Experimenten der Grundlagenforschung als Hauptwirkstoff dieser Pflanze benannt worden, der für die angstlösende und muskelentspannende Wirkung verantwortlich gemacht wird. (10)
In klinischen Studien wurde Piper mystheticum daher als Anxiolytikum erprobt, wobei eine gewisse Wirksamkeit dieses Pflanzenextrakts bei der Behandlung von Angststörungen nachgewiesen werden konnte. In einem Cochrane Review von 2003 wurde herausgestellt, dass Pflanzenextrakte aus Piper mystheticum im Vergleich zu Placebo in der symptomatischen Behandlung von Angststörungen wirksamer seien. (11) Doch im direkten Vergleich mit anxiolytischen Psychopharmaka werden in klinischen Studien gemischte Resultate bezüglich der angstlösenden Wirkung erzielt. (12) In einer randomisierten Doppelblindstudie aus dem Jahre 2020 wurde eine nichtsignifikante Reduktion bei Patienten mit generalisierter Angststörung durch den 16-wöchigen Einsatz dieses Pflanzenextrakts festgestellt. (13) Als Nebenwirkungen des Konsums von Kava kava ist neben Gedächtnisproblemen und Tremor, Lebertoxizität zu nennen. Die Lebertoxizität von Piper mystheticum wird erstens auf die Zubereitung des Pflanzenextrakts in Alkohollösungen zurückgeführt. (13) Zweitens wird die Verwendung verschiedener minderwertiger Pflanzenteile mit der Leberschädigung in Verbindung gebracht. (14).

Resümee

Die Vielfalt medizinischer Wissenskulturen in einer globalisierten Welt bietet die Chance durch Systematisierung und Translation kulturell spezifischer medizinischer Praktiken und den Einsatz von Pflanzenstoffen, eine große Bandbreite an Therapiemöglichkeiten für Krankheiten zur Verfügung zu stellen, die im biomedizinischen Paradigma nur symptomatisch gelindert werden könnten. Weitere Forschung in diesem Bereich, die nicht einzig auf das chemische Wirkprofil einzelner Pflanzenstoffe ausgerichtet ist, sondern die Grundlagen Traditioneller Medizinsysteme berücksichtigt, wie ein holistisches Natur- und Menschenverständnis, ist als Hauptaufgabe einer Integrativen Medizin der Zukunft anzusehen.

4 Personen
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Literatur

(1) Quinlan, M. B. (2011). Ethnomedicine. A companion to medical anthropology, 381-403.

(2) Quinlan, M. B. (2011). Ethnomedicine. A companion to medical anthropology, 381-403.

(3) Fabrega, H. (1975). The need for an ethnomedical science. Science, 189(4207), 969-975. Link

(4) Sarris, J. (2018). Herbal medicines in the treatment of psychiatric disorders: 10‐year updated review. Phytotherapy Research, 32(7), 1147-1162. Link

(5) Apaydin, E. A., Maher, A. R., Shanman, R., Booth, M. S., Miles, J. N., Sorbero, M. E., & Hempel, S. (2016). A systematic review of St. John’s wort for major depressive disorder. Systematic reviews, 5(1), 148. Link

(6) Ng, Q. X., Venkatanarayanan, N., & Ho, C. Y. X. (2017). Clinical use of Hypericum perforatum (St John's wort) in depression: a meta-analysis. Journal of affective disorders, 210, 211-221. Link

(7) Muszyńska, B., Łojewski, M., Rojowski, J., Opoka, W., & Sułkowska-Ziaja, K. (2015). Natural products of relevance in the prevention and supportive treatment of depression. Psychiatr. Pol, 49(3), 435-453. Link

(8) Coetzee, D. D., López, V., & Smith, C. (2016). High-mesembrine Sceletium extract (Trimesemine™) is a monoamine releasing agent, rather than only a selective serotonin reuptake inhibitor. Journal of ethnopharmacology, 177, 111-116. Link

(9) Nell, H., Siebert, M., Chellan, P., & Gericke, N. (2013). A randomized, double-blind, parallel-group, placebo-controlled trial of extract Sceletium tortuosum (Zembrin) in healthy adults. The Journal of Alternative and Complementary Medicine, 19(11), 898-904. Link

(10) Smith, K., & Leiras, C. (2018). The effectiveness and safety of Kava Kava for treating anxiety symptoms: A systematic review and analysis of randomized clinical trials. Complementary therapies in clinical practice, 33, 107-117. Link

(11) Pittler MH, Ernst E. Kava extract for treating anxiety. Cochrane Database Syst Rev. 2003;(1):CD003383. Link

(12) Smith, K., & Leiras, C. (2018). The effectiveness and safety of Kava Kava for treating anxiety symptoms: A systematic review and analysis of randomized clinical trials. Complementary therapies in clinical practice, 33, 107-117. Link

(13) Sarris, J., Byrne, G. J., Bousman, C. A., Cribb, L., Savage, et al. (2020). Kava for generalised anxiety disorder: A 16-week double-blind, randomised, placebo-controlled study. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 54(3), 288-297. Link

(14) Smith, K., & Leiras, C. (2018). The effectiveness and safety of Kava Kava for treating anxiety symptoms: A systematic review and analysis of randomized clinical trials. Complementary therapies in clinical practice, 33, 107-117. Link

 

Ursula Heim, M.A.
Ursula Heim, M.A.

Pressesprecherin i.V.

Öffentlichkeitsarbeit