Integrative Medizin
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Dr. Holger Bringmann: Natürliche Potentiale freisetzen, individuell und gesellschaftlich
40 Jahre Karl und Veronica Carstens-Stiftung

Natürliche Potentiale freisetzen, individuell und gesellschaftlich

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Integrative Medizin Depression

Dr. Holger C. Bringmann ist Oberarzt an der Klinik für Integrative Psychiatrie und Psychosomatik der Diakonie in Zschadraß sowie Studienarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für klinische Naturheilkunde am Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Universitätsmedizin. Er spricht über das Potential in jedem von uns und die Kraft eines integrativen Ansatzes, dieses zu entfalten.

Welches war Ihr eindrücklichstes Erlebnis im Rahmen Ihres Förderprojekts?

Am Schönsten war, erleben zu dürfen, wieviel Potential in jedem Menschen steckt. In meinem Habilitationsprojekt haben wir eine intensive Mind-Body-Intervention entwickelt, die auf den Prinzipien des traditionellen Yogas basiert. Bei diesem bilden ethische Lebensprinzipien, körperliche Übungen und Meditation die Basis für einen Lebensstil, der den individuellen Raum für Selbsterkenntnis und geistige Befreiung öffnet. Dies ist primär eine spirituelle Zielsetzung, von der wir sekundär gesundheitsfördernde, präventive und therapeutische Effekte erwarteten. Vor dem Projekt wurden mir gegenüber Zweifel geäußert, ob die Teilnehmer – zumal in der Psychiatrie – mit einem solchen Programm nicht überfordert seien. In der Therapie haben wir letztlich das Gegenteil erfahren: die Menschen blühten auf, fühlten sich angesichts von ethischen Prinzipien wie z.B. Friedfertigkeit, Wahrhaftigkeit oder Mäßigung gestärkt, weil sie sie als bereits vorhandene Ressourcen ihrer selbst neu erschließen konnten. Deutlich wurde auch, wie wichtig eine tägliche Praxis für die Teilnehmenden war, die von den Therapeuten authentisch vorgelebt und so zu einer gemeinsamen Erfahrung wurde.

Die integrative Sicht- und Lebensweise ist aber ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, ein natürlicher Entwicklungsschritt, den wir als Menschheit erleben und sowohl individuell als auch gemeinschaftlich zum Ausdruck bringen.

Dr. med. Holger C. Bringmann

Die Integrative Medizin ist im Aufwind und wird von der Bevölkerung stark nachgefragt. Ist das ein Erfolg, zu dem Sie mit Unterstützung der Carstens-Stiftung beigetragen haben?

In der heutigen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie denken und handeln wir grundsätzlich integrativ. Ein personenzentriertes, biopsychosoziales Gesundheitsmodell und Arbeiten in interdisziplinären Teams gehören zu unserem Alltag. Die Mind-Body-Medizin und evidenzbasierte Naturheilkunde / CAM können daher geradezu natürlich in den therapeutischen Ansatz integriert werden und stärken insbesondere den humanistischen und positiv-psychologischen Pol. Salutogenetische Prinzipien und Ressourcenorientierung der Therapie können so in einem ordnungstherapeutischen Ansatz um weitere natürliche Möglichkeiten der Hilfe und Selbsthilfe ergänzt werden. Die integrative Sicht- und Lebensweise ist aber ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, ein natürlicher Entwicklungsschritt, den wir als Menschheit erleben und sowohl individuell als auch gemeinschaftlich zum Ausdruck bringen. Man könnte sagen, eine Entwicklung vom Getrenntsein der Therapieansätze über das geduldete Nebeneinander hin zum echten Miteinander. Die Carstens-Stiftung und ihre Unterstützerinnen leisten hier einen wertvollen Beitrag und wir freuen uns, wenn unsere Arbeit ebenfalls dazu beiträgt.

Lassen Sie uns auf die nächsten 40 Jahre schauen: Welche Entwicklung sehen Sie im Bereich der Integrativen Medizin und was muss dafür getan werden? Was bedeutet für Sie eine Medizin der Zukunft? Wie können wir helfen und dazu beitragen?

Die Integrative Medizin wird individuell und institutionell an Bedeutung gewinnen. Auf diesem Weg ist noch einiges zu tun und langfristige, grundsätzliche Entwicklungen sind wünschenswert. Hier möchte ich auf drei Aspekte eingehen: zum einen benötigen wir für einen effektiven Einsatz der Integrativen Medizin in Forschung, Lehre und klinischer Praxis eine Gleichstellung evidenzbasierter Verfahren unterschiedlicher Medizinsysteme vor den Krankenkassen, aber auch bei der Verteilung der Forschungsressourcen. Des Weiteren müssen wir angesichts der demographischen Entwicklung mit Progredienz der chronischen Erkrankungen grundsätzlich umdenken: wir brauchen einen Paradigmenwechsel unseres Gesundheitssystems in Richtung Gesundheitsförderung und Primärprävention, die die gesamte Bevölkerung einbezieht und die bestenfalls bereits in der Schule ansetzt. Gesunde Ernährung, ein gesunder Lebensstil und eine Förderung der immanenten Ressourcen jedes Menschen sollten genauso zur Medizin gehören wie Medikamente und technische Verfahren. Zuletzt, aber nicht weniger grundlegend, bedeutet eine Medizin der Zukunft auch eine Medizin, die die spirituelle Dimension des Menschen in seiner ganzen Tiefe empathisch integriert. Der deutliche Zusammenhang zwischen Gesundheit und Spiritualität ist mit über 3000 empirischen Studien gut untersucht und findet in Teilbereichen der Mind-Body-Medizin und der Psychotherapie bereits Anwendung. Von einer aufgeklärten, erfahrungsbasierten Spiritualität und einem echten biopsychosoziospirituellen Modell von Gesundheit und Krankheit sind wir aber noch weit entfernt.
Diese Entwicklungen – und damit schließt sich der Kreis zum eingangs Bemerkten – werden natürliche Potentiale freisetzen, individuell und gesellschaftlich. Dafür brauchen wir Geduld und Beharrlichkeit – mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen.

Dr. med. Holger C. Bringmann

ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Kognitionswissenschaftler (B.Sc.). Neben seiner klinischen Tätigkeit als Oberarzt in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Diakoniewerks Zschadraß ist er im Rahmen der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Universitätsmedizin Berlin in der Forschung tätig. Er arbeitet seit 2008 als klinisch tätiger Arzt in den Bereichen Neurologie und Psychiatrie und promovierte im Fachgebiet der Psycho-Onkologie. Fort- und Weiterbildungen in verschiedenen komplementärmedizinischen Therapieverfahren sowie ein mehrjähriger Studienaufenthalt in Indien fundieren seinen heutigen Praxis-und Forschungsschwerpunkt im Bereich der integrativen seelischen Gesundheit.

Damit mehr Menschen ganz selbstverständlich in den Genuss seriöser integrativ-medizinischer Behandlungen kommen können, brauchen wir Ihre Unterstützung.

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