Studien kurz und knapp

Homöopathie bei Fibromyalgie

Eine systematische Übersichtsarbeit bewertet die zur Verfügung stehende Evidenz zur homöopathischen Behandlung der Fibromyalgie, u.a. in Form von randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudien. Die analysierten klinischen Prüfungen und Fallserien sprechen insgesamt für eine Wirksamkeit der Homöopathie. Ein Therapieversuch kann sich für betroffene Patienten lohnen.

Fibromyalgie ist eine Erkrankung, die durch chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen gekennzeichnet ist. Betroffenen machen häufig zusätzlich weitere diffuse Beschwerden zu schaffen. Da die Symptome mitunter schwer zu greifen sind und auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten können, dauert es häufig lange, bis die richtige Diagnose gestellt ist. Obwohl die Fibromyalgie keine rheumatische Erkrankung im engeren Sinne ist, wird sie oft als „Weichteilrheuma“ bezeichnet. Ihr liegt jedoch kein entzündliches Geschehen zugrunde. Man geht davon aus, dass bei der Krankheitsentstehung die genetische Prädisposition sowie diverse physische und psychische Faktoren eine Rolle spielen. Bei Betroffenen liegen offenbar Störungen in verschiedenen Bereichen des Nervensystems vor, die primär die Schmerzempfindung und –verarbeitung betreffen. 2013 gelang es erstmals, einen organischen Befund bei Fibromyalgie-Patienten nachzuweisen: Es konnte gezeigt werden, dass bei den Betroffenen eine Schädigung der kleinen Nervenfasern (Small Fibres) vorliegt.[1]

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Bei der Therapie der Fibromyalgie kommen zumeist verschiedene Behandlungsbausteine zum Einsatz. Dabei werden körperbezogene Verfahren, z.B. Ausdauertraining mit psychologischen Ansätzen, wie etwa der Verhaltenstherapie kombiniert. Eine konventionelle medikamentöse Behandlung sollte erst dann in Betracht gezogen werden, wenn andere Maßnahmen die Symptome nicht verbessern. Die Anwendung gängiger Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure ist kontraindiziert. Eine Reihe von Substanzen, die ursprünglich für die Verwendung bei anderen Erkrankungen zugelassen sind, wird zuweilen im sogenannten „Off-Label-Use“ empfohlen. Hierzu zählen beispielsweise bestimmte Antidepressiva, Opioide u.ä. Der Erfolg dieser medikamentösen Behandlungsversuche der Fibromyalgie fällt unterschiedlich aus und kann, je nach eingesetzten Arzneimitteln, mit starken Nebenwirkungen verbunden sein. Viele Patienten greifen daher auf Methoden aus dem Bereich der Komplementärmedizin zurück.

Material und Methoden

Die vorliegende Übersichtsarbeit [2] sondiert die wissenschaftliche Evidenz zum Einsatz homöopathischer Arzneimittel bei Fibromyalgie. Die Autoren werteten zehn Fallberichte, drei Beobachtungsstudien, eine nicht-randomisierte Studie mit Vergleichsgruppe sowie vier randomisierte, kontrollierte Studien aus. Unter den letztgenannten befanden sich drei klinische Prüfungen mit Placebokontrolle. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Arbeiten erwies sich als heterogen, wobei auch Studien mit relativ geringem Verzerrungsrisiko identifiziert werden konnten. Die homöopathischen Verschreibungsstrategien unterschieden sich in den einzelnen klinischen Prüfungen stark und reichten vom Einsatz individuell ausgewählter Einzelmittel (klassische Homöopathie), über standardisiert festgelegte Arzneimittel bis hin zu Komplexpräparaten. Die untersuchten Zielparameter unterschieden sich ebenfalls. Sofern Daten aus unterschiedlichen Arbeiten zu ein und demselben Endpunkt vorlagen, wurden diese einer zusammenfassenden statistischen Auswertung unterzogen (Meta-Analyse). So lieferten beispielweise je drei Publikationen Messungen der Schmerzintensität und gaben Auskunft über die Anzahl empfindlicher Druckpunkte (Tenderpoints).

 


Ergebnisse

Die Meta-Analyse aller vergleichbaren kontrollierten Studien ergab eine deutliche Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebo in Bezug auf die Zielgrößen „Anzahl der Tenderpoints“, „Schmerzintensität“ und „Erschöpfung“ (Fatigue). Kein signifikanter Unterschied zwischen den Patientengruppen konnte hingegen im Hinblick auf den Parameter „Depression“ u.a. festgestellt werden.

 

Ergebnisse der Meta-Analyse

Quelle: [2]


Die präsentierten mittleren Standardabweichungen (Standard Mean Difference) in Höhe von 0,42 respektive 0,54 können mit einiger Vorsicht in Richtung einer mittleren Effektstärke der homöopathischen Behandlung über alle betrachteten Studien hinweg interpretiert werden (Faustregel: |d| = 0,2 entspricht einem kleinen, |d| = 0,5 einem mittleren und |d| = 0,8 einem großen Effekt). Die Patienten in den Homöopathiegruppen verspürten demnach im Mittel eine klinisch relevante Besserung ihrer Schmerzen, die sich unter Placebobehandlung in dieser Form nicht einstellte.

Einschätzung:

Die Autoren der vorliegenden Übersichtsarbeit konstatieren, dass aufgrund der geringen Anzahl an eingeschlossenen Studien und deren heterogener Qualität keine definitiven Schlussfolgerungen gezogen werden können. Insgesamt spreche aber die Gesamtheit der verfügbaren Daten für die Wirksamkeit einer homöopathischen Behandlung. In der medizinischen S3-Leitlinie zur Fibromyalgie, die versucht, den State of the Art der Forschung in praktische Therapieempfehlungen zu übersetzen, wird die Homöopathie daher als Option genannt, seit 2012 nur noch im Rahmen eines Minderheitenvotums. Diese Leitlinie zeigt, dass es insgesamt nur wenige wissenschaftlich gut belegte Ansätze zur Behandlung der Fibromyalgie gibt. Auch die Einnahme stark wirkender Arzneimittel garantiert keinen hinreichenden und dauerhaften Erfolg. Neben den körperbezogenen und psychotherapeutischen Maßnahmen lohnt auch aus diesem Grunde möglicherweise ein Therapieversuch mit Homöopathie. Dies gilt vor allem mit Blick auf die Sicherheit und Unbedenklichkeit des Verfahrens.[3]

Literatur

[1] Üçeyler N1, Zeller D, Kahn AK, Kewenig S, Kittel-Schneider S, Schmid A, Casanova-Molla J, Reiners K, Sommer C.: Small fibre pathology in patients with fibromyalgia syndrome. Brain. 2013 Jun;136(Pt 6):1857-67. doi: 10.1093/brain/awt053. Epub 2013 Mar 9. Abstract

[2] Boehm, K.; Raak, C.; Cramer, H.; Lauche, R.; Ostermann, T.: Homeopathy in the treatment of fibromyalgia, A comprehensive literature-review and meta-analysis. Complement Ther Med 2014; 22(4): 731-742. Abstract

[3] Behnke, J.; Wiesenauer, M.: Gefahr durch Globuli? Wissenschaftliche Befunde zur Sicherheit homöopathischer Arzneimittel. www.carstens-stiftung.de, 23.02.2017. Volltext


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(Veronica Carstens)