Carstens-Stiftung: Achtsamkeit macht Schule: Stressreduktion für einen entspannten Schulalltag

Rubrik: Studien kurz und knapp

Achtsamkeit macht Schule: Stressreduktion für einen entspannten Schulalltag

Im Rahmen eines NRW-Landesmodellprojekts üben sich Lehrer/innen und Schüler/innen an Solinger Grundschulen erfolgreich in Selbstachtsamkeit und Achtsamkeit miteinander.

Der Lehrer/innenberuf ist kein Kinderspiel: Zunehmend klagen Lehrer/innen über Überforderung in der Ausübung ihres Berufs. Besonders deutlich wird dies durch eine exemplarische Studie mit 20.000 Lehrer/innen in Potsdam, von denen 60% angaben, sich überfordert zu fühlen bzw. angesichts der Überforderung zu resignieren. [1] Die wenigsten der befragten Lehrer/innen (17%) wirkten dieser Situation aktiv entgegen, indem sie selbstfürsorglich zur Erhaltung ihrer Gesundheit handelten. 23% zeigten zumindest ein wenig Engagement stressreduzierende Maßnahmen zu ergreifen. Die Integration achtsamkeitsbasierter Maßnahmen in Schulen könnte hier Abhilfe schaffen.

Wie eine Reihe von Studien zeigt, können speziell für Lehrer/innen konzipierte Achtsamkeitsprogramme sich positiv auf die körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken und zu einer erhöhten Stressresilienz, ausgeglichener Stimmung, normalen Blutdruckwerten und einer Reduktion von "Burnout"-Symptomen beitragen. Diese Entwicklung wirkt sich letztendlich positiv auf die Beziehung zu den Kolleg(inn)en und den Umgang mit den Kindern aus. Diese Erkenntnisse nahmen Wissenschaftler des Lehrstuhls für Naturheilkunde und Integrative Medizin an der Universität Duisburg-Essen zum Anlass, ein Pilotprojekt in Kooperation mit der Stadt Solingen zu initiieren, das unter dem Titel "Gesundheit, Integration und Konzentration – Achtsamkeit in Grundschulen (GIK)" lehrerspezifische Achtsamkeitsangebote an 22 Solinger Grundschulen untersuchen sollte. [2]

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Das Grundkonzept des Projekts bestand daraus, interessierte Schulleiter/innen und Lehrer/innen an den teilnehmenden Grundschulen im Rahmen adaptierter, schulinterner MBSR-Kurse in ausgewählten Achtsamkeitsmethoden zu schulen. Im Zeitraum zwischen Mai 2016 und Dezember 2017 wurden 18 zwanzigstündige Achtsamkeitskurse über mehrere Wochen mit anfangs 324, zum Projektende schließlich 275 Teilnehmer/innen durchgeführt. Die erlernten Maßnahmen dienten der Stärkung der Selbstkompetenz aller Teilnehmer/innen sowohl auf gesundheitlicher als auch beziehungsrelevanter Ebene. Im nächsten Schritt trafen die Lehrer/innen gemeinsam mit dem Anleitungsteam eine Auswahl an Achtsamkeitsübungen und entwickelten auf der Basis der erlernten Kenntnisse eigenständig ein achtsamkeitsbasiertes Interventionsprogramm, das in den Unterricht integriert und mit den Kindern umgesetzt wurde. Außerdem wurden seitens der Studienleiter Anregungen zu Zukunftswerkstätten geleistet, in deren Rahmen Strukturentwicklungen auf Team-, Schul,- und Netzwerkebene diskutiert werden konnten; außerdem wurden Einzelbegleitungen zwecks Bearbeitung eines Themas angeboten. Der hier anvisierte Aspekt der Beziehungsgestaltung zwischen den Lehrer/innen im Rahmen des Kollegiums sowie organisationale Entwicklungsaspekte wurden im Rahmen dieses Modellprojekts erstmalig untersucht.

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Die qualitativen Ergebnisse des Projekts wurden auf der Grundlage von acht halboffenen Interviews mit interessierten Schulleiter/innen sowie 18 Gruppengesprächen mit jeweils ca. 10 Lehrer/innen zusammengefasst. Unter anderem berichteten die Lehrer/innen von einem bewussteren Umgang mit Stressspitzen, z.B. durch die Durchführung eines Mini-Body-Scans, dem Erkennen negativer Gedanken und Gefühlen und der Fähigkeit sich von diesen zu lösen, einer bewussteren Kommunikation untereinander und Gespräche zu deren Gestaltung im Kollegium sowie dem Gefühl, den Kindern zugewandt und ihnen gegenüber fürsorglicher und weniger fordernd bzw. offener für ihre Bedürfnisse zu sein.

Zusammengefasst zeigte sich bei den an den Kursen teilnehmenden Lehrer/innen eine erhöhte Kompetenz bezüglich der individuellen Stressbewältigung und Erholungsfähigkeit, eines bewussten und fürsorglichen Umgangs mit den Kolleg(inn)en bzw. ihrer Beziehungen zu den Kindern. Ebenso war eine Zunahme an Entscheidungsverantwortung zur Gestaltung von Abläufen, Inhalten, Vermittlungsformen und ihrer Erwartungen an die Kinder bei den Lehrer/innen zu beobachten. Inwiefern die Schulung des Lehrpersonals in achtsamkeitsbasierten Maßnahmen sich auf die Kinder, z.B. hinsichtlich des Klassenklimas und deren Konzentrationsfähigkeit auswirkt, wird jedoch noch im Rahmen einer separaten, randomisierten Begleitstudie untersucht, deren Ergebnisse voraussichtlich im Jahr 2019 vorliegen werden.

Einschätzung:

Von entscheidender Bedeutung ist das im Rahmen dieses Projekts umgesetzte Modell der Selbstorganisation und die Befähigung zur eigenständigen Gestaltung des Umgangs mit sich selbst und mit anderen (Lehrer/innen und Schüler/innen). Ein Kritikpunkt wurde seitens des teilnehmenden Lehrpersonals geäußert: Nicht alle Schulleiter/innen und Lehrer/innen an den einzelnen Schulen entschieden sich für eine Teilnahme an dem Projekt, was die Frage aufwirft, wie das Konzept der Achtsamkeit dauerhaft im Verbund mit dem nicht-teilnehmenden Kollegium umgesetzt werden und ob es unter diesen Umständen funktionieren kann. Eine Untersuchung dieses Aspekts wäre ggfs. eine interessante Problematik für weitere Projekte dieser Art. Abzuwarten bleiben die Ergebnisse der noch laufenden Begleitstudie, die zeigen werden, wie sich die durch das Lehrpersonal umgesetzten Maßnahmen auf die Schüler/innen und die gemeinsamen Lernbedingungen auswirken. Generell wäre in Betrachtung der erzielten Erfolge im Rahmen des vorliegenden Modellprojekts eine Vermittlung achtsamkeitsbasierter Methoden für angehende Lehrer/innen bereits im Lehramtsstudium wünschenswert.

Literatur

1) Schaarschmidt U, Fischer AW. Lehrergesundheit fördern – Schulen stärken. Ein Unterstützungsprogramm für Kollegium und Leitung. Weinheim: Beltz Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

2) Altner N, Erlinghagen M, Körber D, Cramer H, Dobos G. Achsamkeit in den Grundschulen einer ganzen Stadt fördern – ein NRW-Landesmodellprojekt. Gr Interakt Org 2018; epub ahead of print Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
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