Carstens-Stiftung: Ohrakupunktur bei Schlafstörungen

Studien kurz und knapp

Ohrakupunktur bei Schlafstörungen

Kleine Nadeln, große Wirkung: Eine Insomnie ist dann behandlungsbedürftig, wenn neben dem gestörten Nachtschlaf das Befinden am Tag stark beeinträchtigt ist. Da schlaffördernde, chemische Substanzen schnell abhängig machen können, sind Alternativen wie die Ohrakupunktur gefragt.

Als Insomnie bezeichnet man Schwierigkeiten beim Einschlafen, Störungen des Durchschlafens sowie vorzeitiges Erwachen. Umfragen zufolge leiden ca. 25% der Erwachsenen an Schlafstörungen, über 10% erleben ihren Schlaf häufig oder dauerhaft als nicht erholsam. Nur bei einem geringem Teil der Betroffenen sind spezifische Krankheitsursachen bekannt, wie zum Beispiel Stress oder seelische Probleme. Auch langes Arbeiten und geistige Anstrengungen kurz vor der Nachtruhe, Alkoholmissbrauch, Lärm, ein unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, Schmerzen oder manche Medikamente (z. B. koffeinhaltige Schmerz- und Grippemittel) können die natürliche innere Uhr, beeinflussen, die Struktur des Schlafes stören und die Funktion von Stoffwechsel, Körpertemperatur oder Blutdruck verändern. Dieses wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit in der Wachphase (Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit) aus.

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Eine Insomnie ist dann behandlungsbedürftig, wenn neben dem gestörten Nachtschlaf das Befinden am Tag stark beeinträchtig ist. Vorrangiges Ziel der Behandlung ist es immer, die bekannten körperlichen, neurologischen oder psychiatrischen Grunderkrankungen zu therapieren. Schlafinduzierende Substanzen wie Benzodiazepine (z.B. Diazepam – Valium ®) oder Benzodiazepinrezeptor-Agonisten (z.B. Zolpidem – Stilnox ®) setzt man allenfalls vorübergehend (ca. 4 Wochen) ein. Zusätzlich werden Entspannungstechniken (z. B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Meditation), kognitive Techniken (Umstrukturierung der Denkweise und verzerrter Realitätswahrnehmungen) und ein geregelter Schlafrhythmus empfohlen, um nächtliche Grübeleien zu reduzieren.

Da schlaffördernde, chemische Substanzen schnell abhängig machen können, suchen Naturheilkundler nach Alternativen. Pflanzliche Beruhigungsmittel wie Baldrian, Hopfen, Melisse und Passionsblume haben sich in wissenschaftlichen Untersuchungen bewährt. Eine grundsätzlich andere Methode stammt aus der chinesischen Medizin: die Ohrakupunktur. Ihre Wirksamkeit bei Insomnie stand kürzlich im Mittelpunkt einer systematischen Übersichtsarbeit eines chinesisches Forscherteams um Dr. Chen aus Hongkong [1].

Die Ohrakupunktur geht davon aus, dass bestimmte Bereiche des äußeren Ohres und der Ohrmuschel (Reflexpunkte und -zonen) den gesamten Körper des Menschen widerspiegeln. Man versucht diese Punkte zu stimulieren, z.B. durch Stechen von Nadeln, durch das Aufkleben kleiner Körnchen (der sogenannten Ohrsamen), oder das Aufkleben magnetischer Perlen. Über den Energiefluss in den Energiebahnen des Körpers (Meridiane) soll ein Überschuss oder Mangel an Lebensenergie (Qi) ausgeglichen werden und damit die Schlafstörung behoben werden.

In Dr. Chens Arbeit wurden die Ergebnisse aus sechs randomisierten [a] Studien zusammengetragen, welche die Ohrakupunktur mit anderen Therapien vergleichen. Alle Studien waren extrem unterschiedlich: es wurden nicht nur unterschiedliche Techniken der Ohrakupunktur verwendet (Nadeln, magnetische Perlen und Ohrsamen) sondern auch verschiedene Vergleichsbehandlungen: (nicht näher bezeichnete) Standardbehandlung, Scheinakupunktur und konventionelle Medikation (Barbiturate, Diazepam, Methaqualon). Dennoch war das Ergebnis überraschend homogen: In allen Studien erzielte die Ohrakupunktur ein signifikant [b] besseres Ergebnis als die Vergleichsbehandlung. Insgesamt verbesserte sich die Chance auf einen ungestörten, erholsamen Schlaf im Vergleich mit allen Kontrolltherapien um den Faktor 2, verglichen mit Diazepam betrug er 1,4. Ohrsamen erwiesen sich als etwas erfolgreicher als magnetische Perlen.

Insgesamt wurden 12 verschiedene Akupunkturpunkte am Ohr genutzt, am häufigsten die Punkte Shenmen, Herz und Occiput.

Keine der Studien berichtete über Nebenwirkungen.

Trotz des positiven Resultates ist die Forschergruppe skeptisch und schätzt das Resultat als nicht unbedingt aussagekräftig ein. Grund dafür ist die mangelhafte Qualität der einbezogenen Studien sowie die schlechte Vergleichbarkeit der Interventionen. So verwendete man z. B. keine einheitlichen Parameter, um die Effektivität zu messen, die Behandlungsdauer variiert erheblich, auch Name und Dosierung der westlichen Medikamente wird nicht klar. Einige Autoren berichten nicht, wie schwer die Schlafstörungen sind und wie lange sie andauern, ebenso wird keine Aussage über Therapieabbrüche und Nebenwirkungen getroffen. Dies erschwert es eine Schlussfolgerung aus der Übersichtsarbeit zu ziehen. Weitere Studien durchzuführen wird empfohlen.

[a] Eine Studie nennt man randomisiert, wenn die Patienten nach dem Zufallsprinzip der Ohrakupunktur oder einer Kontrollbehandlung (z. B. Scheinakupunktur) zugeteilt werden.
[b] Signifikant ist ein statistischer Fachbegriff, der andeutet, dass es unwahrscheinlich ist, dass die beiden verglichenen Therapien (in diesem Fall Ohrakupunktur und z. B. Scheinakupunktur) gleich wirksam sind.

 

 

Einschätzung:

Aus Sicht der Carstens-Stiftung ergeben sich aus der bisherigen Forschung folgende Schlussfolgerungen: Die Datenlage zu Ohrakupunktur bei Insomnie ist unzureichend, die Ergebnisse sind nicht wirklich aussagekräftig.
Es ist ein aus allen Wissenschaftsbereichen bekanntes Phänomen, dass Studien mit eher negativen Ergebnissen seltener veröffentlicht werden als solche mit positiven Ergeb-nissen. Dieses ist auch bei der Behandlung von Schlafstörungen mit Ohrakupunktur möglich, ja sogar wahrscheinlich: Es ist bekannt, dass Akupunkturstudien aus China überproportional häufig positive Ergebnisse berichten [2]. Daher wurde in dieser Zusammenfassung möglicher Weise die Güte der Therapie überbewertet.
Zu Nebenwirkungen der Ohrakupunktur ist so gut wie nichts bekannt, besondere Vorsicht ist daher angeraten.
Es kann daher zum derzeitigen Zeitpunkt (trotz der grundsätzlich positiven Ergebnisse) nicht uneingeschränkt zu einem Behandlungsversuch mit Ohrakupunktur geraten werden.
Wenn Sie sich für die Akupunkturbehandlung entscheiden ist es wichtig, dass sie von einem erfahrenem Therapeuten durchgeführt wird.
Grundsätzlich ist es gut, den Körper an einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus zu gewöhnen, ein Entspannungsverfahren zu erlernen (das erleichtert es "abschalten" zu können), sich ausgewogen zu ernähren - abends nicht zu üppig, sportlich zu sein, koffeinhaltige Getränke zu meiden und abends ein warmes Fußbad zu machen. Wichtig ist auch, dass man sich nicht über Schlaflosigkeit ärgert, besser ist es die Zeit zum Lesen zu nutzen.

Literatur

Chen HY, Shi Y et al. Auricular Acupuncture Treatment for Insomnia: A Systematic Review. Altern Complement Med 2007; 13(6); 669-676 Opens external link in new windowAbstract

Vickers A, Goyal N, Harland R, Rees R: Do Certain Countries Produce Only Positive Results? A Systematic Review of Controlled Trials. Controlled Clinical Trials 1998;19(2):159-166. Opens external link in new windowAbstract


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