Carstens-Stiftung: Präparate mit rot fermentiertem Reis können ebenso unerwünschte Reaktionen hervorrufen wie konventionelle Statine.

Rubrik: Studien kurz und knapp

Roter Reis – nicht so harmlos wie gedacht

Präparate mit rot fermentiertem Reis, vielfach als natürliche Cholesterinsenker ohne Nebenwirkung beworben, können ebenso unerwünschte Reaktionen hervorrufen wie konventionelle Statine. Aufklärung ist vonnöten.

Als Nahrungsergänzungsmittel zur Cholesterinsenkung erhältliche Präparate aus Rotem Reis, auch unter den Bezeichnungen (rot) fermentierter Reis, Red Rice oder Rotschimmelreis bekannt, erwiesen sich in der Vergangenheit in klinischen Studien als probates Mittel zur Senkung erhöhter Cholesterinwerte. [1] Die Patienten der Studien berichteten allenfalls über moderate unerwünschte Wirkungen. Dennoch warnt nun das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor der sorglosen Einnahme von Roter-Reis-Präparaten. [2] Der Grund für die geäußerten Bedenken liegt in der vielen Verbrauchern unbekannten Tatsache, dass Nahrungsergänzungsmittel aus rot-fermentiertem Reis den Wirkstoff Monacolin K enthalten. Dieser ist chemisch identisch mit Lovastatin, einem in der konventionellen Medizin häufig eingesetzten Statin zur Senkung des Cholesterinspiegels. Länger schon wird vermutet, dass der auf natürlichem Wege durch die Fermentation mit Schimmelpilzstämmen der Gattung Monascus purpurea entstandene Wirkstoff auf der Ebene der unerwünschten Wirkungen vergleichbar mit dem verschreibungspflichtigen CSE-Hemmer Lovastatin ist, dessen Risikoprofil mittlerweile gut dokumentiert ist.

1680 Eine Analyse von unerwünschten Reaktionen in Verbindung mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Rotem Reis überrascht nun mit harten Fakten: Die als natürliche Mittel ohne Nebenwirkungen beworbenen Roter-Reis-Produkte können ebenso Nebenwirkungen verursachen wie konventionelle Statine. [3] Die Wissenschaftler trugen im Rahmen einer Umfrage zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln in der italienischen Bevölkerung über einen Zeitraum von 14 Jahren 1261 Berichte von Patienten zusammen. Insgesamt 52 Berichte, die 55 unerwünschte Wirkungen nach der Einnahme von Rote-Reis-Präparaten wiedergaben, wurden extrahiert und analysiert. In wenigen Fällen traten demnach mehrere unerwünschte Ereignisse auf. Hauptsächlich zog die Einnahme der Mittel mit Rotem Reis Myopathien, also Beschwerden auf muskulärer Ebene, sowie Leberschäden nach sich. Bei 13 der betroffenen Patienten war ein Krankenhausaufenthalt aufgrund der entstandenen Beschwerden notwendig.

In Relation zu der Gesamtzahl der analysierten Berichte klingt die Anzahl dokumentierter unerwünschter Reaktionen zunächst einmal niedrig. Zudem werden die Fälle mit Nebenwirkungen nicht in Relation zu Fällen ohne Nebenwirkungen gesetzt, sodass sich keine Aussage zur Häufigkeit von deren Auftreten treffen lässt. Vor dem Hintergrund, dass die meisten Betroffenen durch die Einnahme vermeintlich unbedenklicher Präparate mit Rotem Reis unerwünschte Ereignisse wie bei herkömmlichen Statinen zu vermeiden glauben, gewinnen die Berichte jedoch an Bedeutung.

Problematisch ist primär nicht die Tatsache an sich, dass Rote-Reis-Produkte einen Wirkstoff enthalten, der pharmakologisch vergleichbar mit einem konventionellen Cholesterinsenker ist, sondern der Umstand, dass diese Präparate als natürliche, nicht verschreibungspflichtige Alternative ohne die Nebenwirkungen herkömmlicher Statine beworben und angeboten werden.

1942 Neben unzureichend dokumentierten Wechselwirkungen zwischen Produkten aus rot-fermentiertem Reis und anderen Mitteln, die Patienten gegen ihre Erkrankungen verschrieben bekommen, besteht auch die Gefahr einer unkontrollierten Überdosierung von Monacolin K. [4] Die Dosierung des Wirkstoffs in den einzelnen Nahrungsergänzungsmitteln mit Rotem Reis kann stark variieren. Nicht selten vermeiden Patienten den Gang zum Arzt und versuchen, die Senkung ihrer erhöhten Blutfettwerte mithilfe von Nahrungsergänzungsmitteln lieber selbst in die Hand nehmen. Angesichts der aktuellen Datenlage sollten Patienten Mittel mit Rotem Reis zukünftig aber nicht mehr unbedacht einnehmen.

Einschätzung:

Vor dem Hintergrund der neuesten Erkenntnisse wäre zum einen eine gründliche Verbraucheraufklärung wünschenswert, zum anderen sollten Rote-Reis-Präparate nicht als frei verfügbare Nahrungsergänzungsmittel, die per se keine pharmakologische Wirkung entfalten dürfen, erhältlich sein. Über die oben beschriebene Falldokumentation hinaus sollten außerdem die Risikoprofile von Präparaten mit rot-fermentiertem Reis eingehend untersucht werden, da dahingehend offensichtlich noch Wissenslücken hinsichtlich der Sicherheit existieren. [5]

Die Entscheidung, Roter-Reis-Produkte weiter einzunehmen, weil sie bisher gut vertragen wurden, bleibt natürlich weiterhin jedem selbst überlassen. Eine regelmäßige Kontrolle des gesundheitlichen Status und Beobachtung etwaiger unerwünschter Ereignisse durch den behandelnden Arzt ist und bleibt jedoch unerlässlich.
Nicht zu verwechseln sind Präparate aus rot-fermentiertem Reis mit dem Lebensmittel „roter Reis“, z.B. aus der Camargue, dessen Farbe züchtungsbedingte Ursachen hat. Dieser kann ohne Bedenken konsumiert werden.

In punkto Cholesterinsenkung empfiehlt sich in jedem Fall eine (begleitende) Lebensstilumstellung, die gesunde Ernährung mit Lebensmitteln reich an Omega-3-Fettsäuren (fetter Fisch, Leinsamen), Walnüssen sowie viel Obst und Gemüse, und regelmäßiger Bewegung beinhaltet. Auch entspannungsfördernde Maßnahmen zur Stressreduktion tragen zu einem gesunden Cholesterinspiegel bei.

Literatur

1) Ong YC, Aziz Z. Systematic review of red yeast rice compared with simvastatin in dyslipidaemia. J Clin Pharm Ther 2016; 41(2): 170-179 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

2) Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte [BfArM]: BfArM warnt erneut vor Red Rice-Nahrungsergänzungsmitteln: Produkte ab einer Tagesdosis von 5 mg Monakolin K sind als Arzneimittel einzustufen. Pressemitteilung 3/16, 2016 (Aufruf der Webseite am 08.02.2017) Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

3) Mazzanti G, Moro PA, Raschi E, Cas R da, Menniti-Ippolito F. Adverse reactions to dietary supplements containing red yeast rice: assessment of cases from the Italian surveillance system. Brit J Clin Pharmacol 2017; epub ahead of print Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

4) Fritzsche M. Roter Reis: Cholesterin in Balance? Marktrücknahme von Produkten überfällig. Arznei-Telegramm 2016; 47(2): 21 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

5) Gerards MC, Terlou RJ, Yu H, Koks CHW, Gerdes VEA. Traditional Chinese lipid-lowering agent red yeast rice results in significant LDL reduction but safety is uncertain. A systematic review and meta-analysis. Atherosclerosis 2015; 240: 415-423 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract


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