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Lindert Yoga Stress von Fachkräften im Gesundheitswesen?

Lindert Yoga Stress von Fachkräften im Gesundheitswesen?

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Stress Achtsamkeit

Die körperliche und geistige Gesundheit der Behandelnden ist ein mitentscheidender Faktor für die Qualität der Patientenversorgung. Eine japanische Studie untersuchte den Einfluss eines Yoga- und Achtsamkeitsprogramms auf die Verfassung von Fachkräften im Gesundheitswesen während der Corona-Pandemie.

Mehr als zwei Jahre verlangt die Covid-19-Pandemie nun schon einiges von uns ab. Insbesondere Fachkräfte im Gesundheitswesen sind durch die Pandemie einem großen Stress – bis hin zum Burnout – ausgesetzt. (1, 2) Aus Studien (3-5) weiß man, dass sich Erkrankungen von ärztlichem und pflegerischem Personal negativ auf die Patientenversorgung auswirkt, was sich u.a. in einer geringeren Patientenzufriedenheit und längeren Genesungszeiten nach Entlassung äußert. Speziell ein Burnout wird darüber hinaus mit einer geringeren Fähigkeit zur Empathie mit den Patient*innen in Verbindung gebracht. (6) Die körperliche und geistige Gesundheit der Behandelnden ist also ein mitentscheidender Faktor für die Qualität der Patientenversorgung. Eine japanische Studie (7) untersuchte nun den Einfluss eines Online-Yoga- und Achtsamkeitsprogramms auf die Verfassung von Fachkräften im Gesundheitswesen.

Studienaufbau

Die Intervention fand jeweils für drei Monate statt in den Zeiträumen Januar bis März und Mai bis Juli 2021. Das Programm wurde online angeboten, um das Risiko einer Ansteckung mit Covid-19 zu senken, und umfasste eine Dauer von einer Stunde pro Woche. Es bestand aus einer 5-minütigen Sitz- und Atem-Meditation, 40 Minuten Yoga und 15 Minuten Achtsamkeitsübungen.

Insgesamt schlossen 13 Proband*innen das Programm ab. Unter den Teilnehmenden befanden sich drei Ärzt*innen, sieben Krankenschwestern bzw. -pfleger, ein*e Sprachtherapeut*in, ein*e Büroangestellte*r und ein*e Forschungsleiter*in aus dem Okayma University Hospital in Japan. Die Geschlechter verteilten sich auf 2 Männer und 11 Frauen, das Durchschnittsalter betrug 49 Jahre. Vor und nach dem dreimonatigen Programm wurde das Befinden der Teilnehmenden mittels sechs verschiedener standardisierter Fragebögen (PHQ-9, MBI-HSS, SOC-13, CD-RISC, SCS, JSE) erfasst. Außerdem wurden der Kortisol-Spiegel im Speichel vor der ersten und nach der letzten Sitzung sowie die Herzfrequenz gemessen.

Ergebnisse

Beim Kortisol-Spiegel im Speichel sowie bei der Änderung der Herzfrequenz zeigten sich keine signifikanten Unterschiede vor und nach dem Programm. Zwar erfassten die Fragebögen teilweise leichte Verbesserungen des Befindens, diese waren allerdings ebenfalls nicht signifikant. Das galt insgesamt auch für den SCS, den Self-compassion Scale (deutsch etwa: Skala zur Erfassung der Selbst-Fürsorge) – aufgeschlüsselt nach den einzelnen Sub-Skalen stachen jedoch zwei besonders heraus: Der positive Faktor Common Humanity (deutsch etwa: verbindende Humanität/gemeinsames Menschsein) verbesserte sich signifikant, während der negative Faktor Over-identification (deutsch etwa: Überidentifizierung) sich signifikant verringerte.

Einschätzung

Aus anderen Studien (8-10) gibt es durchaus Hinweise, dass sich Yoga und Meditation positiv auf die Stressverarbeitung speziell in Zeiten der Pandemie auswirken können. In der Gesamtschau konnte dies in der vorliegenden Studie jedoch nicht gezeigt werden. Als mögliche Gründe dafür diskutieren die Autoren, dass ein Online-Programm ggf. weniger effektiv als Präsenz-Veranstaltungen ist. Auch war die Frequenz der Sitzungen vielleicht zu gering. Vor allem ist es aber schade, dass lediglich 13 Proband*innen das Programm überhaupt abgeschlossen haben. So ist die Fallzahl zu gering, um belastbare Aussagen treffen zu können.

Die Ergebnisse des SCS sind dennoch interessant, denn dort zeigte sich ja eine signifikante Änderung in den beiden wohl wichtigsten Faktoren: eine Steigerung des Gefühls von verbindender Menschlichkeit (im Gegensatz zu Isolation) und eine Verringerung von Überidentifizierung mit Unzulänglichkeiten, Fehlern, Versagen, Negativem (im Gegensatz zu Achtsamkeit). Laut einer Pionierin des Konzeptes Self-compassion, Kristin Neff, sind dies zwei der drei Hauptbestandteile von Selbst-Fürsorge (11) – und nur wer gut für sich selbst sorgen kann, kann auch gut für andere sorgen. Dies sollte Anlass genug für Folgestudien zum Thema sein.

Literatur zu "Lindert Yoga Stress von Fachkräften im Gesundheitswesen?"

1) Matsuo T, Kobayashi D, Taki F, Sakamoto F, Uehara Y, Mori N, Fukui T. Prevalence of Health Care Worker Burnout During the Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Pandemic in Japan. JAMA Netw Open. 2020 Aug 3;3(8):e2017271. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2020.17271. PMID: 32749466; PMCID: PMC7403916. Link

2) The Lancet. Physician burnout: a global crisis. Lancet. 2019 Jul 13;394(10193):93. doi: 10.1016/S0140-6736(19)31573-9. Epub 2019 Jul 11. PMID: 31305255. Link

3) Wallace JE, Lemaire JB, Ghali WA. Physician wellness: a missing quality indicator. Lancet. 2009 Nov 14;374(9702):1714-21. doi: 10.1016/S0140-6736(09)61424-0. PMID: 19914516. Link

4) Shanafelt TD, Bradley KA, Wipf JE, Back AL. Burnout and self-reported patient care in an internal medicine residency program. Ann Intern Med. 2002 Mar 5;136(5):358-67. doi: 10.7326/0003-4819-136-5-200203050-00008. PMID: 11874308. Link

5) Halbesleben JR, Rathert C. Linking physician burnout and patient outcomes: exploring the dyadic relationship between physicians and patients. Health Care Manage Rev. 2008 Jan-Mar;33(1):29-39. doi: 10.1097/01.HMR.0000304493.87898.72. PMID: 18091442. Link

6) Wilkinson H, Whittington R, Perry L, Eames C. Examining the relationship between burnout and empathy in healthcare professionals: A systematic review. Burn Res. 2017 Sep;6:18-29. doi: 10.1016/j.burn.2017.06.003. PMID: 28868237; PMCID: PMC5534210. Link

7) Miyoshi T, Ida H, Nishimura Y, Ako S, Otsuka F. Effects of Yoga and Mindfulness Programs on Self-Compassion in Medical Professionals during the COVID-19 Pandemic: An Intervention Study. Int J Environ Res Public Health. 2022 Sep 30;19(19):12523. doi: 10.3390/ijerph191912523. PMID: 36231820; PMCID: PMC9566664. Link

8) Sahni PS, Singh K, Sharma N, Garg R. Yoga an effective strategy for self-management of stress-related problems and wellbeing during COVID19 lockdown: A cross-sectional study. PLoS One. 2021 Feb 10;16(2):e0245214. doi: 10.1371/journal.pone.0245214. PMID: 33566848; PMCID: PMC7875402. Link

9) Pandey, C.; Shewale, A.; Puri, S.; Bhayade, S.; Daware, A.; Deshpande, I. Effect of yoga on quality of life of oral healthcare professionals during COVID-19 pandemic. Int. J. Life. Sci. Pharm. Res. 2021, 11, L147–L152. Link

10) Heeter C, Allbritton M, Lehto R, Miller P, McDaniel P, Paletta M. Feasibility, Acceptability, and Outcomes of a Yoga-Based Meditation Intervention for Hospice Professionals to Combat Burnout. Int J Environ Res Public Health. 2021 Mar 3;18(5):2515. doi: 10.3390/ijerph18052515. PMID: 33802581; PMCID: PMC7967352. Link

11) Neff, K.D. The Development and Validation of a Scale to Measure Self-Compassion. Self Identity 2003, 2, 223–250. Link

Michèl Gehrke, M.A.
Michèl Gehrke, M.A.

Pressesprecher

Telefon: 0201 56 305 61