Komplementäre und
Integrative Medizin
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Carstens-Stiftung: Musik und Aromatherapie beruhigen Intensivpatienten.
Studien kurz und knapp

Musik und Aromatherapie beruhigen beatmete Intensivpatienten

Wie effektiv entspannende Musik oder eine Massage mit Aromaöl die Angst von beatmeten Patienten auf einer Intensivstation reduzieren können, untersuchte eine Forschergruppe im direkten Vergleich miteinander und mit einer Kontrollgruppe.

Die Versorgung auf einer Intensivstation ist für die betroffenen Patienten zusätzlich zu den körperlichen Beschwerden, die den dortigen Aufenthalt erforderlich machen, mit physischem und psychischem Stress verbunden. Sowohl die Geräusche der Kontroll- und Versorgungsapparaturen, aber insbesondere auch eine künstliche Beatmung wirken beunruhigend und treiben Blutdruck und Puls in die Höhe. Der Einsatz von neurophysiologisch wirkenden Substanzen wie Opioiden, Sedativa oder Muskelrelaxantien ist zwar möglich, kann aber mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen. Daher ist es erstrebenswert, gut verträgliche Alternativen zur Stressreduktion einsetzen zu können. Aroma- und Musiktherapie wurden bereits im Bereich der Intensivmedizin aber auch in anderem Kontext, z.B. prä- bzw. postoperativ, erfolgreich klinisch getestet [1,2].In der vorliegenden chinesischen Studie [3] wurden Patienten einer Intensivstation nach dem Zufallsprinzip drei Behandlungsgruppen zugeordnet. Die Teilnehmer der Musikgruppe hörten über Kopfhörer 30 Minuten lang Musik, die sie zuvor aus einem bereitgestellten Angebot selbst ausgewählte hatten.  Die Taktrate entsprach mit 60-80 Schlägen/Minute in etwa der normalen menschlichen Herzfrequenz. Die aromatherapeutische Behandlung erfolgte nach folgendem Schema: 5 Minuten Rückenmassage mit 2 %-igem Lavendelöl in Seitenlage, 5 Minuten Liegen in Rückenlage und weitere 20 Minuten Ruhen in der jeweils bevorzugten Körperlage. Die Probanden der Kontrollgruppe ruhten für 30 Minuten, während sie schallabweisende Kopfhörer trugen. Jeweils unmittelbar vor und nach der Behandlungsphase wurde anhand zweier Messverfahren (Visual Analogue Scale-Anxiety und Chinese-State-Trait Anxiety Inventory) die subjektive Einschätzung der Patienten hinsichtlich der empfundenen Angst dokumentiert. Ergänzend wurden vor Behandlungsbeginn und im weiteren Verlauf im 10-minütigen Rhythmus bis 30 Minuten nach Behandlungsende der Blutdruck (Systolischer, Diastolischer und Mittlerer Arterieller Blutdruck), die Herz- und die Atemfrequenz als objektive Parameter gemessen.
Sowohl die Anwendung von Musik als auch von Aromaölmassage reduzierte die Angst der Probanden. Ebenso lagen die objektiven Messparameter in den beiden Behandlungsgruppen niedriger als in der Kontrollgruppe. Ein schnellerer Effekt wurde mit der Musik erzielt; Blutdruck und Herzschlagfrequenz wurden unmittelbar nach Beginn der Behandlung signifikant herabreguliert. Die Aromatherapie senkte die verschiedenen gemessenen Parameter allmählich, aber stetig ab.

Eine Empfehlung zum Thema sind die Vorträge von Gisela Hillert, einmal im Rahmen der Kettwiger Naturheiltage am 23. Juni 2017, einmal auf dem Gesundheitstag von Natur und Medizin, am 1. Juli 2017 in Bad Neuenahr.

Einschätzung

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass Musik- und Aromatherapie geeignete Mittel sind, die Angst künstlich beatmeter Intensivpatienten herabzusetzen. Statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen und der Kontrollgruppe konnten allerdings erst nach einer Anpassung der Eingangsdaten hinsichtlich Alter, Geschlecht und Stärke der Angst vor Behandlungsbeginn berechnet werden. Weitere Studien mit homogeneren Probandengruppen könnten eindeutigere Ergebnisse liefern. Ebenfalls ist zu bedenken, dass die entspannende Wirkung der Aromaöl-Massage nicht allein auf die olfaktorische, sondern auch auf die taktile Stimulation zurückzuführen sein könnte. Diesbezüglich könnte eine Massage-Kontrollgruppe ohne Verwendung von Aromaöl Aufschluss über den Anteil geben, den das ätherische Öl an der Gesamtwirkung hat.
Weitere klinische Studien zur Anwendung von Aromatherapie gegen Angstzustände bei beatmeten Intensivpatienten, die die zuvor genannten Unsicherheitsfaktoren ausschließen, erscheinen sinnvoll, da dieser Behandlungsansatz ebenso wie die bereits recht gut erforschte Anwendung von Musiktherapie [4] nebenwirkungsarm und kostengünstig umsetzbar ist und den Patienten der Aufenthalt auf der Intensivstation erträglicher gemacht werden kann.

Literatur

1) Karaman T, Karama S, Dogru S, et al. Evaluating the efficacy of lavender aromatherapy on peripheral venous cannulation pain and anxiety: a prospective, randomized study. Complement Ther Clin Pract 2016; 23: 64.68. Abstract
2) Chlan LL, Weinert CR, Heiderscheidt A, et al. Effects of patient-directed music intervention on anxiety and sedative exposure in critically ill patients receiving mechanical ventilatory support: a randomized clinical trial. JAMA 2013; 309:2335-2344. Abstract
3) Lee CH, Lai CL, Sung YH, Lai, MY, Lin CY, Lin LY. Comparing effects between music intervention and aromatherapy on anxiety of patients undergoing mechanical ventilation in the intensive care unit: a randomized controlled trial. Qual Lif Res 2017; [Epub ahead of print] Abstract
4) Bradt J, Dileo C. Music interventions for mechanically ventilated patients. Cochrane Database Syst Rev 2014; (12): CD006902. Abstract