Studien kurz und knapp

Elektroakupunktur als Therapieoption bei Stressinkontinenz

Die elektrische Stimulation zweier Akupunkturpunkte erwies sich in einer Studie bei Patienten mit unkontrolliertem Verlust von Urin der Scheinakupunktur als überlegen.

Der unkontrollierte Verlust von Urin, auch als Belastungs- oder Stressinkontinenz bezeichnet, stellt für die betroffenen Patienten ein gesellschaftliches Stigma dar und bedeutet meist eine eindeutige Minderung der Lebensqualität. Schätzungsweise vier Millionen Menschen in Deutschland, insbesondere Frauen und Personen über 65 Jahren, sind von diesem Leiden betroffen. Die Ursache für den unfreiwilligen Verlust von Urin liegt meist in einer erschlafften Beckenbodenmuskulatur in Folge schwerer Geburten, Übergewicht oder intensiver körperlicher Arbeit. Hilfsmittel, wie spezielle Einlagen, sowie präventive Maßnahmen, wie beispielsweise regelmäßige Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, erleichtern den betroffenen Personen das tägliche Leben mit diesem Leiden.

Chinesische Wissenschaftler setzten sich nun im Rahmen einer placebokontrollierten Studie zum Ziel, die Wirksamkeit einer Elektroakupunkturbehandlung bei Frauen mit Stressinkontinenz zu untersuchen.[1] Insgesamt 504 Frauen am Guang An Men Hospital in Peking erhielten per Zufallsverfahren entweder eine Elektro- oder aber Scheinakupunkturbehandlung an den Punkten Zhongliao (B33) und Huiyang (BL35). Über einen Zeitraum von 30 Minuten wurden die gesetzten Nadeln mittels eines 50-Hz-Wechselstroms in der Intensität von 1 bis 5 Milli-Ampere stimuliert. Bei der Scheinakupunktur wurden die Nadeln knapp neben den beiden Punkten gesetzt, aber nicht eingestochen und nicht elektrisch stimuliert. Der Behandlungszeitraum erstreckte sich insgesamt über sechs Wochen, in denen 18 Therapiesitzungen stattfanden. Als primären Endpunkt definierten die Wissenschaftler die Menge des unfreiwillig gelassenen Urins, der sekundäre Endpunkt beinhaltete die Häufigkeit der Inkontinenzereignisse, die mittels einer 72-Stunden-Episodenmessung durch die Probandinnen erfasst wurde.

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Nach sechs Wochen beobachtete das Wissenschaftler-Team hinsichtlich der unkontrolliert verlorenen Urinmenge einen Rückgang um 9,9 Gramm in der Elektroakupunktur-Gruppe gegenüber 2,6 Gramm in der Schein-Elektroakupunktur-Gruppe. Somit konnte eine unter Berücksichtigung eines 95-Prozent-Konfidenzintervalls von 4,8 bis 10 Gramm statistisch signifikante Differenz in der Höhe von 7,4 Gramm erreicht werden. Auf der Ebene der Ereignishäufigkeit (Episoden) wurde in dem gemessenen Zeitraum von 72 Stunden durch die Elektroakupunktur-Behandlungen durchschnittlich eine Episode weniger beobachtet, was sich zwar nicht als statistisch signifikant erwies, jedoch eine leichte Verbesserung der Situation darstellte. In beiden Gruppen zeigten sich die Anwendungen ähnlich gut verträglich: In der Elektroakupunktur-Gruppe wurden 1,6 Prozent behandlungsrelevante unerwünschte Ereignisse beobachtet, während es in der Scheinakupunktur-Gruppe 2 Prozent waren.

Einschätzung:

Das vorliegende Studienergebnis lässt den Schluss zu, Elektroakupunktur als Therapieversuch zur Linderung der Beschwerden im Rahmen einer Stressinkontinenz zu erwägen und einem chirurgischen Eingriff, der nur in besonders schweren Fällen in Betracht kommen sollte, vorzuziehen. Der oftmals bemühte Vorwurf eines Placebo-Effekts gegen Akupunkturbehandlungen konnte in dieser Studie widerlegt werden, da sich die Elektroakupunktur gegen die Scheinakupunktur hinsichtlich des primären Endpunkts eindeutig durchsetzen konnte.

Welcher Mechanismus hier für das Ergebnis ausschlaggebend war und welche Rolle die elektrische Stimulation der verwendeten Akupunkturpunkte hinsichtlich des Therapieerfolgs spielte, wird in dieser Studie jedoch nicht geklärt. Zukünftige Studien könnten eine weitere Vergleichsgruppe unter Einbeziehung einer klassischen Akupunkturbehandlung ohne elektrische Stimulation berücksichtigen, um die Frage einer potenziellen Überlegenheit einer der beiden Akupunkturformen zu klären. Auch wäre der Vergleich einer (Elektro-)Akupunkturbehandlung mit präventiven Maßnahmen wie der Beckenbodengymnastik von Interesse sowie die Klärung der Hypothese eines möglicherweise verstärkten Effekts bei Kombination beider Behandlungsmaßnahmen.

Literatur

1) Liu Z, Liu Y, Xu H et al. Effect of electroacupuncture on urinary leakage among women with stress urinary incontinence: a randomized clinical trial. JAMA 2017; 317(24): 2493-2501 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
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