Studien kurz und knapp

Hilfe für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz

Der Pflegende als "heimlicher Patient": Im täglichen Umgang mit demenzkranken Menschen geraten viele Pflegende, die einen an Demenz erkrankten Angehörigen zu versorgen haben, an die Grenzen ihrer Kräfte. Über die empfundene Verpflichtung dem zu versorgenden Familienangehörigen oder Partner gegenüber vergessen viele Pflegende ihr eigenes Wohlbefinden. Der stressige und psychisch belastende Pflegealltag, oft ein Rund-um-die-Uhr-Dienst, führt nicht selten zu seelischer Erschöpfung, welche oftmals mit körperlichen Beschwerden, chronischen Schlafstörungen, einem geschwächten Immunsystem, Depressionen und Angstzuständen, aber auch sozialer Isolation und Einsamkeit einhergeht.

Stressbedingte Überlastungssymptome machen sich im Umgang mit pflegebedürftigen Demenzkranken beispielsweise durch Gereiztheit, Ungeduld und Aggressivität, aber auch nervliche Zusammenbrüche seitens des Pflegenden bemerkbar. Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit) aufzubauen, sich selbst zu stärken, kommt somit nicht nur der eigenen Gesundheit zugute, sondern erleichtert auch die Pflegesituation. Welche Maßnahmen zur Stressreduktion und zum Aufbau eines "starken Nervenkostüms" ergriffen werden können und welche externen Stellen man unterstützend konsultieren kann, soll folgende Übersicht vermitteln:

Meditation und Yoga für mehr innere Kraft

Beim Abbau chronischen Stresses, wie er in der Versorgung demenzkranker Angehöriger oftmals entsteht, können, wie eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt, meditative Verfahren wie die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion nach Kabat-Zinn helfen. [1] Im Rahmen eines strukturierten Gruppentrainings lernen die pflegenden Angehörigen Meditationspraktiken, die ihnen helfen, ihren Empfindungen, Emotionen und Gedanken in Situationen, mit denen sie täglich konfrontiert werden, achtsam zu begegnen, ohne sie zu werten und ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf den gegebenen Moment zu richten. Insgesamt 14 Studien mit knapp 850 Teilnehmern, die sich um ihre chronisch kranken Angehörigen (diverse Erkrankungen, darunter auch Demenz) kümmerten, wurden in die Auswertung eingeschlossen. Die Pflegenden erfuhren durch das Achtsamkeitstraining eine Verbesserung ihrer Lebensqualität sowie einen Rückgang der depressiven Verstimmungen. Außerdem zeigten sie eine verbesserte Stresswahrnehmung.

Aufrecht heiter und gelassen

Aufrecht, heiter und gelassen "Yoga kennt kein Alter"

Rita Keller, führende Vertreterin des Iyengar-Yogas in Deutschland, hat in diesem Ratgeber sieben einfache Übungen als Basisprogramm speziell für Einsteiger auch ohne Vorkenntnisse zusammengestellt. Alle Übungen werden detailliert in Wort und Bild beschrieben.

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Auch andere meditative Verfahren wie beispielsweise die transzendentale Meditation können stressgeplagten Betreuern in der Pflege ihrer Angehörigen zu mehr Ausgeglichenheit verhelfen. [2] Die Pflegenden konnten im Verlauf der Studie insbesondere hinsichtlich ihrer Konzentrationsfähigkeit, Stresswahrnehmung und Gemütsverfassung von dem dreimonatigen Meditationstraining profitieren.

Das regelmäßige Praktizieren von Yoga-Übungen, die meditative Elemente mit Atem- sowie körperlichen Übungen kombinieren, kann ebenfalls bei der Reduzierung von Stress helfen. Studien konnten zeigen, dass sowohl depressive Symptome als auch das Selbstmitgefühl der pflegenden Angehörigen von Demenzkranken verbessert werden konnten. [3,4] Allerdings gibt es bisher keine Hinweise darauf, welche Yoga-Form am besten geeignet ist, die psychische und physische Befindlichkeit von Pflegenden zu stärken. Was einem individuell gut tut, scheint für den Erfolg der Therapie ausschlaggebend zu sein. (siehe auch: Ist ein Yoga-Stil besser als der andere?)

Bewegung und moderater Sport ist gut für Körper und Seele

Regelmäßiges Fitnesstraining kann die Fähigkeit zur Stressbewältigung deutlich erhöhen, wie Wissenschaftler herausfanden. [5] Aber auch moderate Bewegung wie Spazierengehen, Walking, Schwimmen und Radfahren oder sogar Gartenarbeit helfen, Stress abzubauen. Vorzugsweise sollte man sich an der frischen Luft und in der Natur bewegen, da durch Sonnenlicht zudem die Produktion des Vitamin D angeregt wird, ein wichtiger Antagonist hinsichtlich depressiver Verstimmungen. Zudem wirkt sich laut einer Studie der synergetische Effekt von moderaten sportlichen Aktivitäten in natürlicher Umgebung positiv auf Körper und Geist aus. [6] Wer nicht walken oder joggen kann oder mag: Ein täglicher Spaziergang von 30 Minuten nach einem stressigen Tag senkt den Stresspegel und lindert depressive Verstimmungen fast ebenso effektiv.

Demenz, Band 2

Demenz. Vorbeugung und Selbsthilfe

Naturheilverfahren und Ordnungstherapie – Vorbeugung, Linderung von Symptomen und Steigerung der Lebensqualität.

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Ausgleich suchen – sich etwas Gutes tun

Pflegende vergessen, dass sie nicht rund um die Uhr nur "funktionieren" können und damit Raubbau an ihrer geistigen und körperlichen Gesundheit betreiben. Momente der Entspannung sowie Abwechslung stellen wichtige Inseln im Strom des Pflegealltags und der damit verbundenen Sorgen dar. Ein Entspannungsbad, eine Massage mit duftenden Ölen oder seiner Lieblingsmusik zu lauschen, kann helfen, die verbrauchten Energiereserven wieder aufzutanken. Eine 45-minütige klassische (schwedische) Massage beispielsweise, so haben Wissenschaftler herausgefunden, steigerte bei Teilnehmern der Studie die Abwehrkräfte und verringerte die Konzentration an Stresshormonen. [7]
Auch eine Auszeit von einem Tag oder über einen längeren Zeitraum bei starker Belastung oder angegriffener Gesundheit muss nicht unmöglich sein. Über Angebote zur Kurzzeitpflege über einen begrenzten Zeitraum in spezialisierten Einrichtungen oder Urlaubsangebote für eine Reise mit demenzkranken Angehörigen mit der Möglichkeit der Betreuung am Urlaubsort informiert die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. in ihrer Broschüre. [8]

Statt Einsamkeit Gemeinsamkeit – Professionelle Hilfe und Austausch mit Gleichgesinnten

Ratlosigkeit und Kummer sind ein ständiger Begleiter von Pflegenden im Umgang mit demenziell erkrankten Angehörigen. Man sollte sich jedoch nicht in diesem Zustand einigeln, aber auch nicht Verwandte und Freunde über alle Maße strapazieren, die durchaus mit den Problematiken überfordert sein könnten. Spätestens zum Zeitpunkt einer Krise, aus der man als pflegender Angehöriger selbst keinen Ausweg mehr findet, sollten die Betroffenen professionelle Hilfe in Form einer psychotherapeutischen Konsultation sowie Demenz-Beratungsstellen in Anspruch nehmen oder aber den Austausch mit Gleichgesinnten im Rahmen von Selbsthilfe- und Angehörigengruppen (z.B. via NAKOS) suchen. [9] Bei akuten Krisen gibt es die Möglichkeit, per Telefon lokale sozialpsychiatrische Krisendienste zu konsultieren, deren Angebot in jeder Kommune verfügbar sein sollten. Dort kann man sich auch ggf. über das lokale qualifizierte Pflegeschulungsangebot für Angehörige von Demenzpatienten informieren. Eine wertvolle Unterstützung bietet ein Projekt der Universität Jena (Tele.TAnDem), in dessen Rahmen Angehörigen von Demenzkranken per Telefon Hilfe auf psychotherapeutischer Ebene angeboten wird. [10]

Einschätzung:

Die Belastung durch den Pflegealltag wird durch die genannten Maßnahmen sicherlich nicht geringer; der Pflegende kann jedoch selbst dafür sorgen, der schwierigen Pflegesituation gestärkt zu begegnen, und dies möglichst nicht allein.

Literatur

1. Li G, Yuan H, Zhang W. The effects of mindfulness-based stress reduction for family caregivers: systematic review. Arch Psych Nurs 2016; 30: 292-299 Abstract

2. Leach MJ, Francis A, Ziaian T. Transcendental meditation for the improvement of health and wellbeing in community-dwelling dementia caregivers [TRANSCENDENT]: a randomised wait-list controlled trial. BMC Complement Altern Med 2015; 15: 145 Abstract

3. Lavretsky H, Epel ES, Siddarth P, Nazarian N, Cyr NS, Khalsa DS, Lin J,, Blackburn E, Irwin MR. A pilot study of yogic meditation for family dementia caregivers with depressive symptoms: effects on mental health, cognition, and telomerase activity. Int J Geriatr Psych 2013; 28: 57-65 Abstract

4. Danucalov MAD, Kozasa EH, Afonso RF, Galduroz JCF, Leite JR. Yoga and compassion mediation program improve quality of life and self-compassion in family caregivers of Alzheimer’s disease patients: a randomized controlled trial. Geriatr Gerontol Int 2015; epub ahead of print. doi: 10.111/ggi.12675 Abstract

5. Biddle, S.J.H. & Mutrie, N. (2008). Psychology of physical activity: Determinants, well-being, and interventions (2nd edn). London: Routledge Abstract

6. Pretty J, Peacock J, Sellens M, Griffin M. The mental and physical health outcomes of green exercise. Int J Environment Health Res 2005; 15(5): 319-337 Abstract

7. Rapaport MH, Schettler P, Bresee C. A preliminary study of the effects of a single session of Swedish massage on hypothalamic-pituitary-adrenal and immune function in normal individuals. J Altern Complement Med 2010; 16(10): 1079-1088 Abstract

8. Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. (BAGSO), Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung e.V. (DPtV) (Hrsg.), Entlastung für die Seele – Ratgeber für pflegende Angehörige. Publikation Nr. 31. 6. Aufl. Bonn: BAGSO, 2014 Abstract

9. Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) Abstract

10. Tele.TAnDem – Telefonische Therapie für Angehörige von Demenzkranken Abstract

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Bibliothek | Informationsmanagement

Telefon: 0201 56 305 18
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Maild.hacke@carstens-stiftung.de


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