Carstens-Stiftung: Braunalgenextrakt Phlorotannin – Schlafmittel aus dem Meer?

Studien kurz und knapp

Braunalgenextrakt Phlorotannin – Schlafmittel aus dem Meer?

Erstmals untersuchten Wissenschaftler die Wirksamkeit von Polyphenolen aus der Braunalge Ecklonia cava an Menschen mit Schlafstörungen.

Unter den Landpflanzen findet man so manches Heilkraut, das erfolgreich gegen Ein- und Durchschlafstörungen eingesetzt werden kann, darunter Hopfen, Baldrian, Kamille und Passionsblume. Wie pharmakologische Studien zeigten, spielt eine bestimmte Gruppe von sekundären Pflanzenstoffen eine wichtige Rolle bei der Beruhigung und Schlafförderung: die Polyphenole. Die gesundheitlich unterstützende Wirkung von Meerespflanzen ist hierzulande zwar durchaus bekannt und wird beispielsweise auch in Form von Nahrungsergänzungsmitteln genutzt, ist jedoch längst nicht so populär wie in vielen asiatischen Ländern, wo Algen seit jeher als Nahrungs- und Heilmittel dienen.

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Eine koreanische Wissenschaftlergruppe untersuchte jüngst, ob ein Extrakt der Braunalge Ecklonia cava, die für ihren hohen Anteil an Phlorotanninen (Polyphenole maritimer Pflanzen) bekannt ist, bei Patienten mit Schlafstörungen [1] ebenso eine sedative Wirkung zeigt, wie sie zuvor in Laborversuchen an Mäusen [2] beobachtet wurde. Ansonsten gesunde Patienten mit Einschlafstörungen und/oder Durchschlafstörungen und/oder anhaltender Müdigkeit nach dem nächtlichen Schlaf wurden nach dem Zufallsprinzip einer Behandlungsgruppe und einer Placebogruppe zugeteilt. Beide Gruppen erhielten identisch aussehende Kapseln, entweder mit 250 mg Phlorotannin oder Dextrin als Placebo befüllt. Weder Patienten noch Ärzte wussten um die Gruppenzuteilung der Patienten. An sieben aufeinander folgenden Tagen sollten täglich zwei Kapseln ca. 30-60 Minuten vor der Schlafenszeit eingenommen und ansonsten die bisherigen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten beibehalten werden.

Zu Beginn der Studie und nach den sieben Tagen wurden die Schlafqualität, die Müdigkeit am Tage und das Stressempfinden mittels Pittsburgh Sleep Quality Index, Epworth Sleepiness Scale, Stanford Sleepiness Scale und Brief Encounter Psychological Instrument erhoben. Darüber hinaus verbrachten die Patienten vor und nach der einwöchigen Medikation jeweils eine Nacht im Schlaflabor, damit eine Polysomnographie erstellt werden konnte. Dabei wurden per Messsonden folgende Parameter überwacht und aufgezeichnet: Hirnaktivität, Augenbewegungen, Muskelaktivität, Atmung, Puls, Sauerstoffkonzentration im Blut, Herzaktivität, Körperlage und Beinbewegungen. Aus diesen Aufzeichnungen lassen sich verschiedene Indizes zur Schlafqualität bestimmen, d.h. Latenzzeiten bis zum Einschlafen, Dauer verschiedener Schlafphasen, Summe der Wachphasen und der Gesamtschlafzeit sowie Atmungsstörungen. Da Ernährungsgewohnheiten sowie anthropometrische Faktoren die Schlafqualität beeinflussen können, wurden auch Zusammensetzung und Zeitpunkt der Mahlzeiten sowie Körpergewicht, Körpergröße und Body-Mass-Index bestimmt. Zur Überprüfung der Arzneimittelverträglichkeit wurden die Studienteilnehmer zum Auftreten unerwünschter Symptome während der einwöchigen Medikamenteneinnahme befragt.

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Am Ende der Studie konnten die Daten von 20 (zehn pro Gruppe) der ursprünglich 24 in die Studie eingeschlossenen Personen ausgewertet werden. Während hinsichtlich der Schläfrigkeit am Tage und des Stressempfindens keine großen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen festzustellen waren, lag die Schlafdauer in der Gruppe mit Braunalgenextrakt statistisch signifikant höher als in der Placebogruppe. Die Einschränkungen im alltäglichen Leben waren in der Behandlungsgruppe nur im Vergleich zum Ausgangswert deutlich niedriger, nicht aber im Vergleich zur Placebogruppe. Die Auswertung der polysomnographischen Aufzeichnungen zeigte, dass die Einnahme von Phlorotannin eine Reduktion der Wachzeiten nach Einsetzen des Schlafes und damit eine Verlängerung der Gesamtschlafdauer von durchschnittlich rund 26 Minuten bewirkte. Dieser Unterschied erwies sich im Vergleich mit den Ausgangswerten und mit den Werten der Placebogruppe als statistisch signifikant. Störungen der Atmung während der REM-Schlafphasen (Phasen mit starker Augenaktivität, höherem Puls und Blutdruck, aber geringerem Muskeltonus als in den anderen Schlafphasen) waren bei der zweiten Messung nach siebentägiger Medikamenteneinnahme in der Placebogruppe deutlich erhöht, in der Verumgruppe hingegen deutlich niedriger als bei der Erstmessung. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war bei der zweiten Messung statistisch signifikant.
Lediglich leichte, vorübergehende unerwünschte Wirkungen wurden in beiden Gruppen gleichermaßen von jeweils vier Personen berichtet.

Einschätzung:

Gemäß der Ergebnisse dieser ersten Studie mit Menschen scheint die Einnahme von Phlorotannin-Kapseln, einem Polyphenol-Extrakt der Braunalge Ecklonia cava, eine Aufrechterhaltung des Schlafes von Patienten mit Schlafstörungen zu bewirken. In Tierexperimenten mit Mäusen [2] hatten die Wissenschaftler unter dem Einfluss von Phlorotannin-Aufnahme einen deutlichen Anstieg der Nicht-REM-Schlafphasen sowie eine Reduktion der Latenzzeiten bis zum Einsetzen des Schlafes beobachten können. In dieser Laborstudie wurde die Effektivität sechs verschiedener Phlorotannine untersucht und der zugrunde liegende Wirkmechanismus experimentell ermittelt. So aktivieren die verschiedenen Phlorotannine die Rezeptoren für chemische Botenstoffe an den Nervenzellen im zentralen Nervensystem unterschiedlich stark. Diese Aktivierung verstärkt die Bindung der entsprechenden Botenstoffe, was wiederum zu einem ruhigeren Schlaf und weniger Erwachen führt.
Um gesicherte Aussagen treffen zu können, ob die Einnahme eines Extraktes von Ecklonia cava klinisch signifikante Verbesserungen der Schlafqualität herbeiführen kann, sind aufbauend auf den hier vorgestellten ersten Untersuchungen weitere Studien erforderlich, in denen an größeren Patientenzahlen über einen längeren Zeitraum mit häufigeren Kontrollen die optimale Einnahmedauer, Dosierung des Extraktes und gegebenenfalls auch die optimale Dosierung der Einzelkomponenten erforscht werden.
Einstweilen können durch Schlafstörungen Geplagte jedoch auf Baldrian, Hopfen & Co oder andere komplementärmedizinische Therapieverfahren zurückgreifen.

Literatur

1) Um MY, Kim JY, Han JK, Kim J, Yang H, Yoon M, Kim J, Kang SW, Cho S. Phlorotannin supplement decreases wake after sleep onset in adults with self-reported sleep disturbance: A randomized, controlled, double-blind clinical and polysomnographic study. Phytother Res 2018; [Epub ahead of print]. Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

2) Cho S, Yoon M, Pae AN, Jin YH, Cho NC, Takata Y, Urade Y, Kim S, Kim JS, Yang H, Kim J, Kim J, Han JK, Shimizu M, Huang ZL. Marine polyphenol phlorotannins promote non-rapid eye movement sleep in mice via the benzodiazepine site of the GABAA receptor. Psychopharmacology 2014; 231(14): 2825. Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Petra Koczy

Petra Koczy, Dipl.-Biol.
Fachbereich Bibliothek | Informationsmanagement

Telefon: 0201 56 305 0
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailp.koczy@carstens-stiftung.de


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