Komplementäre und
Integrative Medizin
Zum Hauptinhalt springen Zum Seiten-Footer springen
CanRelax: Kann eine App zur Verhaltensänderung motivieren?

CanRelax: Kann eine App zur Verhaltensänderung motivieren?

Von

Veröffentlicht am
Achtsamkeit Onkologie Integrative Medizin

Nahezu jeder Mensch besitzt heute ein Smartphone und nutzt es täglich. Das Potenzial von Gesundheits-Apps für die Patientenversorgung ist allerdings noch lange nicht ausgeschöpft.

In der vorliegenden Studie (1) beschreibt eine Forschungsgruppe aus der Schweiz den (Weiter-)Entwicklungsprozess der „CanRelax“-App, die Patientinnen und Patienten mit Krebs dabei unterstützen soll, ihre Disstress-Belastung zu verringern.

Mobile Apps sind schnell heruntergeladen und installiert, was sie auch für medizinische Zwecke interessant macht, insbesondere in der Therapiebegleitung oder zur Selbsthilfe. Die Hürde, eine solche App, z.B. mit Anleitungen zu einer Intervention, auszuprobieren, ist niedrig. (2-4) Ebenso niedrig ist allerdings auch die Hürde, die Intervention wieder abzubrechen und die App nicht mehr zu nutzen (3), vor allem wenn es sich um eine vollständig automatisierte App ohne menschliche Interaktionen handelt. (5,6) Der Nutzerbindung kommt daher eine hohe Relevanz zu: Gesundheitsfördernde Verhaltensänderungen können nur effektiv sein, wenn die Patientinnen und Patienten eine aktive Rolle einnehmen und sie in ihrem täglichen Alltag umsetzen. (7-11)

Mikro- und Makro-Perspektive auf Nutzerbindung

Nutzerbindung ist jedoch komplex, sie findet auf mehreren Ebenen statt. Da wäre zum einen die Bindung aus Mikro-Perspektive, d.h. die augenblickliche Durchführung der Intervention. Zum anderen, aus einer breiteren Makro-Perspektive, die verinnerlichte Verhaltensänderung. (8,10) In Bezug auf eine Gesundheits-App wäre aus Mikro-Perspektive eine Nutzerbindung erreicht, wenn die Patientin oder der Patient die App regelmäßig nutzt. Aus Makro-Perspektive wäre sie hingegen erreicht, wenn die Patientin oder der Patient langfristig ihr bzw. sein Verhalten angepasst hätte. Ob die App dann noch genutzt wird, ist nicht mehr relevant, was zu einem vermeintlichen Paradox führt: Eine geringere App-Nutzung muss nicht zwingend ein Zeichen für nicht erreichte Patientenbindung sein – sie könnte genauso gut auch ein Zeichen für den Erfolg sein.

Diagnose Krebs

Diagnose Krebs

Seelische Stabilisierung beim Diagnoseschock und Linderung von Nebenwirkungen

Michael Elies · Annette Kerckhoff

ISBN: 978-3-96562-079-7
Erscheinungsjahr: 2. Aufl. 2023

6,90 EUR

Zum Shop »

CanRelax 2.0

CanRelax (12) wurde vor diesem Hintergrund in iterativen Prozessen mit Menschen, die an Krebs leiden, sowie Gesundheitsexpertinnen und -experten weiterentwickelt und mehr als zwei Jahre lang getestet. Bei CanRelax 2.0 handelt es sich um eine vollständig automatisierte App, die Betroffene in die Lage versetzen soll, durch achtsames Entspannen die Disstress-Belastung zu verringern.

Zu Beginn wählen die Nutzerinnen und Nutzer eines von fünf Zielen aus: Innere Ruhe finden (Standardeinstellung), Bewältigungsstrategien verbessern, Selbstvertrauen aufbauen, Lebensfreude steigern oder alternativ einfach Neugierde. Die App erinnert während des vorgesehenen Nutzungszeitraums von zehn Wochen regelmäßig an dieses übergeordnete Ziel. Es können außerdem eigenständig noch wöchentliche Ziele in Form der Menge der zu absolvierenden Entspannungs-Einheiten gesetzt werden, wobei eine Einheit das Minimum darstellt und standardmäßig drei Einheiten voreingestellt sind. Dabei können die Teilnehmenden aus unterschiedlichen Arten wählen, darunter Audio-, Geh- und Achtsamkeits-Meditationen, geführtes Visualisieren, progressive Muskelentspannung, Body-Scans und Atemtrainings. CanRelax 2.0 implementiert insgesamt 39 Techniken zur Verhaltensänderung, basierend auf Erkenntnissen der Mind-Body-Medizin (MBM), dem sozial-kognitiven Prozessmodell des Gesundheitsverhaltens (HAPA) sowie der Selbstbestimmungstheorie (SDT). Die Effektivität der App kann sowohl auf Mikro- als auch Makro-Ebene überprüft werden: Für mittels CanRelax 2.0 absolvierte Einheiten gibt es ebenso Punkte, wie für Entspannungsübungen, die außerhalb der App durchgeführt werden (Gamification-Element).

CanRelax 2.0 bietet verschiedene Entspannungs-Einheiten
CanRelax 2.0 bietet verschiedene Entspannungs-Einheiten

Lumy

Ein nicht-menschlicher Coach namens Lumy begleitet die Nutzerinnen und Nutzer durch das Programm und soll die Entwicklung einer langfristigen Verhaltensänderung mittels motivierender Text-Konversationen unterstützen. Lumy fragt nach dem Erleben, reagiert auf Antworten, lobt und macht Vorschläge. Der Fokus wird nicht auf Hindernisse sondern auf Empathie und positive Bestätigung gelegt, im Vordergrund steht stets die Autonomie der Patientin oder des Patienten. Die Teilnehmenden werden angehalten, sich kleine, realistische Ziele zu setzen und mindestens einmal in der Woche mit Lumy zu chatten. Ob sie dabei von Lumy lieber mit „Sie“ oder „Du“ angesprochen werden, können sie ebenso frei wählen, wie Geschlecht und Hautfarbe ihres eigenen Avatars.

Unterhaltung mit dem Coach "Lumy"
Unterhaltung mit dem Coach "Lumy"

Ergebnisse

In die Studie flossen die Daten von 100 Patientinnen und Patienten ein, die in den letzten fünf Jahren eine Krebsdiagnose erhalten hatten. 67% von ihnen wiesen vor Beginn der App-Nutzung eine hohe Distress-Belastung (Distress Thermometer Score ≥5; im Mittel 6,9) auf, 33% eine niedrige (Distress Thermometer Score <5; im Mittel 3,1). Die häufigste Motivation für die Installation der App war es, Bewältigungsstrategien zu verbessern (37%), gefolgt von dem Wunsch nach innerem Frieden (35%).

Während des zehnwöchigen Studienzeitraums nutzten 95% der Teilnehmenden die App mindestens einmal nach der ersten Einrichtung und schlossen insgesamt 4.897 Entspannungs-Einheiten (Median 38) sowie 714 Coaching-Sessions mit Lumy (Median 9) ab. Von den Entspannungs-Einheiten wurden 71,88% (3.520, Median 25,5) mittels CanRelax 2.0 absolviert (Mikro-Ebene) und 28,12% (1.377, Median 10) außerhalb der App (Makro-Ebene).

Die Zahl der aktiven App-Nutzerinnen und Nutzer, d.h. solche, die mindestens eine Entspannungs-Einheit und eine Coaching-Session in der Woche absolvierten, sank von 88% in der ersten auf 62% in der zehnten Woche. Die Selbstwirksamkeitseinschätzung hinsichtlich der gesteckten Entspannungs-Ziele blieb über die gesamten zehn Wochen bei einem Median von 8 auf einer Skala von 0 (sehr niedrig) bis 10 (sehr hoch), wobei die Teilnehmenden allerdings im Verlauf der Studie ihre Entspannungsziele steigerten: In der ersten Hälfte der Studienzeit lag das selbstgesteckte Ziel noch bei im Median drei Entspannungs-Einheiten in der Woche, in der zweiten Hälfte bei vier. Dies kann somit als Hinweis auf eine gesteigerte Selbstwirksamkeit gewertet werden.

Von den 100 Nutzerinnen und Nutzern gaben während der Studie 52 Feedback über die App. Alle bewerteten die gesamte App-Erfahrung zufriedenstellend oder besser. 88% gaben an, dass sie das Chatten mit Lumy genossen hatten. Hier wurde oftmals explizit der aufmunternde und motivierende Konversationsstil gelobt. Die beliebtesten Features der App waren die Entspannungs-Einheiten (71%) und Coaching-Sessions (23%). 20% gaben als Verbesserungsvorschlag eine noch breitere Auswahl an Entspannungs-Arten bzw. -Einheiten als wünschenswert an.

Einschätzung

Die Ergebnisse verdeutlichen, wie wichtig es ist, Nutzer- bzw. Patientenbindung auf mehreren Ebenen zu erfassen. Nimmt man Mikro- und Makro-Perspektive zusammen, liegt der Schluss nahe, dass das Therapietreue-Nutzen-Paradox ggf. gar keines ist. Obwohl die Zahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer sank, nahm die relative Selbstwirksamkeit zu und mehr als ein Viertel aller Einheiten wurden außerhalb der App durchgeführt. CanRelax 2.0 scheint demnach auf dem Makro-Level eine Verhaltensänderung angestoßen zu haben, was sich auch im Einklang mit einer früheren Untersuchung von CanRelax 1.0 (13) lesen lässt, in welcher eine Abnahme der Distress-Belastung mit einer sinkenden Bindung auf dem Mikro-Level assoziiert war.

Interessant ist, dass in der vorliegenden Arbeit im Gegensatz zu anderen Untersuchungen (9,12,14) kein Zusammenhang zwischen der Bindung und demographischen oder psychologischen Merkmalen (Distress-Belastung) gefunden wurde. Vielleicht wirkt sich die Krebs-Diagnose als potenzieller Katalysator für Verhaltensänderungen aus (15,16). Weitere Studien in diese Richtung, die die Implikationen für die Gestaltung von Gesundheits-Apps untersuchen, wären spannend.

Literatur zu "CanRelax: Kann eine App zur Verhaltensänderung motivieren?"

1) Schläpfer S, Schneider F, Santhanam P, Eicher M, Kowatsch T, Witt C, Barth J. Engagement With a Relaxation and Mindfulness Mobile App Among People With Cancer: Exploratory Analysis of Use Data and Self-Reports From a Randomized Controlled Trial. JMIR Cancer 2024;10:e52386. DOI: 10.2196/52386. Link

2) Dao KP, De Cocker K, Tong HL, Kocaballi AB, Chow C, Laranjo L. Smartphone-delivered ecological momentary interventions based on ecological momentary assessments to promote health behaviors: systematic review and adapted checklist for reporting ecological momentary assessment and intervention studies. JMIR Mhealth Uhealth. Nov 19, 2021;9(11):e22890. Link

3) Amagai S, Pila S, Kaat AJ, Nowinski CJ, Gershon RC. Challenges in participant engagement and retention using mobile health apps: literature review. J Med Internet Res. Apr 26, 2022;24(4):e35120. Link

4) Mair JL, Salamanca-Sanabria A, Augsburger M, Frese BF, Abend S, Jakob R, et al. Effective behavior change techniques in digital health interventions for the prevention or management of noncommunicable diseases: an umbrella review. Ann Behav Med. Sep 13, 2023;57(10):817-835. Link

5) Wasil AR, Venturo-Conerly KE, Shingleton RM, Weisz JR. A review of popular smartphone apps for depression and anxiety: assessing the inclusion of evidence-based content. Behav Res Ther. Dec 2019;123:103498. Link

6) Jakob R, Harperink S, Rudolf AM, Fleisch E, Haug S, Mair JL, et al. Factors influencing adherence to mHealth apps for prevention or management of noncommunicable diseases: systematic review. J Med Internet Res. May 25, 2022;24(5):e35371. Link

7) Hankonen N. Participants' enactment of behavior change techniques: a call for increased focus on what people do to manage their motivation and behavior. Health Psychol Rev. Jun 2021;15(2):185-194. Link

8) Yardley L, Spring BJ, Riper H, Morrison LG, Crane DH, Curtis K, et al. Understanding and promoting effective engagement with digital behavior change interventions. Am J Prev Med. Nov 2016;51(5):833-842. Link

9) Perski O, Blandford A, West R, Michie S. Conceptualising engagement with digital behaviour change interventions: a systematic review using principles from critical interpretive synthesis. Transl Behav Med. Jun 2017;7(2):254-267. Link

10) Milne-Ives M, Homer S, Andrade J, Meinert E. Associations between behavior change techniques and engagement with mobile health apps: protocol for a systematic review. JMIR Res Protoc. Mar 29, 2022;11(3):e35172. Link

11) Beattie MM, Hankonen NE, Konttinen HM, Volanen SM. Uptake of and motivational responses to mental health-promoting practices: comparing relaxation and mindfulness interventions. Front Psychol. Jul 14, 2022;13:869438. Link

12) Mikolasek M, Witt CM, Barth J. Adherence to a mindfulness and relaxation self-care app for cancer patients: mixed-methods feasibility study. JMIR Mhealth Uhealth. Dec 06, 2018;6(12):e11271. Link

13) Siebenhüner AR, Mikolasek M, Witt CM, Barth J. Improvements in health might contradict adherence to mobile health interventions: findings from a self-care cancer app study. J Altern Complement Med. Mar 2021;27(S1):S115-S123. Link

14) Meyerowitz-Katz G, Ravi S, Arnolda L, Feng X, Maberly G, Astell-Burt T. Rates of attrition and dropout in app-based interventions for chronic disease: systematic review and meta-analysis. J Med Internet Res. Sep 29, 2020;22(9):e20283. Link

15) Tsay SL, Ko WS, Lin KP. The lifestyle change experiences of cancer survivors. J Nurs Res. Oct 2017;25(5):328-335. Link

16) Demark-Wahnefried W, Aziz NM, Rowland JH, Pinto BM. Riding the crest of the teachable moment: promoting long-term health after the diagnosis of cancer. J Clin Oncol. Aug 20, 2005;23(24):5814-5830. Link

Michèl Gehrke, M.A.
Michèl Gehrke, M.A.

Pressesprecher

Telefon: 0201 56 305 61