Carstens-Stiftung: Akupunktur lässt Heuschnupfenpatienten seltener zu Antihistaminika greifen

Rubrik: Studien kurz und knapp

Akupunktur lässt Heuschnupfenpatienten seltener zu Antihistaminika greifen

Nicht nur allergiespezifische Symptome, sondern auch die Häufigkeit und Dauer der Einnahme von Medikamenten mit antiallergischer Wirkung lässt sich durch regelmäßige Akupunkturbehandlungen während der Heuschnupfensaison reduzieren, so das Ergebnis einer Sekundäranalyse im Rahmen einer Studie.

Für die meisten Heuschnupfenpatienten beginnt mit der zu Frühlingsbeginn einsetzenden Blüte eine leidvolle Zeit mit zum Teil stark eingeschränkter Lebensqualität. Angesichts allergischer Symptome wie Fließschnupfen, Niesen, Juckreiz und erschwerter Atmung, fällt die Vorfreude auf den Frühling bei vielen Pollenallergikern dementsprechend eher gemäßigt aus. Ein wenig Linderung versprechen antiallergische Medikamente, allen voran Antihistaminika, die die Effekte des körpereigenen Botenstoffs Histamin mindern. Nicht selten ist die Einnahme jedoch mit Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit und Kopfschmerz verbunden.

Die Tatsache, dass etwa 18 % der deutschen Heuschnupfenpatienten sich zur Linderung der Allergiesymptome einer Akupunkturbehandlung unterziehen, bewegte Wissenschaftler der Charité-Universitätsmedizin in Berlin zur Durchführung der ACUSAR (ACUpuncture in Seasonal Allergic Rhinits)-Studie, an der 422 Patienten mit nachgewiesener Gräser- oder Birkenpollenallergie teilnahmen. [1] Per Zufallsprinzip wurden drei Gruppen gebildet, in denen die Studienteilnehmer zu Beginn der Pollensaison über acht Wochen entweder zwölf Therapieeinheiten absolvierten, in denen sie mit Akupunktur (n=201) oder aber Placebo-Akupunktur (n = 90) behandelt wurden. Die dritte Gruppe ( n = 98) erhielt keinerlei Akupunkturbehandlung, sondern durfte lediglich auf eine Notfallmedikation in Form oraler Antihistaminika zurückgreifen, die in den beiden anderen Gruppen zusätzlich gestattet war. Die Höchstdosis jeglichen Anti-Allergikums sollte 20 mg täglich jedoch nicht überschreiten. Als medikamentöse Maßnahme empfahlen die Wissenschaftler den Patienten, cetirizinhaltige Präparate zu verwenden. In besonders schweren Einzelfällen war die Einnahme oraler Kortikosteroide erlaubt, die Verwendung anderer Anti-Allergika war jedoch untersagt. Die Akupunkturbehandlung wurde je nach individueller Patientensymptomatik an vier obligatorischen, mindestens drei von acht fakultativen Basis-Punkten sowie mindestens drei zusätzlichen Akupunkturpunkten durchgeführt. Bei der Placebo-Akupunktur wurde an Nicht-Akupunkturpunkten genadelt.

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Im Anschluss an die achtwöchige Therapiephase wechselten die Probanden in die jeweils andere Gruppe. Die zuvor nicht behandelten Patienten erhielten über einen Zeitraum von weiteren acht Wochen zwölf Akupunktursitzungen, während die ehemaligen Teilnehmer der Akupunktur- und Placebo-Akupunkturgruppen keinerlei Behandlung erfuhren, aber bei Bedarf Gebrauch von oraler Notfallmedikation machen konnten. Zu Studienbeginn, nach der achten sowie nach der sechzehnten Woche wurden per Fragebögen nicht nur Daten zur Entwicklung der allergiespezifischen Symptomatik und Lebensqualität erhoben, sondern auch Details zur potenziellen Antihistaminika-Einnahme dokumentiert. Die Patienten wurden angehalten, Angaben zum Präparatenamen sowie zur Dosierung und Einnahme-Häufigkeit des verwendeten Antihistaminikums zu machen. Während in der Primäranalyse im Rahmen der zugrundeliegenden Studie ein signifikanter Rückgang der allergiespezifischen Symptome und eine damit einhergehende Verbesserung der Lebensqualität und Reduktion der Menge an eingenommener Medikation beobachtet werden konnte, stand in der Sekundäranalyse die Häufigkeit und Dauer der Einnahme im Vordergrund. [2] Im Vergleich zu Studienbeginn konnten nach acht Wochen in der Akupunkturgruppe die Tage der Medikamenteneinnahme geringfügig um 0.92 Tage reduziert werden. In der Placebo-Akupunkturgruppe indessen war ein leichter Anstieg von 4,22 Tagen zu verzeichnen. In der Gruppe ohne Behandlung erhöhte sich die Anzahl der Tage mit Bedarf an Notfallmedikation sogar signifikant um 9,52.

So konnte die Anzahl der Tage, an denen Antihistaminika verwendet wurden, in der Akupunkturgruppe während der ersten acht Wochen im Vergleich zur Placebo-Akupunkturgruppe im Mittel um 4,49 Tage reduziert werden. Verglichen mit der Gruppe ohne Behandlung waren es sogar 9,15 Tage weniger. Für den Gesamtverbrauch an Antihistaminika während der ersten Studienphase ergaben sich für die Akupunkturgruppe im Mittel 8,92 Tage, für die Placebo-Akupunkturgruppe 13,41 Tage sowie für die reine Medikationsgruppe 18,07 Tage. Ebenfalls war zu beobachten, dass weniger Patienten in der Akupunkturgruppe Antihistaminika einnahmen als die Studienteilnehmer in den beiden anderen Gruppen (Akupunktur: 60 %, Placebo-Akupunktur: 71 %, keine Behandlung: 82 %). Für die zweite, ebenfalls achtwöchige Follow-up-Phase war wegen des erwarteten Abklingens der Heuschnupfen-Saison keine aussagekräftige Analyse möglich.

Einschätzung:

Mindestens eine Akupunkturbehandlung pro Woche während der Heuschnupfen-Saison scheint eine probate Option darzustellen, allergiespezifische Beschwerden zu lindern und die Tage, an denen Antihistaminika als Notfallmedikation eingenommen werden müssen, zu verringern. Auf der ökonomischen Ebene ist jedoch keine Kostenersparnis durch den Einsatz der Akupunkturtherapie zu verzeichnen. Demgegenüber steht jedoch die Vermutung, dass die Patienten unter Akupunkturbehandlung weitaus weniger Nebenwirkungen durch eine verringerte Antihistaminika-Einnahme zu erwarten haben. Die Frage nach potenziellen Nebenwirkungen (zusätzlich) eingenommener Antihistaminika war jedoch kein Thema der vorliegenden Sekundäranalyse. Inwiefern sich Akupunktur auch gegenüber anderen Antihistaminika als überlegen erweisen könnte, wird hier ebenfalls nicht beantwortet, da die Mehrheit der Patienten den Empfehlungen der Wissenschaftler folgend auf Präparate mit dem Wirkstoff Cetirizin zurückgriffen. Bedauerlich ist außerdem die wegen der bedingt durch das Ende der Heuschnupfen-Saison fehlenden Symptome nicht zu realisierende Analyse der Follow-up-Phase, die ggf. das Resultat aus der ersten Studienphase noch erhärtet hätte.

Letztendlich bleibt die Entscheidung eines aus der eigenen Tasche zu zahlenden Behandlungsversuchs mit Akupunktur dem betroffenen Heuschnupfen-Patienten selbst überlassen. Günstiger, aber mitunter weniger wirksam als die Akupunkturtherapie zeigt sich eine Selbstbehandlung mittels Akupressur, die an den wichtigsten Akupunkturpunkten im Kontext mit der Heuschnupfen-Symptomatik, z.B. Gb 20 und Di 20, von dem Betroffenen selbst durchgeführt werden kann. 

Literatur

1) Brinkhaus B, Ortiz M, Witt CM, et al. Acupuncture in patients with seasonal allergic rhinitis: a randomized trial. Ann Intern Med 2013; 158: 225-234 Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

2) Adam D, Grabenhenrich L, Ortiz M, Binting S, Reinhold T, Brinkhaus B. Impact of acupuncture on antihistamine use in patients suffering seasonal allergic rhinitis: secondary analysis of results from a randomised controlled trial. Acupunct Med 2018; epub ahead of print Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Daniela Hacke

Daniela Hacke, M.A.
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