
In Gedenken an Dr. Henning Albrecht
Wir nehmen Abschied von Dr. rer. nat. Henning Albrecht, geboren am 28.09.1951 in Herne. Er verstarb am 04.01.2026 im Alter von 74 Jahren. Unsere aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Familie.
Nach Tätigkeiten in der Pharma-Forschung sowie beim Springer Verlag in Heidelberg wechselte der promovierte Biologe 1985 nach Essen in den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Seine Herausforderung: Die neu gegründete Stiftung des fünften Bundespräsidenten Prof. Dr. Karl Carstens und seiner Frau, der Ärztin und Pionierin der Naturheilkunde, Dr. Veronica Carstens aufzubauen.
Als erster Geschäftsführer der Karl und Veronica Carstens-Stiftung übernahm Dr. Henning Albrecht keine leichte Aufgabe. An den medizinischen Fakultäten, die er für Forschungsprojekte gewinnen musste, traf er häufig auf Zurückhaltung, manches Mal auf Misstrauen. Dennoch prägte Dr. Albrecht in dieser Rolle die wissenschaftliche Durchdringung, Etablierung und Entwicklung der Komplementären und Integrativen Medizin maßgeblich mit, was neben seiner fachlichen Kompetenz zu einem guten Stück seiner Beharrlichkeit zu verdanken war. Er hatte die Gabe, andere mit seiner Überzeugung anzustecken, wenn er für etwas brannte – und für Naturheilkunde und Homöopathie brannte Dr. Henning Albrecht. So avancierte unter seiner rund 30-jährigen Ägide die Stiftung schließlich zu einer führenden Wissenschaftsorganisation auf diesen Gebieten in Europa.
In Dr. Albrechts Zeit als Geschäftsführer fiel die Förderung von zahlreichen wegweisenden Promotionen sowie hunderten nachhaltigen Einzelprojekten. Die beiden größten Meilensteine markieren dabei der Aufbau der Modellklinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin an den Kliniken Essen-Mitte von 2000 – 2010 sowie die Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin an der Berliner Charité von 2008 – 2013. In Essen wurden u.a. die Blutegeltherapie, Akupunktur, das Heilfasten und die Mind-Body-Medizin bei Herzkrankheiten, gastrointestinalen Erkrankungen und neurobiologischen Fragestellungen erforscht. An der Charité wurde erstmals in Deutschland Spitzenforschung auf dem Gebiet der Komplementärmedizin im Rahmen einer eigenen Professur ermöglicht. Geprüft wurden dort Wirksamkeit, Sicherheit und Kosteneffektivität verschiedener Behandlungsansätze bei chronischem Schmerz sowie in der Geriatrie und in der Onkologie. An dieser Stelle muss unbedingt auch ein frühes, vergleichsweise kleines Projekt erwähnt werden: Die Initiierung der ersten naturheilkundlichen Ambulanz an einer Universitätsklinik in Deutschland, von 1993 – 1998 in Heidelberg. Diese Förderung befasste sich schwerpunktmäßig mit der Suche nach Verfahren bei unerfülltem Kinderwunsch und lag dem Vater Henning Albrecht besonders am Herzen, wie seine begeisterten Schilderungen in Vorträgen verrieten.
Nach seiner Übergabe der Geschäftsführung blieb Dr. Albrecht der Carstens-Stiftung noch bis 2015 im Vorstand erhalten. Danach engagierte er sich ehrenamtlich und mit Leidenschaft für die Flüchtlingsarbeit, wofür ihm 2019 der Integrationspreis der Stadt Essen verliehen wurde. Für die Komplementäre und Integrative Medizin setzte er sich bis zuletzt als stv. Vorstandsvorsitzender der Rut und Klaus Bahlsen-Stiftung weiterhin ein.
Alle Zugehörigen der Carstens-Stiftung und ihrer Fördergemeinschaft Natur und Medizin e.V., von den Mitarbeitenden über die Geschäftsführenden, den Vorstand bis zur Mitgliederversammlung, nehmen Abschied von einem Philanthropen. Dr. Henning Albrecht konnte Missstände in der Gesundheitsversorgung nicht nur erkennen, sondern war auch dazu bereit, die Maßnahmen zu ihrer Beseitigung zu ergreifen. Sein verblüffender Pragmatismus, das Notwendige zu tun, wird uns in Erinnerung bleiben. Möge uns die Gewissheit Trost spenden, dass die Werte, für die Dr. Henning Albrecht sich zeitlebens einsetzte, in unserem Auftrag weiterhin Bestand haben.