Studien kurz und knapp

Die Behandlung von Hitzewallungen bei Brustkrebs-Patientinnen mit Akupunktur

Alternative Medizin bei Krebspatienten

Brustkrebs-Patientinnen können unter Hitzewallungen leiden, wenn sie mit Hormonen behandelt werden. Zur Behandlung dieser Wärmeschübe gerät die Akupunktur in den Blickpunkt, jedoch sind die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Wirksamkeit nicht eindeutig.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Nach aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts [1] bekommen 29 von 100 Frauen, die neu an Krebs erkranken, Brustkrebs. Die Behandlung erfolgt meist durch die Entnahme des kranken Gewebes in einer Operation. Anschließend folgen oft Bestrahlung und Chemotherapie. Ziel ist die vollständige Entfernung des infizierten Gewebes, der Erhalt der Brust und schließlich die Heilung. Um einem Wiederauftreten des Krebses vorzubeugen, nehmen viele Frauen Medikamente, die das Wachstum von Krebszellen verhindern, zum Beispiel Tamoxifen. Dieses löst sehr häufig Nebenwirkungen wie Hitzewallungen aus.

Hitzewallungen sind eigentlich ein klassisches Symptom von Frauen in den Wechseljahren. In dieser Zeit durchläuft der Körper eine hormonelle Umstellung – die Bildung der weiblichen Sexualhormone Östrogen und Progesteron wird allmählich reduziert. Östrogen beeinflusst das Wärmezentrum im Gehirn. Entsteht ein plötzlicher Mangel des Hormons, weitet der Körper die Blutgefäße, um Wärme freizugeben und einen Temperaturanstieg des Körpers zu verhindern. Frauen nehmen diesen Prozess als Hitzeschub auf der Haut wahr. Hitzewallungen treten individuell verschieden häufig und stark auf und können zu seelischen Belastungen führen.

Bei Brustkrebs-Patientinnen wird diese hormonelle Umstellung durch das Tamoxifen sozusagen künstlich erzeugt. Daher bekommen viele Brustkrebs-Patientinnen Hitzewallungen, auch wenn die natürlichen Wechseljahre noch in weiter Ferne liegen. Die Symptome sind bei ihnen häufig stärker ausgeprägt, sie leiden mehr und länger darunter.

Zur Behandlung der Begleiterscheinungen werden auch naturheilkundliche Verfahren wie Homöopathie und Pflanzenheilkunde (z.B. Hopfen, Traubensilberkerze, Rotklee) angewendet. Akupunktur ist ein immer populärer werdendes Verfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Bei der Akupunktur werden speziell angefertigte, dünne Metallnadeln an spezifischen Punkten in die Haut eingestochen. Nach den Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin wird dadurch der Energiefluss in den Meridianen [a] angeregt. Eine besondere Form der Akupunktur ist die Elektroakupunktur, bei der die Nadeln geringfügig mit elektrischem Strom stimuliert werden. Akupunktur ist dafür bekannt, kaum Nebenwirkungen zu haben [2]. Die Wirksamkeit der Heilmethode gilt trotz zahlreicher Studien und verbreiteter Anwendung nicht als endgültig wissenschaftlich belegt.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Frage, ob Akupunktur gegen Hitzewallungen infolge einer Hormontherapie nach Brustkrebs hilft, sind nicht eindeutig. Die neueste Studie [3] zu diesem Thema kam zu einem eher positivem Ergebnis. Die 50 Patientinnen nahmen über acht Wochen einmal wöchentlich an Akupunktur-Sitzungen teil und protokollierten die Häufigkeit ihrer Hitzewallungen. Nach Ablauf der Zeit hatte sich die Anzahl der täglichen Hitzeschübe von zuvor durchschnittlich 10,7 auf 6,5 gesenkt. Die Effekte der Behandlung waren auch nach 18 Wochen weitestgehend erhalten. Da die Studie keine Kontrollgruppe hatte, welche eventuelle Verfälschungen des Ergebnisses durch Faktoren wie den Placebo-Effekt [b] hätte ausschließen können, sind die Zahlen kritisch zu würdigen – sie fallen womöglich zu positiv aus.

Weniger positiv urteilen zwei aktuelle systematische Übersichtsarbeiten [4,5]: In beide Arbeiten wurden Studien einbezogen, die die Wirksamkeit von Akupunktur mit der einer Placebo-Akupunktur [c] verglichen. Die Forschergruppe um M. Lee gab an, dass die mit Akupunktur behandelten Patientinnen im Schnitt drei Hitzewallungen weniger pro Tag hatten als die Placebo-Gruppe. Aus Dos Santos Übersichtsarbeit kann hierzu keine eindeutige Aussage abgeleitet werden, da die zugrunde liegenden Studien die Wirksamkeit unterschiedlich hoch einschätzen. Eine Entspannungstherapie und eine Therapie mit Venlafaxin [d] erwiesen sich als ebenso wirksam wie Akupunktur. Eine Hormontherapie hingegen zeigte sich der Akupunktur überlegen.

Alle in die Übersichtsarbeiten einbezogenen Studien zeigten, dass Akupunktur die Häufigkeit von Hitzewallungen verringert. Allerdings wiesen die Studien uneinheitliche Ergebnisse auf, was den Umfang dieser Verringerungen betrifft. Die Unterschiede lassen sich möglicherweise daraus erklären, dass in den Studien unterschiedliche Akupunktur-Punkte gestochen wurden.

Die Forscher kritisierten die zum Teil mangelnde Qualität der verfügbaren Studien und die Tatsache, dass Studien ohne Kontrollgruppe einbezogen wurden. Die Gruppe um Lee kommt zu dem Schluss, dass die Beweislage zur Wirksamkeit der Akupunktur nicht ausreichend ist, wohingegen die Dos Santos-Arbeit Akupunktur zumindest als Begleit-Therapie empfiehlt.

Trotz der unterschiedlichen Schlüsse, die die Wissenschaftler aus den Studien zogen, waren sie sich in einem Punkt einig: Akupunktur verursacht keine nennenswerten Nebenwirkungen. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber einer Hormon- oder Medikamententherapie. Außerdem kann sie die Häufigkeit von Hitzewallungen in gewissem Maße, über das es keine einheitlichen Erkenntnisse gibt, reduzieren.


[a] Meridiane sind nach den Vorstellungen der Traditionellen Chinesischen Medizin Kanäle im menschlichen Körper, durch die die Lebensenergie fließt. Insgesamt gibt es 12 Hauptmeridiane; jeder steht für ein Organ bzw. Organsystem. Auf den Meridianen liegen die Akupunktur-Punkte.
[b] Ein Placebo ist eine Scheinbehandlung (z.B. ein Medikament ohne Wirkstoff). Dennoch kann allein die Tatsache, dass ein Patient behandelt wird, zu gesundheitlichen Besserungen führen. Dieser Effekt wird Placebo-Effekt genannt.
[c] Bei der Placebo-Akupunktur, auch Schein-Akupunktur genannt, werden die Nadeln entweder in falsche Akupunktur-Punkte gestochen oder so manipuliert, dass sie nicht in tiefere Hautschichten vordringen können.
[d] Venlafaxin ist ein Antidepressivum, d.h. es wird zur Behandlung von Depressionen und Ängsten eingesetzt.

Aus Sicht der Carstens-Stiftung ergeben sich aus der bisherigen Forschung folgende Schlussfolgerungen:

Die Datenlage zur Wirksamkeit der Akupunktur gegen durch Brustkrebs bedingte Hitzewallungen ist nicht vollständig überzeugend. Aufgrund der vorgestellten Studien liegt die Vermutung nahe, dass durch Akupunktur die Häufigkeit von Hitzewallungen reduziert werden kann; dies kann jedoch nicht als wissenschaftlich gesichert gelten.

Für betroffene Frauen ist Akupunktur eine Option, deren Nutzung in jedem Fall in Erwägung gezogen werden sollte. Durch individuelles Ausprobieren kann jede Patientin für sich feststellen, ob die Methode hilft. Da Akupunktur als arm an Nebenwirkungen gilt, ist das Risiko für sie dabei relativ gering.

Die Wirksamkeit der Akupunktur steht möglicherweise im Zusammenhang mit den Akupunktur-Punkten, die der Therapeut wählt.

Es ist ein aus allen Wissenschaftsbereichen bekanntes Phänomen, dass Studien mit eher negativen Ergebnissen seltener veröffentlicht werden als solche mit positiven Ergebnissen. Diese Möglichkeit besteht auch bei den hier vorgestellten Studien. Daher wurde in dieser Zusammenfassung womöglich die Wirksamkeit von Akupunktur etwas überbewertet.

Die bisher veröffentlichten Studien haben teilweise Mängel. Das Bild ist daher möglicherweise etwas zu schön gezeichnet.

Die Einnahme wichtiger Medikamente gegen das Wiederauftreten des Brustkrebses darf während der Akupunktur-Therapie keinesfalls abgebrochen werden.

Die Behandlung sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.

Inwiefern Akupunktur langfristig gegen Hitzewallungen infolge einer Hormontherapie hilft, ist noch nicht ausreichend erforscht.


Robert-Koch-Institut, Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V.: Broschüre "Krebs in Deutschland 2005/2006 - Häufigkeiten und Trends". 7. Ausgabe, 2010: S.56-59.

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