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Welche Stilblüten doch der dogmatische Materialismus treibt...

So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen.
In ihrem Buch "Die Homöopathie-Lüge" bedienen sich die Autoren Nicole Heißmann und Christian Weymayr einer interessanten Argumentation, um aufzuzeigen, warum Homöopathie nicht bloß nutzlos, sondern sogar gefährlich sei. Der Wissenschaftsjournalist Weymayr steht der sog. Skeptikerbewegung (in Deutschland repräsentiert durch die GWUP – Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften), die sich aus einer Gruppierung fundamentalistischer Atheisten in den USA entwickelt hat, nahe. Das Gedankengut dieser selbsternannten Hüter der Wissenschaft ist durch das ganze Buch hin tonangebend. Im Folgenden werden die wichtigsten gedanklichen Schritte zunächst bloß wiedergegeben und anschließend im Zusammenhang diskutiert:
 
1. Homöopathie ist a priori unplausibel, insofern kein Wirkmechanismus denkbar ist, welcher dem etablierten Verständnis von Arzneiwirkung (Molekül wirkt an Zelle) entspricht. Weil dieses Modell sich bewährt hat und kein anderes vorstellbar ist, gehört Homöopathie in den Bereich des Aberglaubens.
 
2. Evidenzbasierte Medizin (EBM) ist wissenschaftliche Medizin. Sie stützt sich hauptsächlich auf randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien, um die Wirksamkeit von Therapiemaßnahmen beurteilen zu können. Außerdem verfügt sie über Theorien aus dem Fundus des allseits anerkannten naturwissenschaftlichen Weltbildes um eine ggf. vorhandene Wirksamkeit zu erklären.
 
3. Es gibt durchaus Studien, welche eine Wirksamkeit der Homöopathie nahelegen und auch mehr oder minder den Standards der EBM genügen. Diese müssen jedoch in irgendeiner Hinsicht methodisch mangelhaft sein, auch wenn sich im Einzelfall kein Fehler nachweisen lässt, denn Homöopathie ist unplausibel. Sie können also ignoriert werden.
 
4. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Homöopathie ist sofort zu stoppen. Wissenschaft gehört zur Sphäre der Ratio; hier walten wohl bekannte unabänderliche Naturgesetze. Homöopathie aber gehört zum Bereich des Irrationalen. Diese beiden Sphären dürfen nicht miteinander vermischt werden, sonst droht der Verlust aller objektiven Wertmaßstäbe in sämtlichen Lebensbereichen: "[W]er Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten, muss ebenso an Voodoo und Verschwörungstheorien glauben" (Klappentext hinten, 1. Aufl. München: Piper, 2012).
 
5. Der Glaube an die Homöopathie wird durch eine Lobby von Arzneimittelherstellern und Therapeuten wachgehalten, die viel Geld damit verdienen. Diese wissen entweder, dass das Verfahren unwirksam ist, sind also Scharlatane, oder sie sind, ebenso wie ihre Patienten, dem Aberglauben verfallen.
 
Interessant ist diese Argumentation vor allem deswegen, weil sie den Wissenschaftsbegriff ad absurdum führt: Einerseits werden Kriterien für den wissenschaftlichen Status eines Therapieverfahrens (klinische Studien einer bestimmten Qualität) formuliert. Dann aber gelten sie nicht mehr, wenn eine Methode, die man partout nicht ernst nehmen möchte, sich diesen Kriterien gemäß als wirksam erweist.
 
Um unliebsame Phänomene wie die Homöopathie von vornherein vom wissenschaftlichen Diskurs auszuschließen, prägen die Autoren den Begriff der 'Szientabilität' (in etwa zu übersetzen mit "Wissenschaftsfähigkeit"). Gemeint ist hiermit die Vereinbarkeit eines Phänomens mit den herrschenden paradigmatischen Grundüberzeugungen der scientific community. Ist diese nicht gegeben, soll es einfach ausgeblendet und nicht weiter untersucht werden. Ein solches hermetisch abgeschlossenes Weltbild hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Kennzeichen einer wissenschaftlichen Theorie ist nach Karl Popper, dass sie prinzipiell widerlegbar sein muss. Genau das ist hier nicht der Fall: An die Stelle der Widerlegbarkeit der Theorie tritt die vollständige Immunisierung gegen alles, was sie als falsch, oder zumindest unvollständig, erweisen könnte.
 
Der unbefangene Blick wird angesichts unzähliger Heilerfolge, einer Fülle von positiven klinischen Studien zur Homöopathie sowie über 1500 Experimenten aus der Grundlagenforschung, von denen der weitaus größte Teil auf einen Unterschied zwischen Lösungsmittel und Hochpotenz hinweist, einräumen müssen, dass wir – vorsichtig gesprochen – sehr ernste Hinweise haben, es mit mehr als Placebo zu tun zu haben. Man wird ebenso zugeben müssen, dass ein möglicher Wirkmechanismus homöopathischer Arzneimittel bis dato nicht erklärbar ist. Möglicherweise verstehen wir jedoch nur noch nicht, wie genau das Verfahren funktioniert. Vor 250 Jahren hätte man es vermutlich für schwer vorstellbar gehalten, dass Menschen rund um den Globus dereinst mit Mobilfunktelefonen kommunizieren werden; vor 500 Jahren wäre man womöglich wegen solcher Ideen auf dem Scheiterhaufen gelandet.
 
Die Argumentationsweise der Autoren erinnert denn auch an die Szene aus Brechts "Leben des Galilei", in der die versammelten Gelehrten dazu aufgefordert werden, durch ein Fernrohr zu blicken, in welchem Galilei einen neu entdeckten Jupitermond eingestellt hat. Sie weigern sich alle, auch nur einen Blick durch das Gerät zu tun und versuchen, unter Berufung auf Autoritäten zu beweisen, dass dort gar kein Himmelskörper sein könne. Überdies werfen sie Galilei für den Fall, dass im Okular des Fernrohrs tatsächlich etwas sichtbar sein sollte, vor, er habe die Linse manipuliert.
 
Die Skeptiker Weymayr und Heißmann erscheinen mit ihrer dogmatischen Geisteshaltung als das Pendant zum Esoteriker (im negativen Sinne des Wortes), welchen sie so eifrig bekämpfen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: Wo dieser unbeirrbar an etwas glaubt, auch wenn es sich nicht in der Erfahrung nachweisen lässt, leugnen jene beharrlich, was die Erfahrung wiederholt zeigt, weil sie nicht daran glauben wollen. Einen sachlichen Beitrag zur Diskussion um die Homöopathie vermag "Die Homöopathie-Lüge" daher leider nicht zu leisten. Das Buch ist vielmehr eine Art Kampfschrift für ein Überzeugungssystem, zu dem Arthur Schopenhauer seinerzeit bereits bemerkte:
 
"[G]anz dieser Art ist endlich der eben jetzt, in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder aufgewärmte, aus Unwissenheit sich original dünkende, rohe Materialismus, welcher zunächst, unter stupider Ableugnung der Lebenskraft, die Erscheinungen des Lebens aus physikalischen und chemischen Kräften erklären, diese aber wieder aus dem mechanischen Wirken der Materie, Lage, Gestalt und Bewegung erträumter Atome [im strengen Sinne des Wortes] entstehn lassen und so alle Kräfte der Natur auf Stoß und Gegenstoß zurückführen möchte, als welche sein »Ding an sich« sind" (Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd.I, §24, hrsg. von Ludger Lütkehaus, Haffmans: Zürich, 1988).
 
Literatur
  1. Christian Weymayr; Nicole Heißmann: Die Homöopathie-Lüge: So gefährlich ist die Leh-re von den weißen Kügelchen. München: Piper, 2012 > Abstract
 
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Dr. Jens Behnke
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