17.04.2012

Homöopathische Versorgungsstruktur in Deutschland

Systematische Datenerhebung unter Alltagsbedingungen
Ausgangspunkt
Bislang waren keine systematischen Daten über die Versorgungsstruktur in homöopathischen Arztpraxen verfügbar. Damit war eine Einschätzung der Versorgungsqualität mit Homöopathie in der Praxis und deren Effektivität nicht möglich.

Zielsetzung
Die Studie soll erstmalig systematisch Daten im beschriebenen Versorgungsbereich über einen Zeitraum von zunächst 2 Jahren evaluieren. Eine vergleichbare Untersuchung gibt es bis dato weder für den Bereich der komplementären, noch der konventionellen Medizin. Das Primärziel ist dabei die Erhebung von Diagnosespektren und Therapieverlauf bei Patienten, die in Deutschland oder der Schweiz eine klassisch-homöopathische Behandlung in Anspruch nehmen. Angestrebt wurde also die Evaluation des Gesamtkonzeptes der homöopathischen Behandlung unter Alltagsbedingungen (und nicht etwa eine Wirksamkeitsprüfung homöopathischer Arzneimittel).

Projektteam:
> Prof. Dr. Claudia Witt
> Prof. Dr. Stephan N. Willich
> Rainer Lüdtke

Forschungsschwerpunkt:
> Homöopathie

Förderzeitraum:
> 1997 - 2010

Fördervolumen:
> 960.206 Euro


Studiendesign
Prospektive multizentrische Kohortenstudie mit einer Nachbeobachtungszeit von 2 Jahren.
Erhebungszeitraum: September 1997 bis Dezember 1999.

Ärzte
Insgesamt wurden deutschlandweit und in der Schweiz 103 Ärzte mit Ausbildung in klassischer Homöopathie und mindestens drei Jahren Praxiserfahrung in die Studie eingeschlossen. Die durchschnittliche Behandlungserfahrung lag bei zehn Jahren, 64% der Ärzte hatten eine Facharztbezeichnung, 40% eine KV-Zulassung, 60% waren privatärztlich tätig.

Für die Ärzte wurde ein standardisierter Fragebogen entwickelt, der eine kontinuierliche Dokumentation des Behandlungsverlaufs zu standardisierten Beurteilungszeitpunkten (0, 3, 12 und 24 Monate) ermöglichte.

Patienten
Um die Versorgungsstruktur möglichst repräsentativ abzubilden, wurden die Patienten dieser Ärzte unabhängig von ihrer Diagnose in die Studie eingeschlossen. Voraussetzung war, dass es sich um den Erstbesuch beim jeweiligen Studienarzt handelte. Insgesamt wurden 3981 Patienten in die Studie eingeschlossen, davon 2851 Erwachsene (71% Frauen mit durchschnittlich 39,9 Jahren und 29% Männer mit durchschnittlich 42,5 Jahren) und 1130 Kinder (48% Mädchen mit durchschnittlich 7,0 Jahren und 52% Jungen mit durchschnittlich 6,5 Jahren).

Für drei Altersgruppen der Patienten (Kleinkinder 1-6 Jahre, Schulkinder und Jugendliche 7-16 Jahre, Erwachsene >16 Jahre) wurden unterschiedliche Fragebögen entwickelt, u.a. mit Angaben zur medizinischen Vorgeschichte und Inanspruchnahme anderer Behandlungen außerhalb der Homöopathie. Außerdem dokumentierten die Patienten, bzw. bei Kleinkindern deren Eltern, die Stärke ihrer Beschwerden auf einer Skala von 0 (keine Beschwerden) bis 10 (maximale Stärke). Die Lebensqualität wurde bei den Erwachsenen mittels des MOS SF-36 ermittelt, bei Schulkindern und Jugendlichen wurde der KINDL und bei Kleinkindern der KITA (standardisierte Fragebögen) angewendet.

Patienten und Ärzte bewerteten die Beschwerden unabhängig voneinander und ohne die Einschätzungen der jeweils anderen Gruppe zu kennen.

Ergebnisse

Diagnosen
  • die Erstanamnese dauerte durchschnittlich 2,0±0,7 Stunden
  • die Ärzte stellten durchschnittlich 2,6±1,2 Diagnosen pro Patient
  • 97% der diagnostizierten Beschwerden wurden dabei als chronisch eingestuft
  • häufigste Diagnose bei Frauen: Migräne (9,7%)
  • häufigste Diagnose bei Männern: Allergische Rhinitis (10,3%)
  • häufigste Diagnose bei Kindern beiderlei Geschlechts: Neurodermitis (20%)
  • 95% der Patienten waren bereits konventionell vorbehandelt

Behandlungsverlauf und Medikation
  • während 24 Monaten hatten die Patienten 7,8±8,4 Arztkonsultationen
  • durchschnittlich erfolgten 7,1±6,1 homöopathische Arzneigaben (Wiederholungen enthalten)
  • 50,3% der Patienten suchten in 24 Monaten zusätzlich zum Studienarzt einen anderen Arzt auf
  • in den 24 Monaten nahmen nur noch 26,8% der Patienten zusätzlich konventionelle Medikamente ein

Beschwerden: Arzt- und Patienteneinschätzung
  • große Übereinstimmung zwischen den Arzt- und Patienteneinschätzungen
Erwachsene
  • Abnahme nach Einschätzung der Ärzte von 6,0±1,6 (0 Monate) auf 2,1±2,0 (24 Monate)
  • Abnahme nach Einschätzung der Patienten von 6,1±1,7 (0 Monate) auf 2,9±2,2 (24 Monate)
Kinder
  • Abnahme nach Einschätzung der Ärzte von 5,9±1,7 (0 Monate) auf 1,5±1,8
  • Abnahme nach Einschätzung der Patienten/Eltern von 6,1±1,8 (0 Monate) auf 2,2±2,0 (24 Monate)

Lebensqualität: Patienteneinschätzung

Erwachsene (MOS SF-36)
  • im Vergleich zur Normstichprobe (0-Wert) waren zu Beginn der Studie (0 Monate) die Psychische Summenskala (-1,51±1,46) und die Körperliche Summenskala (-0,37±0,98) eingeschränkt
  • starke Verbesserung in den ersten 3 Monaten, danach stetige Verbesserung
  • vor allem Verbesserung bei "Vitalität" von -1,17±1,02 (0 Monate) auf -0,44±1,02 (24 Monate)
  • vor allem Verbesserung bei "Soziale Funktion" von -1,36±1,41 (0 Monate) auf -0,44±1,31 (24 Monate)
  • geringste Verbesserung bei "Körperliche Funktion" von -0,10±0,90 (0 Monate) auf 0,12±0,89 (24 Monate)
Schulkinder und Jugendliche (KINDL)
  • Verbesserung lediglich in den ersten 3 Monaten von 69,3±13,3 (0 Monate) auf 72,1±12,6 (3 Monate, Skala von 0 bis 100)
  • danach Rückgang der Werte auf 68,0±9,2 (12 Monate) und 67,3±9,9 (24 Monate)
Kleinkinder (KITA)
  • Verbesserung bei "Psychosoma" von 67,7±16,9 (0 Monate) auf 75,4±14,6 (3 Monate) auf 77,0±14,1 (12 Monate) auf 77,5±14,3 (24 Monate, Skala von 0 bis 100)
  • Verbesserung bei "Konzentrationsfähigkeit" von 58,6±18,3 (0 Monate) auf 66,9±15,9 (3 Monate) auf 69,1±16,7 (12 Monate) auf 70,6±16,0 (24 Monate)

Fazit
Die Studie hat erstmalig das Diagnose- und Therapiespektrum in homöopathischen Arztpraxen in Deutschland (und zum Teil der Schweiz) systematisch evaluiert und damit die Realität der medizinischen Versorgung mit Homöopathie abgebildet.

Es zeigte sich, dass sich primär Patienten mit langbestehenden chronischen Erkrankungen in eine homöopathische Behandlung begeben haben. Sowohl aus Sicht der Ärzte als auch der Patienten reduzierten sich die Beschwerden über den 24-monatigen Beobachtungszeitraum deutlich. Bei den Erwachsenen ließ sich ein Anstieg der Lebensqualität bei gleichzeitiger Reduktion der Einnahme konventioneller Medikamente beobachten.

Die erhobenen Daten bilden eine solide Basis zur Beschreibung des Ist-Zustandes und ermöglichen wissenschaftlich und gesundheitspolitisch relevante, weitere Forschung.
 
Literatur
  1. Becker-Witt C, Lüdtke R, Weißhuhn TER, Willich SN. Diagnoses and treatment in homeopathic medical practice. Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd 2004;11:98-103. > Abstract
  2. Witt CM, Lüdtke R, Baur R, Willich SN. Homeopathic medical practice: long-term results of a cohort study with 3981 patients. BMC Public Health 2005;5:115. > Abstract
  3. Witt C, Lüdtke R, Willich SN. Effect size in patients treated by homeopathy differ according to diagnosis – results of an observational study. Perfusion 2005;18:356-360.
  4. Witt CM, Lüdtke R, Willich SN. Homeopathic treatment of children with atopic eczema: a prospective observational study with 2 years follow-up. Acta Dermato-Venerologica 2009;89:182-183. > Abstract
  5. Witt CM, Lüdtke R, Willich SN. Homeopathic treatment of patient with psoriasis: a prospective observational study with 2 years follow-up. Journal of the European Academy of Dermatology & Venerology 2009;DOI: 10.1111/j.1468-3083.2009.03116.x. > Abstract
  6. Witt CM, Lüdtke R, Willich SN. Homeopathic treatment of patients with chronic low back pain - a prospective observational study with 2 years follow-up. Clin J Pain 2009 May;25(4):334-9. > Abstract
  7. Witt CM, Lüdtke R, Willich SN. Homeopathic treatment of patients with dysmenorrhea - a prospective observational study with 2 years follow-up. Archives of Gynecology and Obstetrics 2009;DOI: 10.1007/s00404-009-0988-1. > Abstract
 
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Frau Professor Claudia Witt ist Leiterin des Instituts für komplementäre und integrative Medizin am UniversitätsSpital Zürich. Davor war sie komissarische Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Berliner Charité.

Sie war Inhaberin der Stiftungsprofessur der Karl und Veronica Carstens-Stiftung. [mehr]
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