Studien kurz und knapp

Waldspaziergang auf Rezept?

Mit allen Sinnen genießen: Der Aufenthalt im Wald wirkt sich positiv auf Herz und Seele aus, wie mittlerweile zahlreiche Untersuchungen bestätigen. Damit eröffnet sich eine neue Dimension an Therapiemöglichkeiten – mit dem Wald als Behandlungsraum und -konzept.

Die Waldtherapie blickt in Japan, Südkorea und China auf eine lange Tradition zurück und wurde bereits in einer Vielzahl von Studien auf ihre gesundheitsfördernde Wirkung untersucht. Das im Ursprungsland Japan auch unter dem Namen "Shinrin-Yoku" (Waldbaden) geläufige Behandlungskonzept gehört zu den sog. naturgestützten Therapien, deren Schwerpunkt das Naturerleben in Verbindung mit Aktivitäten in natürlicher Umgebung bildet und bezieht gleichermaßen Landschaften, Pflanzen und Tiere ein. Ein Aufenthalt im Wald spricht im Idealfall alle Ebenen der Sinneswahrnehmung an, mittels der im Wald herrschenden unterschiedlichen Lichtverhältnisse, der Gerüche des Waldes, der Bäume und Pflanzen, der Geräusche wie dem Rauschen der Blätter und dem Zwitschern der Vögel, dem Ertasten des Waldbodens mit den Füßen oder Händen sowie dem Schmecken von im Wald wachsenden Beeren.

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Insbesondere in Zeiten der zunehmenden Urbanisierung – mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten – und den damit assoziierten gesundheitlichen Risiken durch Verkehrslärm, Umweltverschmutzung und der oft erdrückenden baulichen Umwelt gewinnen Naturlandschaften wie beispielsweise der Wald zunehmend an Bedeutung. Der Aufenthalt und damit verbundene Aktivitäten im Wald sind in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Wie eine Übersichtsarbeit kürzlich aufdeckte, ist das Risiko an psychischen Leiden wie beispielsweise Angststörungen, Depressionen, psychotische Erkrankungen, Schizophrenie oder Paranoia zu erkranken bei Stadtbewohnern wesentlich höher als bei Bewohnern ländlicher Regionen. [1]

Welche Potenziale der Aufenthalt im Wald, gegebenenfalls in Verbindung mit einem therapeutischen Programm, im Sinne eines präventiven, therapeutischen oder rehabilitativen Konzepts im Kontext diverser Erkrankungen wie beispielsweise chronischen Schmerzen, Bluthochdruck und Herzleiden bietet, wurde im Rahmen mehrerer Studien untersucht. [2,3,4] Auch das Immunsystem profitiert vom Waldspaziergang, so die Aussage einer japanischen Studie. [5] So maßen Wissenschaftler erhöhte Konzentrationen an sog. Phytonziden (pflanzliche Schutzstoffe zur Abwehr von Krankheitserregern und Schädlingen) in der Atmosphäre des Waldes, in dem sich die Studienteilnehmer aufhielten. Das Einatmen dieser Phytonzide während des Waldaufenthalts erhöhte deutlich die Anzahl der für die Regulierung des Immunsystems verantwortlichen NK-Zellen (Natürliche Killerzellen) im Vergleich zum Aufenthalt in städtischer Umgebung.

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Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit fasst nun die Ergebnisse relevanter Studien zur Effizienz der Waldtherapie bei depressiven Erkrankungen zusammen und liefert auf Basis vorhandener Evidenz einen Ausblick auf die zukünftigen Potenziale waldtherapeutischer Maßnahmen in der Prävention und Therapie depressiver Krankheitsbilder. [6] Bei ihrer Recherche in sieben Datenbanken berücksichtigten die Wissenschaftler kontrollierte Studien in englischer und koreanischer Sprache. Nach Ausschluss nicht-relevanter Artikel gemäß der festgelegten Kriterien verblieb eine Anzahl von 28 Studien für die Auswertung; 13 von ihnen waren in englischer und 15 in koreanischer Sprache verfasst. Wie jung die Forschung auf diesem Gebiet ist, zeigt die Tatsache, dass 24 der 28 Studien in den letzten fünf Jahren publiziert worden sind.

Hinsichtlich des Behandlungszeitraums und der Dauer einer Therapieeinheit variierten die einzelnen Studien stark. So betrug der kürzeste Zeitraum einen Tag, der längste dagegen zwölf Wochen. Die Dauer einer Therapieeinheit bewegte sich zwischen zwölf Minuten und drei Stunden. Auch auf der Ebene des Therapiekonzepts waren Unterschiede festzustellen. Grundsätzlich dominierte in den meisten Studien jedoch der reine Waldspaziergang ohne zusätzliche therapeutische Angebote, bei dem die Aktivierung der fünf Sinne im Vordergrund stand. Zusätzliche Therapieangebote in einigen der Studien bestanden aus Meditations- und Qi-Gong-Übungen, aromatherapeutischen Konzepten, Heilkräuterteetherapie und kreativen Aktivitäten. In einer überwiegenden Anzahl der inkludierten Studien wurden gesunde Probanden, d.h. Teilnehmer ohne depressive Beschwerden, rekrutiert, woraus zu schließen ist, dass die Wissenschaftler der jeweiligen Studien die präventiven Effekte der Intervention fokussierten. Als Messverfahren dienten den Wissenschaftlern auf der Ebene der subjektiven Messung standardisierte Fragebögen wie beispielsweise der "Profile of Mood States (POMS)" und weitere, physiologische bzw. objektive Messverfahren berücksichtigten die Herzrate sowie die Herzratenvariabilität, den Blutdruck, die Amylase-Konzentration im Blut sowie den Adrenalinspiegel (Urin).

Insgesamt – unter Missachtung der o.g. Differenzen zwischen den einzelnen Studien – zeigte sich die Waldtherapie als effektiv in der Verbesserung depressiver Symptome: In 21 von 28 Studien führte der waldtherapeutische Ansatz im Vergleich zu den Werten zu Studienbeginn zu einer signifikanten Verbesserung depressiver Zustände. Zumindest hinsichtlich der objektiven Messung physiologischer Phänomene kann für die an Depression erkrankten Teilnehmer im Vergleich zu den gesunden Teilnehmern eine signifikante Reduktion der Herzratenvariabilität konstatiert werden. Die Wissenschaftler resümieren jedoch, dass alleinige Waldspaziergänge ohne zusätzliche therapeutische Angebote nicht so effektiv sind wie ein auf das jeweilige Erkrankungsbild abgestimmtes Therapiekonzept im Rahmen eines Aufenthalts im Wald.

Einschätzung:

Die zu beobachtende Heterogenität zwischen den inkludierten Studien hinsichtlich einzelner Parameter wie Messverfahren, Studiendesign und Therapiedurchführung lässt eine verlässliche Aussage hinsichtlich der Effektivität waldtherapeutischer Angebote bei depressiven Leiden leider noch nicht zu – so das Fazit der Autoren der vorliegenden Überblicksarbeit. Es ist allenfalls eine Tendenz festzustellen, die aber unter Berücksichtigung rigiderer Maßgaben auf den Ebenen der Methodik, Messverfahren und Therapieausarbeitung in weiteren Studien verfestigt werden sollte.

Die Tatsache, dass nur englischsprachige und koreanische Studien inkludiert wurden – Studien aus Nationen wie China und Japan, in denen die Waldtherapie seit über zwanzig Jahren ein prominentes Thema darstellt, aber vernachlässigt wurden, stellt eine Verzerrung auf der Publikationsebene dar, die es gilt, in zukünftigen Studien zu berücksichtigen.

In der westlichen Welt steckt die Beschäftigung mit dem waldtherapeutischen Konzept zwar noch in den Kinderschuhen, jedoch sind zunehmend Bemühungen einer Etablierung der Waldtherapie in einzelnen Bereichen beobachtbar, wie Ausbildungsangebote zum Waldtherapeuten dokumentieren. So bietet der Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock einen wissenschaftlich fundierten Qualifikationskurs zur Erlernung der Waldtherapie an, der sich vornehmlich an Ärzte richtet. Zudem werden in diversen Pilotgemeinden in Mecklenburg-Vorpommern in den nächsten Jahren sogenannte Kur- oder Heilwälder ernannt, die bestimmte Kriterien erfüllen müssen, um sich als Therapiewälder zu eignen. Der erste offizielle Therapiewald Deutschlands wird im September 2017 in Heringsdorf auf Usedom eröffnet.

Eine Kassenleistung wird das "Waldbaden" jedoch vorerst nicht sein – zahlen muss der Patient für die vom Arzt verordnete Leistung auf IGeL-Basis zunächst einmal selbst. Es sind jedoch vor dem Hintergrund der klinischen Evidenz insbesondere für stressinduzierte Erkrankungen psychosomatischen Ursprungs wie das Burn-out-Syndrom Potenziale einer Erstattung waldtherapeutischer Maßnahmen zur Prävention und Therapie der Erkrankung vorhanden.

Literatur

1) Grübner O, Rapp MA, Adli M, Kluge U, Galea S, Heinz A. Risiko für psychische Erkrankungen in Städten. Dt Ärztebl 2017; 114(8): 121-127 (+ Anh.: I-II) Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

2) Han J-W, Choi H, Jeon Y-H, Yoon C-H, Woo J-M, Kim W. The effects of forest therapy on coping with chronic widespread pain: physiological and psychological differences between participants in a forest therapy program and a control group. Int J Environemt Res Publ Health 2016; 13: 255 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

3) Ochiai H, Ikei H, Song C, Kobayashi M, Takamatsu A, Miura T, Kagawa T, Li Q, Kumeda S, Imai M, Miyazaki Y. Physiological and psychological effects of forest therapy on middle-aged males with high-normal blood pressure. Int J Environ Res Publ Health 2015; 12: 2532-2542 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

4) Lee J, Tsunetsugu Y, Takayama N, Park B-J, Li Q, Song C, Komatsu M, Ikei H, Tyrväinen L, Kagawa T, Miyazaki Y. Influence of forest therapy on cardiovascular relaxation in young adults. eCAM 2014: Article ID 834360 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

5) Li Q, Morimoto K, Kobayashi M, Inagaki H, Katsumata M, Hirata Y, Hirata K, Suzuki H, Li YJ, Wakayama Y, Kawada T, Park BJ, Ohira T, Matsui N, Kagawa T, Miyazaki Y, Krensky AM. Visiting a forest, but not a city, increases human natural killer activity and expression of anti-cancer proteins. Int J Immunopathol Pharmacol 2008; 21(1): 117-127 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

6) Lee I et al. Effects of forest therapy on depressive symptoms among adults: a systematic review. Int J Environment Res Publ Health 2017; 14: 321 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
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