Integrative Medizin
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200 Jahre Kneipp: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse
Übersichtsarbeit zu Wasserkuren & Co.

200 Jahre Kneipp: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse

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Naturheilkunde Kneipp

Münchener Forscher fassen zum 200. Geburtstag von Sebastian Kneipp in einer Übersichtsarbeit die Ergebnisse klinischer Studien zu Wasserkuren & Co. zusammen.

Im Jahr 2021 feiert die Naturheilkunde-Bewegung den 200. Geburtstag des Gründervaters Sebastian Kneipp. Eine Forschergruppe aus München hat pünktlich zu diesem Jubiläum eine Übersichtsarbeit (1) vorgelegt, welche die Ergebnisse klinischer Studien zu Wasserkuren & Co. ab dem Jahr 2000 zusammenfasst. Es wurden 25 Arbeiten eingeschlossen, auf ihre methodische Qualität hin untersucht und anschließend ausgewertet. Die Autoren fanden Hinweise auf positive Effekte bei verschiedenen Beschwerdebildern, weisen jedoch darauf hin, dass zukünftige Studien noch besser geplant werden könnten, um zuverlässigere Aussagen zu ermöglichen.

Grundlagen der Kneipp-Therapie

Beruhend auf den Lehren des bayerischen Pfarrers (1821-1897) versteht man darunter heute ein ganzheitliches, naturheilkundliches Gesundheitskonzept, das aus fünf Elementen besteht: Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und innere Ordnung. Kneippkuren werden in der Regel über einen Zeitraum von drei bis vier Wochen in besonders darauf ausgelegten Kliniken oder Kurzentren durchgeführt. Dabei werden die fünf Elemente oder Säulen individuell auf die gesundheitlichen Probleme des Patienten abgestimmt. Die Hydrotherapie umfasst dabei zum Beispiel warme oder kalte Güsse, Wickel, Bäder und Packungen. Bewegung wird meist in Form von Wanderungen oder moderaten Sportarten eingebunden. Ein abwechslungsreicher Vollwert-Ernährungsplan ist integraler Bestandteil jeder Kur. Im Rahmen der Phytotherapie werden gegebenenfalls angezeigte Heilpflanzenzubereitungen verordnet. Schlussendlich umfasst die Ordnungstherapie Maßnahmen, die zu einer bewussten und gesunden Lebensweise beitragen.

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Untersuchte Studien

Die Autoren der vorliegenden Übersichtsarbeit schlossen Studien in die Analyse ein, die entweder vollständige Kneippkuren, die alle fünf Säulen beinhalteten, untersuchten, oder aber solche, die einzelne Maßnahmen aus diesem Portfolio zum Gegenstand hatten. Mit Abstand am häufigsten wurde die Hydrotherapie beforscht. Die Beschwerdebilder reichten dabei von Allergien, über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bis hin zu Verdauungsbeschwerden. Erwähnenswert ist, dass einige Wissenschaftler auch das Präventionspotential der Kneipp-Therapie auf seine Wirksamkeit hin prüften, indem sie mit zunächst gesunden Studienteilnehmern arbeiteten und beobachteten, wie häufig diese im Studienverlauf bestimmte Beschwerden entwickelten. Die methodische Qualität der 25 analysierten Arbeiten wurde in 3 Fällen als hoch bewertet, in 13 als mittelmäßig und in 9 als niedrig.

Ergebnisse

Im Jahr 2003 wurde bereits eine Übersichtsarbeit zu Wasseranwendungen vorgelegt. (2) Diese dokumentierte vor allem positive Auswirkungen auf Herzinsuffizienz und venöse Funktion sowie eine Reduktion von Erkältungskrankheiten im Sinne einer "Abhärtung". Neu hinzugekommen durch die aktuelle Veröffentlichung sind Hinweise auf eine Verbesserung der allgemeinen Immunabwehr, eine Linderung von Wechseljahresbeschwerden, eine Reduktion des Blutdrucks bei Hypertonikern sowie eine günstige Wirkung auf Schlafstörungen. Ein Wirksamkeitsnachweis der untersuchten Kneipp-Verfahren gelang hingegen nicht in Bezug auf Depressionen (von Brustkrebspatientinnen), die Lebensqualität bei Post-Polio-Syndrom und Polyneuropathien sowie Arthritis.

Fazit

Die vorliegende Übersichtsarbeit neuerer Studien zur Kneipp-Therapie dokumentiert, dass traditionelle Therapieverfahren mit modernen Methoden beforscht werden können, und dass sie bei bestimmten Erkrankungen, wenn auch nicht bei allen, für die sie teilweise angewendet werden, nachweislich wirksam sind. Eine weitere Erkenntnis, die zwar nicht neu ist, aber dennoch Erwähnung verdient, ist das offenbar geringe Interesse an naturheilkundlichen Verfahren im Wissenschaftsbetrieb, wie es sich unschwer an der vergleichsweise geringen Zahl neuerer Studien zu Kneipp ablesen lässt. Zu guter Letzt sollte festgehalten werden, dass die methodische Qualität vieler Studien zu Naturheilverfahren zu wünschen übrig lässt und dringend verbessert werden sollte. Diese Feststellung gilt zwar ebenso für viele Arbeiten zur konventionellen Medizin, aber wegen der Ressourcenknappheit in der naturheilkundlichen Forschung ist es umso dringender nötig, auf diesem Gebiet möglichst zuverlässige Forschungsergebnisse zu generieren.

Literatur zu "200 Jahre Kneipp: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse"

(1) Stier-Jarmer M, Throner V, Kirschneck M, Frisch D, Schuh A. Effects of Kneipp Therapy: A Systematic Review of Current Scientific Evidence (2000–2019) [Effekte der Kneipp-Therapie: Ein systematischer Review der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse (2000-2019)]. Complement Med Res. 2021;28(2):146-159. German. doi: 10.1159/000510452. Epub 2020 Oct 13. PMID: 33049739. Link

(2) Stier-Jarmer M, Throner V, Kirschneck M, Frisch D, Schuh A: Effekte der Kneipp-Therapie: Ein systematischer Review der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse (2000–2019). Complement Med Res 2021;28:146-159. doi: 10.1159/000510452. Link

Dr. Jens Behnke
Dr. Jens Behnke

Programmleitung Integrative Medizin

Telefon: 0201 56 305 13