Waldbaden: Indikationen

Rubrik: Studien kurz und knapp

Waldbaden: Prävention und Therapie

Während der Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Corona-Krise erlebte der Wald als Ausflugsziel eine Renaissance. Doch Wälder sind nicht nur als Erholungsräume zur Freizeitgestaltung beliebt, sondern werden im Rahmen komplementärmedizinischer Maßnahmen zur Prävention und Therapie von verschiedenen Krankheiten relevant. Bereits in dem von Sebastian Kneipp, dem Vater der modernen Naturheilverfahren, entwickelten Programm ist Bewegung im Wald eine der fünf Therapiesäulen. Waldbaden als naturheilkundliche Intervention des 21. Jahrhunderts, die Prävention und Therapie verbindet, wird seit den 1980er Jahren in Studien auf seine Wirksamkeit untersucht.

Das Konzept des Waldbadens (Shinrin-Yoku) wurde als Therapieform 1982 vom japanischen Ministerium für Landwirtschaft eingeführt. Derzeit ist es in Japan sowie China als staatliches Präventionsprogramm etabliert. Seit den 1980er Jahren wird diese Form der Naturtherapie in sogenannten Feldstudien wissenschaftlich erprobt, wobei sowohl die physiologischen als auch die psychologischen Aspekte des achtsamen Aufenthalts in Waldgebieten in den Blick genommen werden. [1]

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Grundlegend wird unter dem Begriff Shinrin-Yoku das individuelle Erfahren der Waldumgebung mit allen fünf Sinnen verstanden: Die auditive Wahrnehmung der Geräusche des Waldes, die visuelle Wahrnehmung der veränderten Lichtverhältnisse sowie der verschiedenen Bäume des Waldbestandes, die Anregung des Geschmackssinns durch den Verzehr von Beeren und anderen Waldfrüchten, die taktile Erfahrung durch die Berührung von Bäumen sowie die olfaktorische Wahrnehmung von Phytonziden. [2]

Die Steigerung von Natürlichen Killerzellen (NK), die eine protektive Wirkung gegenüber abnormalem Zellwachstum haben, sei eine der Eigenschaften bestimmter sekundärer Pflanzenstoffe wie Terpenen, die ein wesentlicher Bestandteil der in Pflanzen produzierten ätherischen Öle sind. Terpene werden aufgrund interessanter pharmakologischer Eigenschaften bereits im Bereich der onkologischen Grundlagenforschung auf ihre Wirksamkeit als chemotherapeutische Agenzien erforscht, da in verschiedenen Experimenten herausgestellt wurde, dass synthetisierte Terpene hauptsächlich Zellen des Tumorgewebes zerstören, während gesunde Zellen nicht angegriffen werden. [3] Jedoch greift die alleinige Konzentration auf Terpene als Wirkmechanismus zur Erklärung der präventiven und therapeutischen Effektivität der Waldtherapie zu kurz, da es sich bei dieser Methode um ein ganzheitliches Prinzip handelt.

Waldbaden: Studienlage

Die bisher durchgeführten Studien, die hauptsächlich aus Japan, Südkorea und China stammen, weisen deutlich positive Effekte hinsichtlich der psychischen Verfassung der Studienteilnehmer nach, wie beispielsweise in einem systematischen Review von Hansen herausgearbeitet wird. [4] Insbesondere stressbedingte Erkrankungen, Depressionen sowie Angststörungen konnten durch Waldbaden gelindert werden. Auch präventive Effekte im Rahmen psychischer Krankheiten sind nach achtsamen Waldaufenthalten festzustellen.

In einem systematischen Review von 2019 stellten Antonelli et al. heraus, dass Waldbaden die Cortisolwerte, die als Biomarker für Stress gelten, in unterschiedlichen Studiensettings signifikant beeinflussen konnte. [5] Die Autoren dieses Reviews betonen jedoch, dass allein schon die Erwartungshaltung einer Waldtherapie die Cortisolwerte beeinflusste, sodass ein Placeboeffekt durch die in Aussicht gestellte Intervention vermutet wird.

Positive Effekte ließen sich außerdem auf die Senkung des Blutdrucks beobachten. Besonders deutlich war die Blutdrucksenkung bei älteren Patienten mit hohem Blutdruck nachzuweisen. Zurückgeführt wird die Wirksamkeit der Waldtherapie auf die Beeinflussung des autonomen Nervensystems, insofern Adrenalin- und Noradrenalin-Werte gesenkt werden. Waldtherapie wird in diesem Zusammenhang als effektive Intervention bei Bluthochdruck interpretiert. [6]

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In weiteren Studien wurde Waldbaden als adjuvante Therapie im Rahmen von kardiovaskulären Erkrankungen sowie bei Diabetes Typ 2 eingesetzt. Jedoch ist aufgrund der geringen Studiengröße weitere Forschung notwendig, um die Wirksamkeit von Waldtherapie beurteilen zu können. [7]

Forschung und Anwendung in Deutschland

Der Fokus der europäischen und amerikanischen Forschung zur gesundheitsfördernden Wirkung von Grünflächen bezieht sich bislang hauptsächlich auf den positiven Effekt von urbanen Grünflächen auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit von Stadtbewohnern. In diesem Kontext vergleichen Forscher beispielsweise die Effekte von Bewegung im städtischen Raum mit der Bewegung in urbanen Grünflächen bzw. in Waldgebieten, wobei eine Steigerung der Lebensqualität mit der Wohnnähe zu Grünflächen zu verzeichnen ist. Herauszuheben ist hier, dass speziell der Baumbestand einen positiven Einfluss auf die Verbesserung der Lebensqualität hat. [8]

Unklar ist bislang, inwiefern die Beschaffenheit des Waldes Einfluss auf die gesundheitsfördernde Wirkung von achtsamen Aufenthalten in Waldgebieten hat. [9] Daher wird eine systematische Erforschung der möglichen positiven Effekte des Waldbadens im mitteleuropäischen Raum gefordert, um valide Ergebnisse für diese Intervention in europäischen Mischwäldern zu generieren. In Deutschland plant Prof. Dr. Andreas Michalsen die Durchführung von Studien zur Wirksamkeit von Waldbaden. [10]

Die Anwendung des Waldbadens im Rahmen von Prävention und Therapie befindet sich in Deutschland noch in der Erprobungsphase, doch entstehen bereits jetzt mit Hilfe von EU-Fördergeldern sogenannte Kurwälder bzw. Heilwälder, die eine eigene Zertifizierung erhalten. Der erste Kurwald wurde 2017 in Mecklenburg-Vorpommern eröffnet; es befinden sich in dieser Region derzeit weitere acht Heilwälder in Planung. [11] 

Fazit

Aus den systematischen Reviews lässt sich schlussfolgern, dass die Waldtherapie sowohl im Rahmen der Prävention von psychischen Krankheiten als auch zur kurativen Behandlung von psychischen Leiden sowie zur adjuvanten Therapie von Bluthochdruck, kardiovaskulären Krankheiten und zur Blutzuckersenkung einen wertvollen Beitrag leisten kann. Die Durchführung von Studien in deutschen Waldgebieten ist ein elementarer Schritt zur Implementierung des Waldbadens in das deutsche Gesundheitssystem. Als Zusatzleistung ist die Waldtherapie bereits im Rahmen von Achtsamkeitskursen abrechenbar. Waldbaden als persönliche Erfahrung in die freie Zeit zu integrieren ist empfehlenswert, ob nun als Ausgleich zu einem herausfordernden Alltag oder als gesundheitsfördernde Maßnahme zur Steigerung der Lebensqualität und der Prävention von zivilisationsbedingten Krankheiten.

Literatur

[1] Tsunetsugu Y, Park BJ, Miyazaki Y. Trends in research related to "Shinrin-yoku" (taking in the forest atmosphere or forest bathing) in Japan. Environ Health Prev Med. 2010;15(1):27‐37. doi:10.1007/s12199-009-0091-z

[2]  Wen Y, Yan Q, Pan Y, Gu X, Liu Y. Medical empirical research on forest bathing (Shinrin-yoku): a systematic review. Environ Health Prev Med. 2019;24(1):70. Published 2019 Dec 1. doi:10.1186/s12199-019-0822-8

[3] Cho KS, Lim YR, Lee K, Lee J, Lee JH, Lee IS. Terpenes from Forests and Human Health. Toxicol Res. 2017;33(2):97‐106. doi:10.5487/TR.2017.33.2.097

[4] Hansen MM, Jones R, Tocchini K. Shinrin-Yoku (Forest Bathing) and Nature Therapy: A State-of-the-Art Review. Int J Environ Res Public Health. 2017;14(8):851. Published 2017 Jul 28. doi:10.3390/ijerph14080851

[5] Antonelli M, Barbieri G, Donelli D. Effects of forest bathing (shinrin-yoku) on levels of cortisol as a stress biomarker: a systematic review and meta-analysis. Int J Biometeorol. 2019;63(8):1117‐1134. doi:10.1007/s00484-019-01717-x

[6]  Ideno Y, Hayashi K, Abe Y, et al. Blood pressure-lowering effect of Shinrin-yoku (Forest bathing): a systematic review and meta-analysis. BMC Complement Altern Med. 2017;17(1):409. Published 2017 Aug 16. doi:10.1186/s12906-017-1912-z

[7]  Hansen MM, Jones R, Tocchini K. Shinrin-Yoku (Forest Bathing) and Nature Therapy: A State-of-the-Art Review. Int J Environ Res Public Health. 2017;14(8):851. Published 2017 Jul 28. doi:10.3390/ijerph14080851

[8] Michalsen A. Natur als Therapie und Prävention; zkm 2020; 2: 12-17

[9]  Bach Pagès A, Peñuelas J, Clarà J, Llusià J, Campillo I López F, Maneja R. How Should Forests Be Characterized in Regard to Human Health? Evidence from Existing Literature. Int J Environ Res Public Health. 2020;17(3):1027. Published 2020 Feb 6. doi:10.3390/ijerph17031027

[10] https://naturheilkunde.immanuel.de/aktuelles/nachrichten/aktuelle-nachrichten/detailseite/article/lese-tipp-waldtherapie-zaehlt-zur-nutzbringenden-naturheilkunde/

[11] https://www.sdw-mv.de/waldtherapie/

Ursula Heim, Karl und Veronica Carstens-Stiftung

Ursula Heim (M.A.)

Öffentlichkeitsarbeit

Telefon: 0201 56 305 22
E-Mail: u.heim@carstens-stiftung.de


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