Carstens-Stiftung: Akupunktur als Behandlungsoption bei chronischem Prostatitis/Beckenschmerz-Syndrom

Rubrik: Studien kurz und knapp

Akupunktur als Behandlungsoption bei chronischem Prostatitis/­Beckenschmerz-Syndrom

Eine engmaschige, achtwöchige Akupunkturbehandlung linderte in einer placebokontrollierten Studie die Schmerzen und Harnwegsbeschwerden von Männern mit chronischer Prostataentzündung und chronischen Beckenbodenschmerzen nachhaltig.

Schmerzen wechselnder Stärke im Genital-, Damm- und Analbereich sowie Störungen beim Wasserlassen oder bei der Erektion und Ejakulation sind typische körperliche Beschwerden bei einer chronischen Prostataentzündung bzw. dem chronischen Beckenschmerzsyndrom, welche zu den häufigsten urologischen Erkrankungen bei Männern unter 50 Jahren gehören. Die daraus resultierenden Einschränkungen auf emotionaler, sexueller und Verhaltensebene können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich mindern.

Konventionelle Therapieansätze stützen sich auf den Einsatz von nicht-steroidalen Entzündungshemmern, Alpha-Blockern oder, im Falle einer Infektion, Antibiotika. Aufgrund möglicher unerwünschter Nebenwirkungen durch diese Medikamenteneinnahme und ihrer nicht hundertprozentig zuverlässigen Wirksamkeit besteht großes Interesse an alternativen oder ergänzenden Behandlungsmöglichkeiten. Hierzu zählt die Akupunktur, deren Effektivität und Sicherheit bereits in früheren Studien konstatiert wurde.

Akupunktur zwischen Mythos und Moderne

Akupunktur zwischen Mythos und Moderne

Aus der Perspektive dieser Arbeit ist das Konzept des Nicht-Akupunkturpunktes als Sham-Kontrolle in klinischen Studien nicht haltbar. Iven Tao plädiert in seiner Dissertation dafür, die alten Konzepte zu überdenken und die Studienmethoden der Realität der Akupunktur anzupassen.

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In der vorliegenden Arbeit untersuchte nun eine chinesische Wissenschaftlergruppe die Nachhaltigkeit einer komprimierten Akupunkturbehandlung im Vergleich mit einer Placebo-Behandlung (Sham-Akupunktur). 68 Männer im Alter von 18 bis 50 Jahren mit diagnostizierter chronischer Prostatitis/chronischem Beckenschmerz-Syndrom wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Akupunkturgruppe erhielt über einen Zeitraum von acht Wochen dreimal wöchentlich eine 30-minütige Akupunkturbehandlung. Die Sham-Akupunktur-Gruppe erhielt nach dem gleichen Zeitschema Behandlungen mit Placebo-Nadeln ohne Penetration der Haut. In beiden Gruppen wurden die jeweiligen Nadeln beidseitig an den Punkten Zhongliao (BL33), Shenshu (BL23), Huiyang (BL35) und Sanyinjiao (SP6) angesetzt. Bis auf die Akupunkteure waren alle an der Studie beteiligten Personen gegenüber dem jeweils eingesetzten Behandlungsverfahren verblindet. Bei unerträglichen Schmerzen war die Einnahme von Celecoxib 200 mg als Notfallmedikation erlaubt, sollte aber entsprechend dokumentiert werden. Als primärer Zielparameter wurde eine Veränderung der mittels NIH-CPSI (National Institutes of Health Chronic Prostatitis Symptom Index) erhobenen Gesamtsymptomatik zwischen Studienbeginn und nach achtwöchiger Behandlung festgesetzt. Als sekundäre Zielparameter dienten die Messwerte desselben Indexes nach 20 und 32 Wochen, sowie die Einzelwerte aus den Subskalen des NIH-CPSI für Schmerz, Harnwegssymptome und Lebensqualität und der Wert des I-PSS (International Prostate Symptom Score), jeweils gemessen nach vier, acht, 20 und 32 Wochen. Darüber hinaus wurde die Zufriedenheit der Patienten mit der Behandlung erhoben und behandlungsbedingte unerwünschte Wirkungen dokumentiert. Ergänzend wurden die Patienten zu Studienbeginn zu ihrer Erwartung gegenüber der Akupunkturbehandlung befragt. Nach vier Wochen Behandlung  sollten sie ihre Vermutung äußern, ob sie traditionelle Akupunktur oder Sham-Akupunktur bekommen.

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Der Gesamtwert des NIH-CPSI lag nach acht Wochen Behandlung in beiden Gruppen niedriger als zum Studienbeginn. Während er in der Sham-Akupunkturgruppe 5,1 Punkte niedriger lag (Ausgangswert 26) und bei den Folgemessungen wieder anstieg, wurde in der Akupunkturgruppe eine Reduktion um 10,8 Punkte in Woche acht und bis zur Woche 32 eine weitere Minderung um 0,5 Punkte verzeichnet (Ausgangswert 28). Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war nach der Behandlungsphase zu allen Zeitpunkten signifikant unterschiedlich zugunsten der Akupunktur. Auch hinsichtlich der sekundären Zielparameter konnte eine Überlegenheit der Akupunktur gegenüber der Placebo-Behandlung beobachtet werden. Für einzelne Parameter wie Schmerzstärke und Lebensqualität zeichnete sich diese Überlegenheit erst ab Woche acht ab. Die Patienten in der Akupunkturgruppe waren deutlich zufriedener mit der Therapie als die Patienten der Sham-Akupunkturgruppe, obwohl beide Gruppen zu Studienbeginn eine etwa gleich hohe Erwartung an die Behandlung hatten und ähnliche Vermutungen hinsichtlich ihrer Zuteilung zur Verum- oder Placebo-Gruppe anstellten (0 % Placebo, 82,4 % / 85,3 % Akupunktur, 17,6 % / 14,7 % unklar). Als unerwünschte Wirkungen der Behandlung wurden moderate Schmerzen und Hämatome von vier Patienten der Akupunkturgruppe und Erschöpfung nach der Behandlung von einem Patienten der Sham-Akupunkturgruppe berichtet.

Einschätzung:

Übereinstimmend mit früheren Studien führte die Akupunkturbehandlung zu einer deutlichen Verbesserung der Beschwerden von Patienten mit chronischem Prostatitis/Beckenschmerz-Syndrom.
Neue Erkenntnisse aus der vorliegenden Arbeit sind zum einen, dass offenbar eine gewisse Mindestbehandlung erforderlich ist, da in der Studie erst nach mehr als zwölf Behandlungen eine Verbesserung des NIH-CPSI-Gesamtwertes um mehr als 50 % im Vergleich zum Ausgangswert erreicht wurde, und zum anderen, dass die Wirkung der Akupunktur auch noch mehrere Wochen nach Behandlungsende anhält.

Leider gibt es in der Publikation keine Informationen dazu, in welchem Maße eine Notfallmedikation in Anspruch genommen wurde und ob sich diesbezüglich ein Unterschied zwischen den Gruppen erkennen lässt.

Literatur

Qin Z, Zang Z, Zhou K, Wu J, Zhou J, Kwong JSW, Liu Z. Acupuncture for Chronic Prostatitis/Chronic Pelvic Pain Syndrome. J Urol 2018; 200(4): 815-822. Öffnet externen Link in neuem FensterAbstract

Petra Koczy

Petra Koczy, Dipl.-Biol.
Fachbereich Bibliothek | Informationsmanagement

Telefon: 0201 56 305 0
E-Mail: Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-Mailp.koczy@carstens-stiftung.de


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(Veronica Carstens)