Studien kurz und knapp

Mit allen Wassern gewaschen: Heilbäder mobilisieren arthrotische Kniegelenke

Patienten mit Arthrosebeschwerden im Kniegelenk können laut einer Meta-Analyse von balneotherapeutischen Maßnahmen hinsichtlich Schmerzreduktion und Funktionalität profitieren. Allerdings sind die zugrundeliegenden Daten nur bedingt vergleichbar.

Arthrose gilt weltweit als die häufigste Gelenkerkrankung und tritt primär im fortgeschrittenen Lebensalter auf. Insbesondere Knie-, Hüft- und Handgelenke sind von der generativen Erkrankung betroffen. Meist klagen die Betroffenen über Beschwerden in mehreren Gelenken gleichzeitig, bedingt durch den irreversiblen Verschleiß in den betroffenen Körperregionen.  
Die Kniegelenksarthrose gilt als eine der Hauptursachen einer funktionellen Beeinträchtigung in der älteren Bevölkerung. Die begleitenden Symptome, primär heftige Schmerzen, Steifheit und verminderte Beweglichkeit der betroffenen Gelenke, erhöhen das Risiko von Stürzen und damit potenziell einhergehender Knochenfrakturen. Ein Verlust der „Gelenkigkeit“, wie im Volksmund eine uneingeschränkte Beweglichkeit auch bezeichnet wird, kann daher fatale Folgen wie lange Bettlägerigkeit und schlimmere Konsequenzen nach sich ziehen.

In der Balneotherapie bzw. Bäderheilkunde verwendete Heilwässer, -gase und Peloide (Heilschlamm, z.B. Moorbad), wie sie verbreitet in Kurortkliniken im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen zum Einsatz kommen, entfalten ihre Wirkung auf verschiedenen Ebenen. Kennzeichnend sind hier Eigenschaften wie der hohe Gehalt an gelösten Mineralien, höhere Temperaturen sowie die physikochemische Beschaffenheit der Heilwässer. [1]

Vorangegangene systematische Übersichtarbeiten und Meta-Analysen haben bereits zeigen können, dass balneotherapeutische Maßnahmen, z.B. mineralische Thermalbäder, eine empfehlenswerte Option für Patienten mit muskuloskelettalen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder mit Muskel- und Bindegewebsschmerzen einhergehender Fibromyalgie darstellen. [2,3] Inwiefern therapeutische Heilbäder die Beschwerden von Patienten mit Kniegelenksarthrose lindern können, wurde bisher allerdings noch nicht systematisch untersucht. Ein japanisches Wissenschaftlerteam nahm sich aus diesem Grund dieser Thematik an und fokussierte im Rahmen einer Meta-Analyse den Effekt von Balneotherapie in der Behandlung von Patienten mit Kniegelenksarthrose. [4]

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Insgesamt 102 recherchierte Publikationen bildeten die initiale Grundlage der Analyse. Nach der Filterung gemäß der festgelegten Ausschlusskriterien verblieb für die eigentliche Analyse eine Anzahl von acht Studien mit insgesamt 665 Teilnehmern; von diesen befanden sich 326 Fälle in der Therapie- und 339 in der Kontrollgruppe. Das primäre Endziel der einzelnen Studien bestand in der Bestimmung der Schmerzintensität mit Hilfe des standardisierten WOMAC-Schmerz-Fragebogens. Außerdem wurden Daten zur Steifigkeit und Gelenkbeweglichkeit erhoben. Im Gegensatz zu anderen systematischen Übersichtsarbeiten schlossen die Autoren zwecks Vergleichbarkeit auf der Therapieebene nur Studien ein, die die Effekte mineralischer Thermalbäder untersuchten. Studien, die die Wirkung von Peloiden wie beispielsweise Heilschlammpackungen und Moorbäder im Blickpunkt hatten, wurden nicht berücksichtigt.

Im Vergleich mit den Teilnehmern in den Kontrollgruppen konnte die Schmerzintensität bei den Arthrose-Patienten in der Heilbädergruppe im Mittel um 92 Prozent reduziert werden, die Gelenksteifigkeit konnte im Schnitt um 48 Prozent verringert und die Beweglichkeit um 55 Prozent verbessert werden. Potenzielle Wirkmechanismen mineralisierter Thermalbäder vermuten die Autoren in der Wärmeeinwirkung, dem Gehalt und der Zusammensetzung der (zugesetzten) Mineralstoffe sowie in anderen auf physiologischer und endokrinologischer Ebene relevanten Effekte. So verbessert der Aufenthalt in Thermalbädern die Blutzirkulation, was eine Linderung entzündeter Gelenke durch die Entfernung nozizeptiver (die Schmerzempfindlichkeit betreffende) Elemente und freier Sauerstoffradikale begünstigen kann. Hinter der beobachteten Schmerzreduktion vermuten die Wissenschaftler einen durch die Thermalbäder initiierten erhöhten Beta-Endorphin-Ausstoß sowie eine Erweiterung der Blutgefäße, die zu einer verminderten Schmerzperzeption führt.

Einschätzung:

Die vermeintlich positive Aussage der Meta-Analyse hinsichtlich der Schmerzreduktion und verbesserten Funktionalität der betroffenen Gelenke durch Thermalbadanwendungen bei Kniegelenksarthrose-Patienten ist leider nur unter Vorbehalt zu bewerten. In Einbeziehung der verschiedenen Zielparameter berechneten die Wissenschaftler eine erhöhte Heterogenität der analysierten Studien, die sich zwischen 88 und 93 Prozent bewegt. Zudem erschwerten Faktoren wie Unterschiede in der Therapierealisation (Höhe der Wassertemperatur, Mineraliengehalt), in den einzelnen Studiendesigns – nicht alle Studien waren randomisiert - sowie eine Heterogenität auf methodologischer Ebene die vergleichende Analyse der Studienergebnisse. Für eine Subgruppenanalyse zur exakten Klärung der einzelnen Kausalitäten hinsichtlich der bestehenden Heterogenität würden mehr Studien als die eingeschlossenen acht benötigt. Unter welchen exakten Bedingungen die Patienten von der Thermalbädertherapie profitierten, bleibt also ungeklärt. Fakt ist jedoch, dass Thermalbäder eine Therapieoption für Betroffene mit Kniegelenksarthrose und weiteren arthrotischen Erkrankungen darstellen kann, indem sie zur Verringerung des Schmerzes und Erhöhung der Gelenkbeweglichkeit beitragen. Mehr Studien höherer Qualität unter Berücksichtigung möglichst standardisierter Anwendungsmodalitäten sind vonnöten, um die Ergebnisse der vorliegenden Meta-Analyse zu erhärten.

Literatur

1) Gutenbrunner C, Hildebrandt G (Hrsg.). Handbuch der Balneologie und medizinischen Klimatologie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 1998

2) Santos I, Cantista P., Vasconcelos C. Balneotherapy in rheumatoid arthritis – a systematic review. Int J Biometeorol 2016; 60(8): 1287-1301 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

3) Naumann J, Sadaghiani C. Therapeutic benefit of balneotherapy and hydrotherapy in the management of fibromyalgia syndrome: a qualitative systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Arthritis Res Ther 2014; 16(4): R141 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

4) Matsumoto H et al. The effect of balneotherapy on pain relief, stiffness, and physical function in patients with osteoarthritis of the knee: a meta-analysis. Clin Rheumatol 2017; epub ahead of print Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
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