Rubrik: Studien kurz und knapp

Blutegeltherapie für den dauerhaft geplagten Rücken

Nach Untersuchungen bei verschiedenen Arthroseformen wurden Blutegel im Rahmen einer Studie nun erstmals bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzenim Bereich der unteren Wirbelsäule eingesetzt – mit Erfolg.

Die positiven Resultate mehrerer randomisierter kontrollierter Studien zur Wirksamkeit der Blutegeltherapie hinsichtlich Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung bei Gonarthrose, Rhizarthrose und Epikondylitis motivierte Wissenschaftler der Charité Universitätsmedizin sowie der Abteilung für Naturheilkunde des Immanuel Krankenhauses in Berlin zu der Durchführung einer „proof of concept“-Studie, bei der die Effekte des Einsatzes von Blutegeln bei chronischen Schmerzen im unteren Rückenbereich untersucht wurden. [1]
Im Rahmen der Studie erhielten insgesamt 52 Patientinnen und Patienten zwischen 18 und 70 Jahren, bei denen im Vorfeld ein chronisches unspezifisches Lendenwirbelsyndrom diagnostiziert worden war, nach dem Zufallsprinzip entweder eine Blutegelbehandlung oder aber eine Kombination aus Rückengymnastik und aerobem Training („Nordic Walking“). Die Intervention bestand aus einer einmaligen lokalen Applikation von 4 bis 7 Blutegeln, die 3-15 cm paravertebral in Höhe der Wirbelkörper L1 bis S3 gesetzt wurden. In der Kontrollgruppe absolvierten die Teilnehmer über einen Zeitraum von 4 Wochen einmal wöchentlich eine Trainingsstunde unter Anleitung eines Physiotherapeuten. Die PatientInnen beider Gruppen erhielten eine Broschüre mit einer Einführung über das Verhalten bei chronischen unteren Rückenschmerzen („Rückenschule“). Als Hauptzielparameter wurde die absolute Veränderung der durchschnittlichen Rückenschmerzintensität während der vergangenen Woche, gemessen per 100 mm Visuelle Analogskala (VAS) festgelegt. Sekundäre Zielparameter bestanden in der Erhebung von Daten zur Häufigkeit und Dosierung von Analgetika, Alltagsfunktionalität, Lebensqualität, Stimmungslage sowie Schmerzwahrnehmung. Alle Zielparameter wurden zu Beginn, nach 28 ±
3 Tagen sowie nach 56 ± 5 Tagen unter Berücksichtigung eines im Vorfeld festgelegten Toleranzspielraums für den Zeitpunkt der Messung erhoben.

Immer gut informiert –

der Newsletter der
Carstens-Stiftung : Natur und Medizin

✓ einmal im Monat
✓ gratis
✓ jederzeit kündbar


Im Rahmen der „Intention-to-Treat“-Analyse wurden die Daten von 44 StudienteilnehmerInnen ausgewertet. Hinsichtlich der mittleren Schmerzstärke resultierte die einmalige Blutegelbehandlung im Vergleich mit der Kontrollgruppe in signifikant niedrigeren Werten. Die Intensität der Rückenschmerzen war nach 28 Tagen im Schnitt von anfangs 61,2 ± 14,8 auf 33,1 ± 22,4  in der Blutegelgruppe sowie von 61,6 ± 14,8 auf 59,8 ± 16,7 in der Bewegungstherapiegruppe gesunken. Ebenfalls signifikante Verbesserungen zeigten sich nach 28 Tagen hinsichtlich der Alltagsfunktionalität und physischen Lebensqualität, die auch nach 56 Tagen noch zu beobachten waren. Der Gruppenunterschied in der VAS-Schmerzmessung nach 56 Tagen verfehlte jedoch die statistische Signifikanz, da trotz signifikant verbesserter Werte auf der Ebene der mittleren absoluten Schmerzreduktion die Streuung der Werte innerhalb der Blutegelgruppe zu ausgeprägt war. Die Stimmungslage verbesserte sich zwar in beiden Gruppen, zwischen den Gruppen war jedoch kein Unterschied festzustellen. Ein weiterer Nebeneffekt der Blutegeltherapie zeigte sich im signifikanten Rückgang des Schmerzmittelgebrauchs, der von anfangs 6,40% der verwendeten Schmerzmedikation auf 2,35% nach 28 Tagen und 1,94% nach 56 Tagen reduziert werden konnte. Insgesamt fünf als gesichert im Zusammenhang mit der Blutegeltherapie klassifizierte unerwünschte Ereignisse (stärkerer Juckreiz, längeres Nachbluten) traten auf, sowie sechs Fälle von verstärkten Rückenschmerzen, davon fünf in der Bewegungstherapie- und einer in der Blutegeltherapiegruppe.

Einschätzung:

Im Vergleich mit einer leitliniengerechten Standardtherapie konnte der einmalige Einsatz von Blutegeln nachhaltige signifikante Effekte bzgl. Schmerzreduktion, Funktionsverbesserung und Verbesserung der physischen Lebensqualität erzielen. Sowohl die absolute Schmerzverbesserung von fast 50% als auch die absolute Gruppendifferenz der Schmerzreduktion von mehr als 20 mm VAS weisen auf einen klinisch relevanten Therapieeffekt hin. Quantitativ zeigt sich die Blutegelbehandlung einer pharmakologischen Therapie, z.B. mittels nichtsteroidaler Antirheumatika, als gleichwertig. Hinsichtlich der hier dokumentierten Effektgrößen erweist sich die Blutegeltherapie anderen in indikationsbezogenen Leitlinien empfohlenen nichtpharmakologischen Therapien wie beispielsweise Akupunktur, Physiotherapie, Alexandertechnik oder Yoga als überlegen.
Da jedoch eine Verblindung aufgrund der spezifischen Merkmale einer Blutegeltherapie nicht oder nur schwer umsetzbar war und deswegen nicht berücksichtigt wurde, sind Verzerrungen des Ergebnisses durch die positive Erwartungshaltung seitens der Patienten in der Blutegeltherapiegruppe und der daraus möglicherweise resultierenden unspezifischen Effekte wahrscheinlich. Weitere Limitationen bilden die kleine Fallzahl sowie die fehlende objektive Einschätzung der Parameter. Außerdem unterschieden sich die Gruppen zu Studienbeginn hinsichtlich der Schmerzmitteleinnahme, was auf eine unterschiedliche Schmerzwahrnehmung der einzelnen Teilnehmer hinweisen könnte. Die Reproduzierbarkeit der erzielten Effekte sowie langfristige Wirkung und Verträglichkeit sind somit in vorzugsweise randomisierten, multizentrischen Studien unter Optimierung einzelner, methodischer Parameter zu untersuchen.

Lieratur

1) Hohmann C-D, Stange R, Steckhan N, Robens S, Ostermann T, Paetow A, Michalsen A. Wirksamkeit der Blutegeltherapie bei chronischen unteren Rückenschmerzen. Dtsch Ärztebl Int 2018; 115(47): 785-792 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract (deutsche Version) / Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract (englische Version) 

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Bibliothek | Informationsmanagement

Telefon: 0201 56 305 18
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Maild.hacke@carstens-stiftung.de


Dieser Artikel erschien in der Kategorie: Rubrik: Studien kurz und knapp

Immer gut informiert –

der Newsletter der
Carstens-Stiftung : Natur und Medizin

✓ einmal im Monat
✓ gratis
✓ jederzeit kündbar

Mitglieder profitieren
mehrfach –

alle Infos zur
Fördermitgliedschaft

mehr erfahren

Unterstützen Sie unsere Arbeit

und stärken Sie mit Ihrer Spende Naturheilkunde und Homöopathie.

„Der Arzt und die Ärztin der Zukunft sollen zwei Sprachen sprechen, die der Schulmedizin und die der Naturheilkunde und Homöopathie. Im Einzelfall sollen sie entscheiden können, welche Methode die beste für den Patienten ist.“

(Veronica Carstens)