Carstens-Stiftung: Hypnose gegen Schmerzen und Angst bei Palliativpatienten

Rubrik: Studien kurz und knapp

Hypnose gegen Schmerzen und Angst bei Palliativpatienten

In einer zweijährigen Langzeitstudie senkte eine begleitende Hypnosebehandlung sowohl die Schmerz- und Angstintensität als auch das Risiko eines höheren Schmerzmittelbedarfs.

Palliativpatienten leiden aufgrund ihrer schweren Erkrankung nicht nur unter körperlichen Beschwerden, sondern angesichts ihrer ausweglosen Situation und/oder dem nahen Lebensende auch unter zum Teil massiven Ängsten. Diese haben wiederum Einfluss auf die Physis, so dass z.B. Schmerzen verstärkt werden. Der Einsatz von Analgetika und Opioiden ist ein wichtiger Bestandteil in der palliativen Pflege, jedoch auch eine Gradwanderung, da diese Arzneimittel zwar die Schmerzen in gewissem Maße lindern können, jedoch insbesondere mit steigender Dosis auch etliche Risiken in sich bergen.

Hypnose ist ein therapeutischer Ansatz, mit dem sowohl die Schmerzwahrnehmung als auch Ängste herabgesetzt werden können, wie zahlreiche klinische Studien gezeigt haben. Wissenschaftler der Universität Verona (Italien) gingen nun erstmals der Frage nach, welche Effekte eine Langzeitbehandlung mit Hypnose und Selbsthypnose als Begleittherapie zur regulären palliativen Behandlung Schwerstkranker hat. Für die über zwei Jahre angelegte Studie rekrutierten sie ambulante Palliativpatienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung sowie schweren chronischen neurologischen und rheumatischen Erkrankungen. Aus ethischen Gründen durften die Patienten nach einer zweistündigen Einführung  in die Prinzipien und Wirkungsweise der Hypnose wählen, ob sie ausschließlich pharmakologisch oder zusätzlich auch hypnotherapeutisch behandelt werden wollten.

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Innerhalb der folgenden zwei Jahre wurden die Teilnehmer, die sich für Hypnose entschieden hatten in wöchentlichen, zweistündigen Gruppensitzungen unter Verwendung unterschiedlicher Methoden in klinischer Hypnose und Selbsthypnose geschult. Zu Studienbeginn sowie nach einem und nach zwei Jahren wurden die Schmerzintensität mittels Visueller Analog-Skala (VAS) und die empfundene Angst mittels Hamilton Anxiety Rating Scale (HAM-A) erhoben. Darüber hinaus wurde die Verwendung von Opioiden und Analgetika (NSAIDs, Corticosteroide) dokumentiert. Nach einem Jahr lagen die durchschnittlichen VAS-Werte in beiden Gruppen niedriger als zu Studienbeginn, jedoch in der Hypnosegruppe signifikant unter den Werten der Kontrollgruppe (Δ VAS = -15,3; P < 0,001). Hinsichtlich der empfundenen Angst zeigte sich die adjuvante Hypnosetherapie gegenüber der alleinigen pharmakologischen Behandlung ebenfalls überlegen (Δ HAM-A = -9; P < 0,001). Der Opioidverbrauch gemessen in mg/Tag lag nach einem Jahr im Vergleich zum Ausgangswert bei 16 % der Hypnosepatienten und bei 52 % der rein pharmakologisch behandelten Patienten höher.

Während nach einem Jahr noch alle 50 zu Beginn in die Studie eingeschlossenen Patienten an den Kontrollmessungen teilnehmen konnten, kam es im zweiten Studienjahr bedingt durch Todesfälle (Krebs) oder die massive Verschlechterung des Gesundheitszustandes, aufgrund der eine ambulante Behandlung nicht mehr möglich war, in beiden Gruppen zu Ausfällen (7/25 Hypnosegruppe, 6/25 Kontrollgruppe). Nach zwei Jahren lagen die durchschnittlichen Messwerte für Schmerzen bei den verbliebenen Patienten noch einmal etwas niedriger als nach einem Jahr. In der Hypnosegruppe war die Reduktion etwas größer als in der Kontrollgruppe. Die Werte des Hamilton-Scores für die empfundene Angst lagen in der Hypnosegruppe ebenfalls noch etwas niedriger als nach einem Jahr, während die Patienten der Kontrollgruppe wieder höhere Durchschnittswerte aufwiesen. Aufgrund der hohen Drop-out-Rate konnte der Opioidverbrauch nach zwei Jahren nicht mehr statistisch mit den vorherigen Messungen verglichen werden. Aus diesem Grund betrachteten die Wissenschaftler die Steigerung des Gesamtverbrauchs aller Schmerzmittel (Opioide, NSAIDs und Corticosteroide) in den beiden Gruppen und stellten fest, dass der Verbrauch in der Kontrollgruppe um ein Vierfaches höher lag als in der Hypnosegruppe. Unerwünschte Wirkungen bedingt durch die Hypnosetherapie traten nicht auf, hingegen berichteten die Patienten über die Schmerz- und Angstlindernde Wirkung der Hypnose hinaus über eine Verbesserung des allgemeinen psychischen Wohlbefindens, inneren Frieden und Akzeptanz ihres Zustandes.

Einschätzung:

Klinische Hypnose und Selbsthypnose können gemäß der vorliegenden Studienergebnisse als sichere und kostengünstige Methode zur Linderung von Schmerzen und Angstzuständen bei schwerkranken Palliativpatienten eingesetzt werden und eine Reduktion der Verwendung von Opioiden und Analgetika ermöglichen.

Der Selbsthypnose kommt hier eine besondere Bedeutung zu, da die Patienten damit ihre Selbstwirksamkeit erhöhen können und eine ambulante Behandlung der Patienten erleichtert wird.

Aber auch im stationären Bereich (Hospiz, Palliativstation) oder in der ambulanten häuslichen Pflege kann die Hypnosetherapie als wertvoller, adjuvanter Baustein im gesamten Pflegekonzept hilfreich sein, um den Patienten und ihren Angehörigen die maximal mögliche Unterstützung in dieser schwierigen Lebensphase zu bieten.

Literatur

Brugnoli MP, Pesce G, Pasin E, Basile MF, Tamburin S, Polati E. The role of clinical hypnosis and self-hypnosis to relief pain and anxiety in severe chronic diseases in palliative care: a 2-year long-term follow-up of treatment in a nonrandomized clinical trial. Ann Palliat Med 2018; 7(1): 17-31. Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract


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(Veronica Carstens)