Komplementäre und
Integrative Medizin
Zum Hauptinhalt springen Zum Seiten-Footer springen
Ernährung neu denken: Individuelle und planetare Gesundheit erhalten
Carstens-Stiftung stellt 240.000 EUR für Studie bereit

Ernährung neu denken: Individuelle und planetare Gesundheit erhalten

Von

Veröffentlicht am
Ernährung Integrative Medizin Planetary Health

Im Rahmen ihres Förderprogramms Young Clinician Scientists fördert die Carstens-Stiftung Dr. med. Kristin Hünninghaus, Universitätsklinikum Essen. Sie entwickelt ein Ernährungskonzept in Prävention und Therapie unter Berücksichtigung der planetaren Grenzen.

Umweltgefahr Nahrungsmittelindustrie

Wer sich ungesund ernährt, erhöht sein Risiko für Diabetes, Krebs, kardiologische und weitere Erkrankungen. (1, 2) Doch unsere Ernährung gefährdet nicht nur die individuelle Gesundheit – sie gefährdet auch die Gesundheit des gesamten Planeten. Bereits 2009 definierten Rockström et al. neun zentrale natürliche Systeme und deren Grenzen, in denen sich menschliche Existenz ohne akute Eigengefährdung bewegen kann. (3, 4) Mittlerweile konnte aufgezeigt werden, dass unser aktuelles Nahrungsmittelsystem hauptverantwortlich für das (drohende) Überschreiten der Grenzen von mindestens vier dieser Systeme ist. (5) So ist es für etwa ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und trägt damit maßgeblich zur rasch fortschreitenden Klimakrise bei. (5-7) Die Agrarindustrie beansprucht 50% der bewohnbaren Flächen und 70% des gesamten Süßwasserverbrauchs dieser Erde. (8, 9, 10) Dazu kommt eine massive Überdüngung der Ozeane und die größte Bedrohung der Biodiversität seit dem Ende der Dinosaurier-Zeit. (7, 11)

Die Herstellung tierischer Lebensmittel ist besonders klimaschädlich. Auf sie entfallen 72-78% der ernährungsbedingten und 14,5% aller menschlich erzeugten Treibhausgasemissionen. Allein die Emissionen der Herstellung tierischer Lebensmittel übersteigen somit die des gesamten Auto-, Schiffs- und Flugverkehrs weltweit. (12)

Ohne eine Umstellung unserer Nahrungsgewohnheiten ist das 1,5 Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 nicht zu erreichen. (13)

Ernährungskonzept als Chance

In Deutschland beträgt der durchschnittliche ernährungsbedingte Klimafußabdruck 2,5 Tonnen CO2e pro Person. Durch eine Ernährungsumstellung auf z.B. eine flexitarische Ernährung könnte ein Viertel und bei vegetarischer und veganer Ernährung sogar fast die Hälfte der ernährungsbedingten Treibhausgas-Emissionen eingespart werden. Der Bedarf an Ackerfläche pro Person würde sich bei flexitarischer Ernährung um 18% und bei vegetarischer oder veganer Ernährung um 46% bzw. 49% reduzieren. (14) Angesichts dieser Dimensionen leuchtet der Wert eines neu gedachten Ernährungskonzeptes unmittelbar ein. Dr. Hünninghaus möchte hierzu einen entscheidenden Beitrag leisten und setzt dort an, wo sie eine möglichst große Zahl von Menschen erreicht: in der Nahrungsmittelversorgung der Gemeinschaftseinrichtung Krankenhaus.

Dr. med. Kristin Hünninghaus
Dr. med. Kristin Hünninghaus

Stellenwert der Ernährung in deutschen Kliniken – eine Bestandsaufnahme

Zunächst soll eine Querschnittsstudie die aktuelle Verpflegungsqualität am Universitätsklinikum Essen und an vier weiteren repräsentativen Kliniken erheben. Dabei wird die Zusammensetzung der Menüs hinsichtlich ihres Nährstoff- und Energiegehaltes jeweils über eine Woche erfasst. Auch der ökologische Fußabdruck der Speisen (CO2e und Wasserverbrauch für deren Herstellung) soll ermittelt werden. Eine Befragung der Patient*innen soll u.a. Ernährungsgewohnheiten, die Zufriedenheit mit dem Krankenhausessen sowie die Bereitschaft zu einer Umstellung auf eine vollwertige pflanzliche Ernährung abbilden. Außerdem soll untersucht werden, in welchem Maße den stationären Patient*innen ernährungsmedizinische Beratung zur Verfügung steht.

Parallel wird eine systematische Übersichtsarbeit die Frage klären, ob und in welchem Umfang bereits pflanzenbasierte (z.B. mediterrane, vegetarische, vegane) Ernährungskonzepte in Gemeinschaftseinrichtungen etabliert wurden und inwiefern dies Einfluss auf u.a. die Liegeverweildauer, die Zufriedenheit/Lebensqualität der Patient*innen, die Behandlungskosten und Prognose hatte. So sollen insbesondere Best Practice-Beispiele ermittelt werden.

Leuchtturmprojekt: Einführung einer nachhaltigen gesunden Ernährung am Universitätsklinikum Essen

Auf dieser Grundlage folgt das Herzstück des Förderprojektes: die schrittweise Einführung einer pflanzenbasierten vollwertigen Ernährung für zunächst ausgewählte Patient*innen und Mitarbeiter*innen im Universitätsklinikum Essen. Dieser Prozess soll durch eine intensive Schulung und Aufklärung der Köch*innen und Servicekräfte initiiert werden. Die Weiterbildung operativ tätiger Mitarbeiter*innen sowie die kontinuierliche Einbindung insbesondere von Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen ist ebenfalls geplant. Unter Berücksichtigung von gesundheitlichen, ökologischen und Implementierungsgesichtspunkten erfolgt eine regelmäßige Evaluierung dieses Transformationsprozesses, bei der alle Beteiligten mittels qualitativer Interviews zu ihrer Einschätzung befragt werden – von der Klinikleitung, über die Diätassistent*innen bis zum Caterer. Nach der Ernährungsumstellung werden sowohl die gesundheitsfördernde Wirkung der Speisen als auch deren ökologischer Fußabdruck (wie viel CO2e und Wasser konnten in der Herstellung eingespart werden?) erfasst und mit den Daten aus der Bestandsaufnahme verglichen.

Mittels der gewonnenen Daten soll aufgezeigt werden, inwiefern eine Ernährungsumstellung an einer großen Universitätsklinik möglich ist und welche bestehenden strukturellen und personellen Hindernisse und Chancen besonders berücksichtigt werden müssen. Außerdem soll aufgezeigt werden, welche Wirksamkeit eine solche Umstellung auf gesundheitlicher wie ökologischer Ebene haben kann. Die Erkenntnisse dieser Machbarkeitsstudie werden von besonderer Wichtigkeit für die geplante Implementierung der neuen Verpflegung am gesamten Universitätsklinikum Essen sein. Dr. Hünninghaus: "Dadurch soll ein Leuchtturmprojekt im deutschen Gesundheitswesen entstehen und konsekutiv die Transformation des Ernährungssystems im Gesundheitssektor vorangebracht werden."

Young Clinician Scientists

Im Rahmen ihres Förderprogramms Young Clinician Scientists ermöglicht die Carstens-Stiftung Ärztinnen und Ärzten geschützte Forschungszeiten. "Auf diese Weise können Verfahren aus der Komplementären und Integrativen Medizin (KIM) identifiziert werden, die zur Lösung medizinischer oder gesellschaftlicher Problemstellungen beitragen", sagt Geschäftsführerin Nicole Germeroth. Neben dem beschriebenen Ernährungskonzept werden noch zwei weitere neue Projekte gefördert: Dr. med. Erfan Ahadzadeh Ghanad vom Universitätsklinikum Mannheim geht der Frage nach, ob sich durch Akupunktur postoperative Beschwerden verringern lassen, und Dr. med. Julia Siewert von der Charité Universitätsmedizin Berlin prüft nicht-medikamentöse Verfahren bei psychischen und psychosomatischen Beschwerden.

Die Carstens-Stiftung

Die gemeinnützige Karl und Veronica Carstens-Stiftung wurde 1981 vom damaligen Bundespräsidenten und seiner Ehefrau gegründet. 40 Jahre nach ihrer Gründung ist die Carstens-Stiftung eine bedeutende Wissenschaftsorganisation auf dem Gebiet der Naturheilkunde und Komplementärmedizin und hat mit einer Fördersumme von 40 Millionen Euro über 300 Forschungsprojekte unterstützt. Sie setzt sich für die Verankerung von Naturheilkunde und Komplementärmedizin in der medizinischen Forschung und Patientenversorgung ein. Hauptaufgaben sind die Förderung wissenschaftlicher Forschung und des medizinischen Nachwuchses sowie die fundierte Aufklärung über Anwendung und Nutzen naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Verfahren.

Literatur zu "Ernährung neu denken: Individuelle und planetare Gesundheit erhalten"

(1) GBD 2019 Risk Factors Collaborators. Global burden of 87 risk factors in 204 countries and territories, 1990-2019: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2019. Lancet. 2020 Oct 17;396(10258):1223-1249. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30752-2. PMID: 33069327; PMCID: PMC7566194. Link

(2) Jones KE, Patel NG, Levy MA, Storeygard A, Balk D, Gittleman JL, Daszak P. Global trends in emerging infectious diseases. Nature. 2008 Feb 21;451(7181):990-3. doi: 10.1038/nature06536. PMID: 18288193; PMCID: PMC5960580. Link

(3) Rockström J, Steffen W, Noone K, Persson A, Chapin FS 3rd, Lambin EF, Lenton TM, Scheffer M, Folke C, Schellnhuber HJ, Nykvist B, de Wit CA, Hughes T, van der Leeuw S, Rodhe H, Sörlin S, Snyder PK, Costanza R, Svedin U, Falkenmark M, Karlberg L, Corell RW, Fabry VJ, Hansen J, Walker B, Liverman D, Richardson K, Crutzen P, Foley JA. A safe operating space for humanity. Nature. 2009 Sep 24;461(7263):472-5. doi: 10.1038/461472a. PMID: 19779433. Link

(4) Rockström, J., W. Steffen, K. Noone, Å. Persson, F. S. Chapin, III, E. Lambin, T. M. Lenton, M. Scheffer, C. Folke, H. Schellnhuber, B. Nykvist, C. A. De Wit, T. Hughes, S. van der Leeuw, H. Rodhe, S. Sörlin, P. K. Snyder, R. Costanza, U. Svedin, M. Falkenmark, L. Karlberg, R. W. Corell, V. J. Fabry, J. Hansen, B. Walker, D. Liverman, K. Richardson, P. Crutzen, and J. Foley. 2009. Planetary boundaries:exploring the safe operating space for humanity. Ecology and Society 14(2): 32. Link

(5) Campbell, B. M., D. J. Beare, E. M. Bennett, J. M. Hall-Spencer, J. S. I. Ingram, F. Jaramillo, R. Ortiz, N. Ramankutty, J. A. Sayer, and D. Shindell. 2017. Agriculture production as a major driver of the Earth system exceeding planetary boundaries. Ecology and Society 22(4):8. Link

(6) IPCC, 2019: Climate Change and Land: an IPCC special report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems [P.R.Shukla,J.Skea,E.Calvo Buendia,V.Masson-Delmotte, H.-O. Pörtner, D. C. Roberts, P. Zhai, R. Slade, S. Connors, R. van Diemen, M. Ferrat, E. Haughey, S. Luz, S. Neogi, M. Pathak, J. Petzold, J. Portugal Pereira, P. Vyas, E. Huntley, K. Kissick, M. Belkacemi, J. Malley, (eds.)]. Link

(7) Poore J, Nemecek T. Reducing food's environmental impacts through producers and consumers. Science. 2018 Jun 1;360(6392):987-992. doi: 10.1126/science.aaq0216. Erratum in: Science. 2019 Feb 22;363(6429): PMID: 29853680. Link

(8) F.a.A.O.o.t.U.N., FAO, SOFI 2021. Transforming food systems for food security, improved nutrition and affordable healthy diets for all. Link

(9) Ellis, E.C., Klein Goldewijk, K., Siebert, S., Lightman, D. and Ramankutty, N. (2010), Anthropogenic transformation of the biomes, 1700 to 2000. Global Ecology and Biogeography, 19: 589-606. Link

(10) F.a.A.O.o.t.U.N., FAO, The State of the World's Land and Water Resources for Food and Agriculture (SOLAW) | managing systems at risk. Link

(11) Bar-On YM, Phillips R, Milo R. The biomass distribution on Earth. Proc Natl Acad Sci U S A. 2018 Jun 19;115(25):6506-6511. doi: 10.1073/pnas.1711842115. Epub 2018 May 21. PMID: 29784790; PMCID: PMC6016768. Link

(12) Crippa, M., Solazzo, E., Guizzardi, D. et al. Food systems are responsible for a third of global anthropogenic GHG emissions. Nat Food 2, 198–209 (2021). doi.org/10.1038/s43016-021-00225-9.

Link

(13) Clark MA, Domingo NGG, Colgan K, Thakrar SK, Tilman D, Lynch J, Azevedo IL, Hill JD. Global food system emissions could preclude achieving the 1.5° and 2°C climate change targets. Science. 2020 Nov 6;370(6517):705-708. doi: 10.1126/science.aba7357. PMID: 33154139. Link

(14) WWF Deutschland (Hrsg.). So schmeckt Zukunft: Der kulinarische Kompass für eine gesunde Erde. Klimaschutz, landwirtschaftliche Fläche und natürliche Lebensräume. 2021. Link

Erfahrung für eine Medizin der Zukunft
Ein Streifzug durch vier Jahrzehnte Forschungsförderung

Michèl Gehrke, M.A.
Michèl Gehrke, M.A.

Pressesprecher

Telefon: 0201 56 305 61