Stressreduktion und »Empowerment« durch Yoga?

Bereits gut belegt ist die Wirksamkeit von Yoga bei Rückenschmerz, beim Karpaltunnelsyndrom oder bei Multipler Sklerose.

Yoga findet in Europa und in den USA mehr und mehr Verbreitung. In den USA wird Yoga derzeit von ca. 15 Millionen Menschen regelmäßig oder gelegentlich praktiziert. Inzwischen wurden sowohl in Indien als auch international die umfangreichen positiven Wirkungen des Hatha-Yoga auf die Gesundheit wahrgenommen.

Bisher vorliegende wissenschaftliche klinische Studien konnten die Wirksamkeit von Yoga bei Rückenschmerz, bei Karpaltunnelsyndrom, bei Colon irritabile und bei Multipler Sklerose belegen. Empirisch und in ersten indischen physiologischen Studien mit Messungen von Herz-Kreislauf-Parametern zeigten sich zudem deutliche stressreduzierende Wirkungen von Hatha-Yoga.

Antidepressiva liefern bislang keine befriedigenden Langzeitresultate
Eine wachsende Zahl epidemiologischer Studien der letzten Jahre unterstreicht die Bedeutung psychosozialen Stresses als relevanten kardiovaskulären Risikofaktor. In der INTERHEART-Studie wurde Stress bzw. Dysstress neben Rauchen und Bluthochdruck als drittwichtigster Risikofaktor für die Entstehung eines Myokardinfarktes gewertet. Häufig ist Stress auch mit einer Vielzahl weiterer Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und psychischen Erkrankungen wie Depression und Angstsyndromen assoziiert und trägt damit vermutlich erheblich zu den Kosten im Gesundheitssystem bei. Therapeutisch ergaben medikamentöse Ansätze mit Antidepressiva oder Sedativa und kognitive Therapieverfahren bislang keine befriedigenden Langzeitresultate. Demgegenüber zeigte sich in ersten Studien zu traditionellen Entspannungsverfahren wie Meditation oder Progressiver Muskelentspannung eine signifikante Stressreduktion.

Hatha-Yoga und insbesondere das sogenannte Iyengar-Yoga gilt gemeinhin als stressreduzierend und vitalisierend („Power-Yoga“). In einer amerikanischen Pilotstudie zeigten sich inzwischen ebenfalls Hinweise auf eine anxiolytische und antidepressive Wirkung von Iyengar-Yoga. Vor diesem Hintergrund erfolgte in einer Arbeitsgruppe der Kliniken Essen-Mitte die Planung und Durchführung von Studien zur Evaluation des Hatha-Yoga bei Stress und stressassoziierten Beschwerden und Erkrankungen.

Yogastudien der Kliniken Essen-Mitte
Es erfolgte in einem ersten Schritt die Implementierung einer geeigneten Yoga Methode in die Klinik. Insbesondere geeignet schien die Technik des Iyengar-Yoga, nach dem Yogalehrer B. K. S. Iyengar, die inzwischen in Europa und Amerika weit verbreitet ist und äußerst präzise Anweisungen der Asanas gibt, was ihre Anwendung im medizinischen Bereich besonders nahe legt. Darüber hinaus zeichnet sich Iyengar-Yoga durch einen gewissen Anstrengungsgrad und eine starke Betonung der Komponenten der Dehnung und isomotorischen Muskelspannung aus. Insbesondere wird für diese Yogaform eine Stressreduktion und ein sogenanntes „Empowerment“ proklamiert.

Yoga zur Stressreduktion – Eine nicht randomisierte kontrollierte Pilotstudie bei jüngeren Frauen mit Stresssyndrom
Die Rekrutierung der Probanden dieser Studie erfolgte mit Zeitungsinseraten, die nach Teilnehmern für eine wissenschaftliche Studie suchten, die vermehrt unter Stress leiden. Interessanterweise fand sich unter den Anrufern ein Frauenanteil von über 95%, so dass die Studie zur Wahrung der Homogenität ausschließlich mit weiblichen Probanden (Alter 20–60 Jahre) durchgeführt wurde. Entsprechend dem Studiendesign einer nicht randomisierten, aber kontrollierten Studie wurden 24 Teilnehmerinnen rekrutiert und die ersten konsekutiven 16 Teilnehmerinnen der Yoga-Intervention zugeordnet, die nachfolgenden acht Teilnehmerinnen fungierten als Warteliste und bildeten die Kontrollgruppe.
Die Intervention bestand aus einem Angebot an zwei Iyengar-Yoga-Kursen über 90 Minuten im Zeitraum von drei Monaten. Die Kurstage konnten frei gewählt werden, die maximale Teilnehmerinnenzahl pro Yogagruppe war 16 Personen. Die Unterrichtung erfolgte durch einen erfahrenen und zertifizierten Iyengar-Yoga-Lehrer. Es wurde ausschließlich Hatha-Yoga gelehrt, d.h. es wurden keine Atemübungen und keine Meditation durchgeführt.
Endpunkte der Studie bildeten verschiedenste Inventare des körperlichen und psychischen Befindens, des wahrgenommenen Stresses und eine Batterie von Fragebögen zu Angst und Depression sowie die Erfassung körperlicher stressassoziierter Beschwerden mit der Freiburger Beschwerdeliste sowie visuellen Analogskalen zu ausgewählten Beschwerden wie z.B. Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder muskulären Verspannungen. Darüber hinaus wurde von jeder Probandin der Verlauf des Speichelkortisols vor und nach einer ausgewählten Yogastunde dokumentiert.
Für die Ergebnisanalyse erfolgte der Vergleich der Entwicklung der Parameter im dreimonatigen Studienzeitraum. Es zeigte sich hierbei im Vergleich zur Kontrollgruppe für die Yoga-Übenden eine signifikante Reduktion des Stressempfindens in der Cohen-Perceived Stress Scale (CPSS; p=0.018) und der Ängstlichkeit im State Anxiety-Fragebogen (STAI; p=0.019)
Ebenso fanden sich signifikante und klinisch relevante Effekte für die Yogagruppe im Bezug auf das allgemeine Wohlbefinden (Zerssen-Skala) und das Stimmungsprofil (Profile of Mood States, POMS). Darüber hinaus besserte sich das körperliche Befinden (P=0.01), im besonderen Kopf- und Rückenschmerzen. Die Messung des Speichelkortisols ergab eine signifikante Reduktion der salivären Kortisolkonzentration nach einer 90-minütigen Yogaübungs-Klasse. Zusammenfassend konnte durch diese Studie eine ausgeprägte Stressreduktion mit konsekutiver Verbesserung der körperlichen Befindlichkeit und Reduzierung von negativen Affekten und Stimmungen belegt werden. Trotz der kleinen Gruppengröße zeigten sich deutliche Signifikanzwerte und große Effektstärken. Auf Grund dieser prägnanten Studienergebnisse wurde eine nachfolgende größere randomisierte Yogastudie konzipiert.

Yoga zur Stressreduktion – Eine randomisierte kontrollierte Studie zur Wirkung des intensivierten Hatha-Yoga auf Dysstress
Es handelte sich hierbei um eine randomisierte dreiarmige Studie mit n=72 Probandinnen. Eingeschlossen wurden Frauen im Alter von 20 bis 60 Jahren mit subjektiv wahrgenommenem Dysstress sowie dem begleitenden Vorhandensein von körperlichen Stresssymptomen (u.a. Kopfschmerz, Rückenschmerzen, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, funktionellen Rhythmusstörungen). In einem randomisierten Studiendesign erfolgte die Zuweisung der Gruppen mit je 24 Probandinnen. Gruppe 0 fungierte als Warteliste mit dem Angebot einer späteren Yogatherapie nach Abschluss der Studie. Gruppe 1 erhielt Zugang zu einer einmal pro Woche stattfindenden Iyengar-Yoga-Klasse über 90 Minuten. Gruppe 2 erhielt zwei bis mehrmals pro Woche Zugang zu den Yogakursen. Insgesamt wurde die Yogaintervention über einen Zeitraum von drei Monaten angesetzt. Folgende Punkte wurden definiert:

▶ Primärer Endpunkt war der wahrgenommene Stress, erfasst mittels des Scores der Cohen Perceived Stress Scale (CPSS).
▶ Sekundäre Endpunkte bildeten Parameter der autonomen kardialen Funktionsmessung (low und high frequency der Kurzzeitherzfrequenzvariabilität im Liegen über 10 Minuten) und Scores zu Depressivität (Beck-Scale, CES-D), Angst (STAI), Lebensqualität (SF-36), psychischem Befinden (Profile of Mood States (POMS, Zerssen Befindlichkeitsskala), körperlichen Beschwerden (Freiburger Beschwerdeliste).

Innerhalb des dreiarmigen Studiendesigns wurde hypothetisiert, dass Yoga gegenüber der Warteliste überlegen ist und sich innerhalb der Yogainterventionen ein Dosis-Wirkungseffekt mit einer Überlegenheit der intensivierten gegenüber der moderaten Yogaintervention zeigt.
Insgesamt konnten die Probandinnen zügig rekrutiert werden. Die 72 Studienteilnehmerinnen hatten ein Durchschnittsalter von 39 Jahren und einen durchschnittlichen Body Mass Index von 25 kg pro m2. Die Studie konnte protokollgerecht abgeschlossen werden, jedoch fand sich, im Gegensatz zur Pilotstudie, eine eingeschränkte Übungs-Compliance in der Gruppe des intensivierten Yoga (Gruppe 2). So wurden in Gruppe 2 von 24 möglichen Yogastunden im Mittel nur 15 besucht, in Gruppe 1 wurden neun von zwölf Stunden besucht.
In den Ergebnissen zeigten beide Yogagruppen signifikante Verbesserungen in der Mehrzahl der Inventare gegenüber der Kontrollgruppe. Hierbei zeigten sich insbesondere signifikante Effekte für die Dimensionen Angst, Ärger, Depressivität, die Stimmungsprofile im POMS und den subjektiv erlebten Stress. Zudem fanden sich signifikante Unterschiede im Bezug auf den psychischen Score des SF-36. Jedoch konnten keine signifikanten Effekte im physischen Summenscore des SF-36 und in der Freiburger Beschwerdeliste gezeigt werden.
In den spezifischen Beschwerdeskalen zeigte sich ein signifikanter Rückgang von Schulter- und Halswirbelsäulenschmerzen sowie von Rückenschmerzen in beiden Yogagruppen jeweils gegenüber der Kontrollgruppe.
Wurden in der statistischen Analyse beide Yogagruppen zusammengefasst und der Kontrollgruppe gegenübergestellt, so zeigten sich signifikante Effekte des Yoga in Bezug auf Stress und Depressivität, Angst, alle Dimensionen des POMS, Ärger sowie den psychischen Summenscore des SF-36.

Schlussfolgerung
Zusammenfassend konnten in den ersten beiden kontrollierten Studie die stressreduzierenden und psychologisch günstigen Effekte des Yoga belegt werden. Bei einer eingeschränkten Compliance in Studie 2 zeigte sich jedoch kein Dosis-Wirkungseffekt. Es bleibt derzeit unklar, ob dies durch die schlechte Compliance begründet ist oder ob bei erreichter Yogaintensität ein Dosis-Wirkungseffekt demonstriert hätte werden können.
Insgesamt erscheint Yoga als aussichtsreich in der Therapie von Stresssyndromen, so dass insbesondere die weitere wissenschaftliche Evaluation bei stressassoziierten Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, chronischen Schmerzsyndromen als vielversprechend und sinnvoll erscheint.

Autor
Professor Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Zentrum für Naturheilkunde des Immanuel Krankenhauses Berlin.

Allgemeines
Yoga kann auf eine reiche und alte Tradition zurückgreifen. Yoga ist eine umfangreiche philosophische Lehre zum einen, aber auch eine präzise Beschreibung geistiger und körperlicher Übungen zum anderen. Wesentliche primäre Schriften des Yoga gehen auf die Bhagavad Gita (200 v. Chr.), die Upanishaden (ca. 500 v. Chr.) und auf Patanjali (Yogasutra, 200 v. Chr.) zurück. Der Begriff Yoga stammt aus dem Sanskrit. Yoga kann mit anjochen = zusammenbinden, verbinden, anspannen übersetzt werden. Sprachlich interpretierbar ist der Begriff sowohl im Sinne der Vereinigung oder Integration als auch im Sinne von Anspannen des Körpers an die Seele. Es gibt viele verschiedene Formen des Yoga, jeweils mit einer eigenen Philosophie und Praxis. In Europa und Amerika werden üblicherweise körperliche Übungen des Hatha Yoga, die „Asanas“ oder „Yogasanas“, mit der Vorstellung von Yoga verbunden. Einige meditative Formen des Yoga legen ihren Schwerpunkt auf die geistige Konzentration, andere auch auf Atemübungen („Pranayamas“), und viele Richtungen betonen die Askese.
Zu beachten ist, dass die körperlichen Übungen des Yoga (Hatha-Yoga) im eigentlichen Sinne nur der körperlichen Voraussetzung für die weiterführende Meditation dienen sollten. D.h. ursprünglich ist Yoga ein rein spiritueller Weg mit primär religiös fundierten Zielen, die dann durch eine gewisse Lebensführung und Meditation erreicht werden sollen. Die Kräftigung des Körpers durch die Asanas hatte primär das Ziel, möglichst beschwerdefrei über einen längeren Zeitraum im Meditationssitz verweilen zu können.

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