Carstens-Stiftung: Die Behandlung einer Prostatavergrößerung mit Extrakten der Sägepalme.

Rubrik: Studien kurz und knapp

Die Behandlung einer Prostatavergrößerung mit Extrakten der Sägepalme

Die häufigste Ursache für Blasenentleerungsstörungen bei Männern ist die benigne Prostatahyperplasie. Sägepalmextrakte sind das wissenschaftlich vermutlich am besten untersuchte naturheilkundliche Präparat zur Behandlung dieser Krankheit.

Die benigne Prostatahyperplasie [a] ist die häufigste Ursache für Blasenentleerungsstörungen bei Männern. Dabei ist bisher unbekannt, warum sich die Zellen in der Prostata vermehren, möglicherweise hängt dieses mit den männlichen Wechseljahren zusammen und der damit verbundenen Hormonumstellung.

Die Krankheit beginnt oft zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, wobei die ersten Beschwerden meist erst nach mehreren Jahren auftreten. Sie verläuft langsam und ist in der Regel nicht gefährlich. Der Patient leidet oft unter typischen Beschwerden wie leichten Schmerzen, Brennen, Nachtröpfeln oder dem Gefühl, die Blase nicht vollständig entleert zu haben.

Das wissenschaftlich vermutlich am besten untersuchte naturheilkundliche Präparat zur Behandlung der Prostatahyperplasie sind Sägepalmextrakte. Die Sägepalme (lateinische Namen: Sabal serrulata oder Serenoa repens) ist eine bis zu 4 m hoch wachsende Buschpalme aus Nordamerika. Medizinisch verwendet werden die reifen, getrockneten Samen.

Andere pflanzliche Behandlungen der Prostatahyperplasie beruhen auf Brennnesselwurzeln, Kürbissamen und Roggenpollen. Homöopathisch werden oft die Sägepalmfrüchte in potenzierter Form verabreicht.

Volksmedizinisch werden Sabalfrüchte auch zur Behandlung von Blasen-, Prostata- und Hodenentzündungen, zur Behandlung von Regelschmerzen und von Erkrankungen der Atemwege verwendet. Die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit sind hierfür jedoch nicht belegt. Außerdem werden den Früchten aphrodisierende (d.h. luststeigernde) Wirkungen nachgesagt.

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Schon im Jahr 1989 veröffentlichte das Bundesgesundheitsamt eine positive Bewertung der Sägepalmextrakte zur Behandlung der Prostatahyperplasie [1]. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt die Sägepalmfrüchte ebenfalls als wichtige Arznei [2]. Und eines der wichtigsten neuen wissenschaftlichen Bücher zur Pflanzenheilkunde bewertet die Wirksamkeit der Sägepalme als überzeugend, ohne dass nennenswerte Nebenwirkungen auftreten [3].

Die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse aus dem Jahr 2002 basieren auf insgesamt 21 randomisierten [b] Studien, die allesamt die Patienten für mindestens 30 Tage behandelt und beobachtet haben [4].

In fast allen 12 Studien, die Sägepalmextrakte mit einem Placebo [c] vergleichen, schneiden die Sägepalmextrakte besser ab. So müssen diese Patienten nachts seltener Wasser lassen: Während Placebopatienten, je nach Studie, durchschnittlich 2- bis 3-mal die Nacht aufstehen müssen, reichen bei den Patienten mit Sägepalmextrakten 1-2 Gänge. Die Wahrscheinlichkeit, dass die mit der Hyperplasie verbundenen Beschwerden sich verringern, steigt gegenüber Placebo auf fast das Doppelte. Außerdem lässt sich nachweisen, dass der Harnstrahl wieder stärker wird und dass weniger Harn in der Blase zurückbleibt.

Diese Ergebnisse zeigen, dass Sägepalmextrakte die Symptome und Folgen der Prostata­vergrößerung bekämpfen; die Ursache der Krankheit bleibt vermutlich unbeeinflusst: in den zwei Studien, in denen die Größe der Prostata gemessen wurde, nahm sie gegenüber Placebo nicht wesentlich ab.

In zwei Studien wurden Sägepalmextrakte mit dem pharmazeutisch chemischen Wirkstoff Finasterid [d] verglichen. Hier zeigte sich für beide Arzneien eine etwa gleich hohe Wirksamkeit.

Die Häufigkeit des nächtlichen Wasserlassens ist nahezu identisch und beide Medikamente können die Beschwerden um etwa 40% verringern. Der Harnstrahl ist unter Finasterid etwas stärker und die in der Blase verbliebene Urinmenge etwas geringer.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen konnten nur selten gefunden werden, und wenn, dann waren sie in der Regel leicht. Bei etwa jedem hundertsten Patienten wird von Erektionsstörungen berichtet, bei den Placebopatienten ist diese Rate nur unwesentlich geringer. Unter Finasterid sind Erektionsstörungen mit fast 5% dagegen deutlich häufiger. Magen- und Darmbeschwerden sind sowohl bei Sägepalmextrakten als auch bei Finasterid nur bei weniger als 2 von 100 Patienten zu beobachten, bei Placebo treten sie etwa bei 1 von 100 Patienten auf.

Ob die Kombination von Sägepalmextrakten mit Brennnesselextrakten sinnvoll ist, kann nicht abschließend beurteilt werden. Es zeigt sich zwar in einer Studie, dass auch diese Kombination wirksamer ist als ein Placebo, doch wurde bisher noch nicht untersucht, ob sie auch besser ist als Sägepalmextrakte allein.

Ein amerikanisches Forscherteam stellte diese positiven Ergebnisse jedoch kürzlich in Frage [5]. In einer randomisierten plazebokontrollierten Studie untersuchten sie, ob das Sägepalmextrakt Symptome einer Prostatavergrößerung reduzieren kann, wenn man es längerfristig (12 Monate) einnimmt. Das Extrakt zeigte weder während der Behandlungszeit, noch als die Studie abgeschlossen wurde signifikante Verbesserungen verglichen mit dem Scheinmedikament. Aus Sicht der Autoren ist dies möglicherweise auf die Dosierung des Arzneimittels zurückzuführen

[a] Die lateinische Bezeichnung benigne Prostatahyperplasie bezeichnet eine gutartige (benigne) Vergrößerung (Hyperplasie) der Vorsteherdrüse (Prostata).
[b] Eine Studie nennt man randomisiert, wenn die Patienten nach dem Zufallsprinzip der Behandlung mit Sägepalmfrüchten oder einer Kontrollbehandlung (z.B. Placebo oder einem chemischen Wirkstoff) zugeteilt werden.
[c] Ein Placebo ist ein Scheinmedikament, das genauso aussieht wie das zu prüfende Medikament, aber unwirksam ist.
[d] Finasterid ist ein Standardmedikament zur Behandlung der Prostatahyperplasie. In deutlich geringerer Dosis wird es auch als Mittel gegen Haarausfall vertrieben.

Einschätzung:

Aus Sicht der Carstens-Stiftung ergeben sich aus der bisherigen Forschung folgende Schlussfolgerungen:
Die Datenlage zur Wirksamkeit von Sägepalmextrakten ist gut. Insbesondere die Studien zur Vergleichbarkeit von Sägepalmextrakten mit Finasterid können als besonders aussagekräftig gelten, da sie auf sehr hohen Patientenzahlen beruhen.
Es ist ein aus allen Wissenschaftsbereichen bekanntes Phänomen, dass Studien mit eher negativen Ergebnissen seltener veröffentlicht werden als solche mit positiven Ergebnissen. Dieses ist auch bei den Sägepalmextrakten möglich, zumal das Medikament kommerziell vertrieben wird. Daher wurde in dieser Zusammenfassung möglicher Weise die Güte der Sägepalmextrakte etwas überbewertet.
Die bisher veröffentlichten Studien haben teilweise Mängel und sind nicht alle frei von leichten Fehlern. Das positive Bild ist daher möglicherweise etwas zu schön gezeichnet.

Dennoch ist, basierend auf den bisher vorliegenden Daten, die Behandlung der benignen Prostatahyperplasie mit Sägepalmextrakten zu empfehlen. Wobei einzuschränken ist, dass dieses nur für die kurzzeitigen Effekte der Sägepalmextrakte gilt, während man über langfristige Effekte der Sägepalmextrakte nichts weiß.
Sägepalmextrakte sind insbesondere sinnvoll bei leichter und mittelgradiger Prostatahyperplasie. Es sollte ausgeschlossen sein, dass ein Prostatakrebs vorliegt.
Sägepalmextrakte können primär die Symptome der Erkrankung mildern, sie können vermutlich aber nicht die Ursache der Erkrankung bekämpfen. Allerdings wurden die Patienten in den entsprechenden Studien lediglich 90 Tage behandelt. Daher ist nicht auszuschließen, dass eine längerfristige Behandlung auch die eigentliche Prostatahyperplasie positiv beeinflusst.
Auch wenn Sie mit wenigen und milden Nebenwirkungen rechnen können, sollte die Behandlung immer unter Begleitung eines Arztes erfolgen.

Literatur

1) Monografie der Kommission E zu Sabal fructus (Sägepalmenfrüchte). Bundesanzeiger 1989. p 43.

2) WHO monographs on selected medicinal plants (Vol 1). WHO 1999. p 285-299.

3) Rotblatt M, Ziment I. Evidence Based Herbal Medicine. Hanley & Belfus: Philadelphia. p 327-331.

4) Wilt T, Ishani A, Mac Donald R. Serenoa repens for benign prostatic hyperplasia (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 4, 2002. Oxford: Update Software. Opens external link in new windowAbstract

5) Bent S, Kane C, Katsuto S, Neuhaus J, Hudes ES, Goldberg H, Avins AL. Saw Palmetto for Benign Prostatic Hyperplasia. N Engl J Med 2006;354(6):557-566.


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(Veronica Carstens)