05.09.2012

Wirksamkeit von Ayurveda bei chronischen Erkrankungen

Doktorarbeit von Christian Keßler, 2006
Ziel der vorliegenden Arbeit ist, die Wirksamkeit ayurvedischer Therapien am Beispiel ausgewählter Erkrankungen – Diabetes mellitus, Asthma bronchiale und Fettstoffwechselstörungen – zu untersuchen und die mögliche Bedeutung dieser Therapieformen in der Gesundheitsversorgung zu diskutieren.

Methodisch lässt sich die Arbeit in zwei übergeordnete Abschnitte untergliedern: zum einen das Erstellen eines umfassenden Informationsteils über Ayurveda, zum anderen die systematische Literatursuche nach Veröffentlichungen aus dem Bereich Ayurveda zu Diabetes mellitus, Asthma bronchiale und Fettstoffwechselstörungen. Letzteres beinhaltete das Erstellen einer Studienübersicht und Evaluation der Datenlage, die Einzelbewertung der isolierten Studien und Verwendung von Power‐ und Outcomeanalysen nach evidenzbasierten Kriterien und die Gesamtbewertung und Diskussion.

Günstige Evidenzlage für Diabetes mellitus
Die Evidenzlage zur Wirksamkeit ayurvedischer Interventionen ist für Diabetes mellitus am besten, gefolgt von Fettstoffwechselstörungen und Asthma bronchiale. In mehr als 65% der Studien wurden signifikante Verbesserungen der Zielparameter gemessen.
Die Ergebnisse der Poweranalysen unterstützen dieses Ranking. Als „Power“ einer Studie wird die Wahrscheinlichkeit bezeichnet, mit der ein bestimmter, tatsächlich vorhandener Effekt der Studie erfasst werden kann. Da in der medizinischen Forschung statistisch signifikante Ergebnisse angestrebt werden, ist das Schaffen von Voraussetzungen für eine möglichst große Power von besonderer Bedeutung. Eine Power von 80% beispielsweise bedeutet, dass von 100 gleichartigen Studien 80 einen gleichen Effekt (Alternativhypothese) zeigen, während 20 ein gegenteiliges Ergebnis (Nullhypothese) liefern.
Im Rahmen der Poweranalysen dieser Arbeit wurden zwei charakteristische Kenngrößen berechnet: Erstens wurde für die angegebenen Zielgrößen der Vergleichsstudien die minimale Fallzahl für eine Power von 0,8 und α = 0,05% berechnet und mit der tatsächlichen verglichen. Anschließend wurde in einem zweiten Schritt für die angegebene Fallzahl der Studie die Power berechnet. Diese war z. B. im Falle von Diabetes mellitus in 72% der Fälle größer als 0,8, in 20% der Fälle kleiner als 0,8 und in 8% der Fälle grenzwertig.

Warum der multimodale Ansatz im Vordergrund stehen sollte
Studiendesigns und methodische Qualität der analysierten Studien führten in 75% der Fälle zu einer Eingruppierung in die Evidenzkategorien II und III. Fast 90% der Studien beziehen sich auf Phytomedizin, ohne den im Ayurveda üblichen multimodalen Therapieansatz miteinzubeziehen. Da die ayurvedische Medizin prinzipiell multimodale Therapiekonzepte verfolgt – auch im Gegensatz zur westlichen Medizin, wo diese Strategien bisher Spezialgebieten wie z. B. der Onkologie vorbehalten sind – sollte in zukünftigen Forschungsprojekten der multimodale Ansatz stärker im Vordergrund stehen. So könnte geklärt werden, ob die ayurvedische Medizin auch als holistisch orientiertes Konzept in die moderne Medizin integriert werden kann.

Lassen sich Ayurveda und CAM mit den Goldstandards adäquat untersuchen?
Am erfolgversprechendsten sind, basierend auf den Ergebnissen dieser Arbeit, weitere Studien für die Bereiche Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen. Gleichzeitig geben Mängel in der Dokumentation sowie methodische Unzulänglichkeiten, v. a. bei der Analyse multimodaler Therapiekonzepte, Anlass zu der Frage, ob die Methoden des Ayurveda und komplementär‐/alternativmedizinischer Verfahren (CAM) generell sich mit den Goldstandards der modernen klinischen Forschung umfassend untersuchen lassen.

Um der Eigenart einer konstitutionsbasierten Medizin Rechnung zu tragen, sollten adäquate Studiendesigns Anwendung finden. Klassische randomisierte Studien alleine reichen im Bereich Ayurveda nicht aus. Denn im Gegensatz zur Schulmedizin, deren Diagnose‐ und Therapieverfahren sich in der Regel am Durchschnittspatienten orientieren (z. B. Mittelwert, Median, 95%‐Konfidenzintervall) sind ayurvedische Methoden grundsätzlich individuell ausgerichtet. Vor allem in der Phytotherapie sollten deshalb als Minimum‐Standard stratifizierte RCTs gefordert werden, um dem konstitutionsbasierten Therapieprinzip des Ayurveda durch multiparametrische/multivariate Analysen stärker Rechnung zu tragen. Auch die sogenannten n‐of‐1‐Studien könnten in diesem Zusammenhang einen wichtigen Beitrag leisten. Zusätzlich könnten hier und in anderen Bereichen, z. B. bei den ausleitenden Verfahren (Panchakarma), qualitative Analysemethoden, beispielsweise Fuzzy‐Techniken und Bayessche Netze, deren Stärke in der Modellbildung von qualitativen Größen liegt, neue Erkenntnisse liefern. Hiermit ließen sich viele Konzepte des Ayurveda genau modellieren und damit die Eigenschaften der ayurvedischen Medizin besser abbilden.

Erhöhung des Evidenzniveaus
Durch insgesamt höherwertigere Wirksamkeitsstudien mit multizentrischen bzw. multinationalen Studiendesigns mit externer Bewertung (peerreviewed) könnte das Evidenzniveau schnell erhöht werden. Grundsätzlich gilt, dass für eine Übernahme ausgewählter ayurvedischer Therapien – und Therapien der CAM generell – in westliche Gesundheitssysteme noch wesentliche Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Gerade wegen seit Jahren ständig steigender Nachfrage nach Therapien der CAM, sollten besonders Erfolg versprechende Therapiemethoden in einem zweistufigen Prozess nicht nur innerhalb des ayurvedischen Medizinsystems miteinander verglichen oder gegen Placebo getestet werden, sondern im nächsten Schritt auch konsequent mit vergleichbaren Therapien aus der Schulmedizin verglichen werden.

Eine weitere Grundvoraussetzung für die nachhaltige klinische Etablierung von ayurvedischen Gesundheitsleistungen ist die konsequente Implementierung von Prinzipen aus Versorgungsforschung und HTA (Health Technology‐Assessment). Durch an Ayurveda angepasste Verfahren in Form eines Ayurveda‐HTA könnten ayurvedische Verfahren in Form strukturierter Analysen auf allen gesundheits‐ und gesundheitspolitischrelevanten Ebenen untersucht werden, um Entscheidungsprozesse bei der Erforschung, Anwendung und Positionierung von Ayurveda zu optimieren.

So könnte es mittel‐ und langfristig gelingen, die konventionellen Behandlungsstrategien, insbesondere im Problembereich chronischer Erkrankungen um Evidenz‐basierte ayurvedische Therapien zu ergänzen. Jüngste Erfolge aus anderen Bereichen der CAM, beispielsweise bei klassischen Naturheilverfahren und Akupunktur, weisen den Weg für die Zukunft.

Autor
Christian Keßler, KVC‐Stipendiat
Promotion an der Medizinischen Hochschule Hannover, 2006
Betreuer: Dr. Thorsten Doering

Herr Dr. Keßler arbeitet zur Zeit am Immanuel‐Krankenhaus Berlin‐Wannsee und der Charité – Universiätsmedizin Berlin, in der Abteilung Naturheilkunde – Forschungskoordination Ayurveda.
 
Literatur
  1. Keßler C (2007): Wirksamkeit von Ayurveda bei chronischen Erkrankungen, Systematische Analyse klinischer Ayurveda‐Studien. Essen: KVC Verlag. > Abstract
  2. Keßler C, Stapelfeldt E (2009): Kann Ayurveda eine Alternative bei der Behandlung der Arthrose (sandhi‐gata‐vata) sein?, ZKM 1(5), 38‐42. > Abstract
  3. Keßler C, Doering T (2004): Assessing the evidence for the effectiveness of Ayurveda in common diseases, FACT 9(suppl 1) 18. > Abstract
  4. Keßler C (2004): Die Bedeutung der ayurvedischen Medizin in der Allgemeinmedizin unter den besonderen Aspekten der Evidenzbasierung, in: Albrecht, H., Frühwald, M. (Hrsg.): Jahrbuch der Karl und Veronica Carstens‐Stiftung, Band 10 (2003), Essen: KVC Verlag 117–119. > Abstract
  5. Kessler C H S, Doering T (2008): Design, Effektgrösse und Power von Ayurveda‐ Studien zu Typ 2 Diabetes mellitus, Schweiz Z Ganzheitsmed 20(5),277–286. > Abstract
  6. Keßler C H S (2008): Ayurveda bei Diabetes mellitus, Ätiologie, Pathogenese, Diagnostik, Therapie. EHK 57(1),28–33. > Abstract
 
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