Rubrik: Studien kurz und knapp

Kamille-Sesamöl-Gel zur Linderung von Migräne

Ein altes persisches Heilmittel in neuer Zubereitung reduzierte in einer Crossover-Studie sowohl die Schmerzen als auch die Begleitsymptome von Migränepatienten ohne Aura.

Rund 10 % der Erwachsenen in Deutschland leiden unter Migräne. Frauen sind rund 1,5-mal so oft davon betroffen wie Männer. Häufig begleitet von weiteren Symptomen, wie Sehstörungen (Aura), Übelkeit, Erbrechen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit kann eine Migräneattacke zu einer derart massiven Beeinträchtigung führen, dass die Betroffenen nicht mehr ihrem normalen Alltagsgeschäft nachgehen können. Da die Behandlung mit verschiedenen Analgetika und Rezeptor-Agonisten nicht bei allen Patienten zu dem erhofften Erfolg führt und zudem unerwünschte Wirkungen durch die Medikation auftreten können, werden auch alternative und komplementäre Behandlungsverfahren beforscht und eingesetzt (z.B. Entspannung, Lebensstiländerung, Ernährung, Phytotherapie).

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In der vorliegenden Studie verwendeten iranische Wissenschaftler eine speziell für die Studie modern abgewandelte Rezeptur aus der traditionellen persischen Medizin zur Behandlung von Migränepatienten ohne Aura. Hierfür wurden zunächst die ätherischen Öle von Kamillenblüten (Matricaria chamomilla) extrahiert und anschließend der verbliebene wässrige Extrakt mit Sesamöl so lange gekocht, bis das Wasser verdunstet war. Nach Abkühlen des Sesamöls wurden die ätherischen Öle aus dem ersten Verarbeitungsschritt zugesetzt und das Ganze mit kolloidalem Silikondioxid zu einem Oleogel verarbeitet. Für das Placebo-Gel wurde 10 %iges Kamillenöl in Paraffin verwendet. 100 erwachsene Patienten wurden in die Studie eingeschlossen und nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe erhielt zunächst das echte Kamillenöl-Gel und nach einer 14-tägigen Auswaschphase das Placebo-Gel; die andere Gruppe erhielt die beiden Präparate in umgekehrter Reihenfolge. Patienten, Ärzte und Statistiker hatten keine Kenntnis über das jeweils verwendete Präparat. Alle Patienten sollten zu Beginn einer Migräneattacke 2 ml des Gels auf Stirn, Schläfen und oberhalb der Ohren verreiben. Mittels visueller Analog-Skala (VAS) dokumentierten sie innerhalb von 24 h nach dem Auftragen des Gels zu mehreren Zeitpunkten (15 min., 30 min., 45 min., 1 h, 2 h, 6 h, 24 h) die Schmerzintensität sowie Begleitsymptome (Übelkeit, Erbrechen, Photophobie und Phonophobie). Waren die Schmerzen zu stark, durften die Patienten ihr übliches Schmerzmedikament verwenden. In diesen Fällen entfiel die VAS-Dokumentation nach zwei Stunden.

Die Auswertung der Daten von 72 Patienten, die sich komplett an das Studienprotokoll gehalten hatten, zeigte unabhängig vom Geschlecht der Teilnehmer eine deutliche Verringerung der Migräneschmerzen durch das Kamillenöl-Gel im Vergleich zum Beginn der Attacke und zur Placebo-Gruppe; dieser Unterschied war ab dem Messzeitpunkt 3 (nach 30 min.) statistisch signifikant (p < 0,001). Zwei Stunden nach Auftragen des Verum-Gels wurde in 29,2 % der Fälle von Schmerzfreiheit und in 85,4 % der Fälle von Schmerzlinderung berichtet. Im Vergleich dazu waren es bei der Behandlung mit Placebo-Gel lediglich 2,1 % und 19,4 %. Eine Rückkehr der Schmerzen wurde mit Kamillenöl-Gel in 13 % der Fälle und mit Placebo-Gel in 46,4 % der Fälle dokumentiert. Eine bessere Linderung von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit wurden durch das Verum-Gel im Vergleich zum Placebo-Gel mit ähnlicher Deutlichkeit erreicht. Lediglich vier der anfänglich 100 eingeschlossenen Personen reagierten überempfindlich auf das Kamillenöl-Gel und wurden von der Per-Protocol-Analyse ausgeschlossen. Von den übrigen Studienteilnehmern wurde das Präparat gut vertragen.

Einschätzung:

Für Migränepatienten ohne Aura könnte die Verwendung des in der vorliegenden Studie verwendeten Kamille-Sesamöl-Gels eine neue Behandlungsoption sein. Allerdings handelt es sich um eine erste klinische Studie mit relativ geringer Teilnehmerzahl. Eine Reproduzierbarkeit dieser positiven Ergebnisse muss erst noch unter Beweis gestellt werden.
Auf dem Markt ist ein entsprechendes Präparat bisher nicht erhältlich, da das Kamillenöl-Gel in Anlehnung an eine traditionelle, persische Rezeptur speziell für die Studie hergestellt wurde. Allerdings beschreiben die Autoren den Produktionsprozess in der Studie recht ausführlich und dokumentieren eine ebenfalls durchgeführte Inhaltsstoffanalyse, so dass die Herstellung eines vergleichbaren Oleogels auf dieser Basis möglich sein könnte. Dabei ist zu beachten, dass der schmerzlindernde Effekt nicht nur von aktiven Inhaltsstoffen der Kamille sondern auch von denen des Sesamöls herrührt. Letzteres ist also deutlich mehr als ein reines Trägermaterial.

Literatur

Zargaran A, Borhani-Haghighi A, Salehi-Marzijarani M, Faridi P, Daneshamouz S, Azadi A, Sadeghpour H, Sakhteman A, Mohagheghzadeh A. Evaluation of the effect of topical chamomile (Matricaria chamomilla L.) oleogel as pain relief in migraine without aura: a randomized, double-blind, placebo-controlled, crossover study. Neurol Sci 2018; [Epub ahead of print]. Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Petra Koczy

Petra Koczy, Dipl.-Biol.
Fachbereich Bibliothek | Informationsmanagement

Telefon: 0201 56 305 0
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailp.koczy@carstens-stiftung.de


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