Integrative Medizin
Zum Hauptinhalt springen Zum Seiten-Footer springen
Rezension: Integrative Medizin und Gesundheit
Rezension des Sammelbandes von Benno Brinkhaus und Tobias Esch

Integrative Medizin und Gesundheit

Von


Integrative Medizin Naturheilkunde Umweltmedizin

Das Konzept der Integrativen Medizin wird in der heutigen Patientenversorgung immer bedeutsamer. Umfragen haben gezeigt, dass sich über 70% der Versicherten in Deutschland eine integrativmedizinische Versorgung in der stationären wie ambulanten Medizin wünschen. Doch was genau umfasst der Begriff der Integrativen Medizin? Während im öffentlichen Diskurs unter diesem Begriff oftmals lediglich die Verbindung von Komplementärmedizin und konventioneller Medizin verstanden wird, gelingt es den Autoren des neuen Sammelbandes »Integrative Medizin und Gesundheit« deutlich herauszuarbeiten, dass ein modernes Konzept der Integrativen Medizin aus vier Säulen besteht: Gesundheitsförderung, Patientenzentrierung, Ganzheitlichkeit und Evidenzbasierung.

Integrative Medizin: Der Fokus Salutogenese

Das Buch bündelt die Erkenntnisse, Definitionsansätze und Strömungen, die unter die diversen Interpretationen des Konzepts der Integrativen Medizin fallen. Dabei wird ein neues Verständnis der Integrativen Medizin für einen Paradigmenwechsel relevant, dessen Fokus auf aktiven Patienten, ganzheitlicher Gesundheitsfürsorge und evidenzbasierten Interventionen liegt.

Der neue Sammelband, in dem Aufsätze von den bekanntesten Forschenden im Bereich der Integrativen Medizin zu finden sind, ist in drei große Abschnitte geteilt: Im ersten Teil »Was ist Integrative Medizin« wird der theoretische Überbau eines Paradigmenwechsels in der medizinischen Forschung eingehend thematisiert.

Eine Modernisierung der Medizin ist nicht nur im Sinne des Patientenwohls dringend geboten, sondern ebenso notwendig, um den gesundheitspolitischen Herausforderungen, beispielsweise der Zunahme von chronischen Krankheiten, adäquat begegnen zu können. Multimodale Ansätze werden von den Autoren infolgedessen als Konzepte der Zukunft ausgewiesen, die überdies eine Stärkung der Selbstwirksamkeit des Patienten in den Vordergrund stellen. Entscheidend ist in diesem Kontext die Hinwendung zu salutogenetischen Ansätzen in der Heilkunst und der Fokus auf Resilienzfaktoren. Auf medizintheoretischer Ebene wird betont, dass die moderne Integrative Medizin die komplementäre Beziehung von Salutogenese und Pathogenese in ein neues Verhältnis stellt, wobei Gesundheit und Krankheit als zwei Pole eines Kontinuums verstanden werden.
Des Weiteren ist zu betonen, dass der Ansatz Integrativer Medizin, der hier gewählt wird, soziale, politische und ökologische Bedingungen von Gesundheit miteinschließt. Dies ist ein Aspekt ganzheitlicher Gesundheitsvorsorge, der in dem Aufsatz »Integrative Medizin und Global Health, weltweit integrierte Sozialmedizin« prägnant dargestellt wird.

Der zweite Teil des Sammelbands »Entwicklung und Formen der Integrativen Medizin« reicht von historischen Perspektiven über die Implementierung des Integrativen Ansatzes im amerikanischen Gesundheitswesen bis hin zur Etablierung komplementärmedizinischer und naturheilkundlicher Inhalte in die ärztliche Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Das Begleitstudium Anthroposophische Medizin an der Universität Witten Herdecke wird hier als ein erfolgreiches Modell thematisiert, um eine akademische Basis für die Implementierung naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Interventionen zu schaffen.

Im dritten Teil des Buches werden die praktischen Aspekte eingehend thematisiert: Spezialistinnen und Spezialisten aus der klinischen Versorgung kommen zu Worte, wobei die Spannbreite der Implementierung einer integrativen Patientenversorgung die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in unserem gegenwärtigen Gesundheitssystem besonders deutlich macht: Für die einzelnen Bereiche der medizinischen Versorgung – u.a. Onkologie, metabolische Erkrankungen, Gastroenterologie – wird die Evidenzlage des Einsatzes von verschiedenen Naturheilverfahren und komplementärmedizinischen Interventionen eingehend diskutiert.
Andreas Michalsen verweist auf die Wirksamkeit von klassischen Naturheilverfahren bei der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen, die er in seinem Klinikalltag bereits seit Jahren erfolgreich anwendet. Die Herausforderungen der Implementierung eines Integrativen Ansatzes in die allgemeinmedizinische Praxis wird von Stefanie Joos anschaulich dargestellt, wobei neben einer Auswertung der Häufigkeit und Wirksamkeit komplementärmedizinischer Methoden in der Allgemeinmedizin, die strukturellen Aspekte des gegenwärtigen Gesundheitssystems, wie die Einstufung von komplementärmedizinischen Interventionen als IGeL-Leistungen, als Gratwanderung für das klassische hausärztliche Aufgabengebiet eingestuft werden.

Paradigmenwechsel zum Wohle der Patienten

Der Sammelband von Tobias Esch und Benno Brinkhaus ist ein modernes Standardwerk für alle, die im Bereich der Integrativen Medizin lehren, arbeiten und forschen. Auch für interessierte Laien, die sich auf wissenschaftlich fundierter Ebene mit der Thematik der Integrativen Medizin und deren Einsatz in der medizinischen Versorgung auseinandersetzen möchten, bieten die verschiedenen Aufsätze einen anspruchsvollen Einstieg in theoretische, institutionelle und praktische Aspekte eines Paradigmenwechsels in der Medizin.

Strukturelle Aspekte des Gesundheitssystems werden ebenso thematisiert wie wissenschaftliche Grundlagen, aktuelles Fachwissen und die zugrundeliegenden Menschenbilder. Insbesondere der Aspekt des aktiven Patienten ist als innovatives Moment einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung deutlich herauszuheben: Selbstwirksamkeit und Salutogenese werden themenübergreifend als untrennbar miteinander verwoben charakterisiert.
Der theoretische Teil bietet einen exzellenten Überblick sowohl über die verschiedenen Definitionsansätze und deren Weiterentwicklung zu einem holistischen, patientenzentrierten System der Gesundheitsversorgung als auch eine fundierte Einführung in wichtige Konzepte wie Salutogenese und Patientenzentrierung. Im Praxisteil werden zudem wertvolle Behandlungsansätze thematisiert, die bereits seit Jahren erfolgreich von den Autorinnen und Autoren in ihrem klinischen Alltag eingesetzt werden, sodass sowohl Mediziner als auch Patienten einen umfassenden Überblick über die verschiedenen evidenzbasierten Interventionen erhalten.

Neuerscheinung

Brinkhaus, Benno (Hrsg.); Esch, Tobias (Hrsg.): Integrative Medizin und Gesundheit. Mit Geleitworten von Detlev Ganten und Eckhart G. Hahn, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2021.
Zur Neuerscheinung

Ursula Heim, M.A.
Ursula Heim, M.A.

Pressesprecherin i.V.

Öffentlichkeitsarbeit

bis 5/2021