Nutzen der Chelattherapie bleibt ungeklärt

Doppelblindstudie liefert unzureichende Ergebnisse in der Herztherapie
Medizinisch werden Chelate schon seit über 60 Jahren zur Beseitigung von Schwermetallrückständen, wie sie z.B. bei einer Blei- oder Quecksilbervergiftung zu beobachten sind, eingesetzt. In der Komplementärmedizin wird die Chelattherapie unter anderem angewandt, um arteriosklerotische Veränderungen in den Gefäßen zu beseitigen und damit einhergehenden Durchblutungsstörungen entgegenzuwirken. Chelatbildnern wie EDTA (Ehylendiamintetraazetat) wird nachgesagt, dass sie auch Calcium- und Cholesterin-Ablagerungen an den Gefäßwänden auflösen und ausschwemmen. Bisher dokumentieren nur wenige, kleine Studien die Wirksamkeit der Chelattherapie bei arteriosklerotischen Veränderungen. Ein systematischer Review auf der Basis von fünf Studien konnte den therapeutischen Nutzen des Chelatbildners EDTA bei kardiovaskulären Erkrankungen nicht bestätigen. [1]
 
Ein Wissenschaftlerteam aus Florida versuchte nun, im Rahmen einer großangelegten, randomisierten Studie mit über 1700 Probanden, die Hypothese des positiven Effekts der Chelattherapie auf die kardiovaskuläre Gesundheit zu verifizieren. Es wurden Patienten in die Studie eingeschlossen, die wenigstens sechs Monate zuvor einen Herzinfarkt erlitten hatten. Über einen Zeitraum von 30 Wochen erhielten sie insgesamt 40 Infusionen einer 500-Milliliter Chelatlösung oder einer Placebolösung. Zusätzlich bekamen alle Probanden eine tägliche Vitamingabe in niedriger Dosierung verabreicht, die sich aus Vitamin B6, Zink, Kupfer, Mangan und Chrom zusammensetzte, um einem potenziellen, durch die Chelatinfusionen verursachten Mangelzustand entgegenzuwirken. Die Nachbeobachtungszeit betrug etwa 5 Jahre.
 
Am Ende der Nachbeobachtung konnte hinsichtlich des Endpunktes Sterblichkeit kein Vorteil der Chelat-Gruppe gegenüber der Placebogruppe festgestellt werden. Auch hinsichtlich des Auftretens von Schlaganfällen, Angina pectoris sowie der Neubildung bzw. Wiederöffnung verschlossener Herzkranzgefäße war die Chelattherapie der Placebo-Kontrolle nicht merklich überlegen. Bestenfalls konnten die Wissenschaftler eine moderate Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse auf der Basis der kombinierten Endpunkte feststellen.

Einschätzung:
Die Studie bestätigt einmal mehr, dass der magere Nutzen der Chelattherapie das Risiko möglicher Nebenwirkungen wie Hypokalzämie (Absenkung des Calciumspiegels im Blutserum), die zu Krämpfen, aber auch zu schwerwiegenden Ereignissen führen kann, nicht aufwiegen kann. Die moderaten Verbesserungen der Gefäßfunktionen – so vermuten die Wissenschaftler – könnten auch auf die in den Infusionen mitenthaltene Ascorbinsäure zurückzuführen sein und somit das Ergebis verfälscht worden sein.

Bis auf wenige Kritikpunkte wie die hohe Studienabbrecher-Quote, verursacht durch verschiedene Faktoren, erscheint die Studie qualitativ hochwertig. Natürlich kann sie nicht der Weisheit letzter Schluss sein, präsentiert sie doch nur ein Teilergebnis, das durch nachfolgende Untersuchungen verifiziert werden sollte. Auf der Basis dieser Studie kann jedoch keine (evidenzbasierte) Empfehlung für den Einsatz der Chelattherapie in der Herztherapie ausgesprochen werden.

Zurück zur Nachrichtenübersicht
 
Literatur
  1. Seely DMR, Wu P, Mills EJ. EDTA chelation therapy for cardiovascular disease: a systematic review. BMC Cardiovascular Dis 2005; 5: 32 > Abstract
  2. Lamas GA, Goertz C, Boineau R, Mark DB, Rozema T, Nahin RL, Lindblad L, Lewis EF, Drisko J, Lee KL. Effect disodium EDTA chelation regimen on cardiovascular events in patients with previous myocardial infarction. The TACT randomized trial. JAMA 2013; 309(12): 1241-1250 > Abstract
Diese Seite
per Email versenden
drucken
share on facebook
 
Daniela Hacke, M.A.
Fachbereich Informationsbeschaffung und Wissensmanagement
Telefon
Email
Der Ratgeber enthält ein Programm zur Lebensstilveränderung, das in der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde der Kliniken Essen-Mitte erprobt und wissenschaftlich geprüft wurde. [mehr]
 
© 2011-2014 Karl und Veronica Carstens-Stiftung | Im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft | Am Deimelsberg 36 | 45276 Essen | Telefon: +49 0201 563050 | Telefax: +49 0201 56305 30