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Homöopathie: Stand der klinischen Forschung (Teilaktualisierung 2014)

Systematische Übersichtsarbeiten in der Homöopathie

Einleitung
In einer neuen, systematischen Übersichtsarbeit [1], die quasi den ersten Teil einer Aktualisierung der Übersichtsarbeiten von Linde (1997) [2] und Shang (2005) [3] darstellt, sind die randomisierten, placebokontrollierten Studien zur klassischen Homöopathie nach Cochrane-Kriterien bewertet worden und anschließend einer globalen Meta-Analyse unterzogen worden. Dabei wurden nur Studien aus Zeitschriften mit unabhängigem Gutachtersystem einbezogen („peer reviewed“).
Üblicherweise werden in Meta-Analysen einzelne Indikationen untersucht, die mit einem Medikament oder einer kleinen Auswahl an Medikamenten behandelt werden. In der vorliegenden Arbeit wurden alle Indikationen einbezogen und, bedingt durch die Arzneimittelfindung in der klassischen Homöopathie (individualiserte Arzneimittelverschreibung), eine Vielzahl an homöopathischen Arzneien. Warum bzw. unter welchen Bedingungen eine globale Meta-Analyse mit verschiedensten Indikationen und verschiedensten Medikamenten trotzdem Sinn ergibt, ist bereits 1997 von Linde und Kollegen erörtert worden [2], wird aber auch in aktuellen Publikationen nicht immer richtig verstanden [4].

Ergebnisse

Systematische Übersicht
Die neue, systematische Übersichtsarbeit hat 32 Studien mit 24 unterschiedlichen Indikationen einbezogen, von denen keine bei der Qualitätsanalyse die beste Cochrane-Bewertung erreichen konnte („low risk of bias“). Allerdings wurden sechs Studien identifiziert, für die bei sechs von sieben Kriterien kein Risiko für eine Verzerrung (engl. „bias“) der Ergebnisse erkannt wurde. Beim siebten Kriterium reichten die publizierten Details nicht aus, um bewerten zu können, ob es ein Risiko für eine Ergebnisverzerrung gab oder nicht („unclear risk of bias“). Darüber hinaus erhielten sechs weitere Studien die Bezeichnung „unklares Risiko für eine Ergebnisverzerrung“ („unclear risk of bias“), wobei hier bei mehr als einem der sieben Kriterien unzulängliche Angaben in den Originalpublikationen vorlagen, die eine schlüssige Bewertung nicht erlaubten. Die übrigen 20 Studien hatten zum Teil bei mehreren Kriterien ein hohes Risiko für eine Ergebnisverzerrung („high risk of bias“).
Von den sechs Studien mit nur genau einer „unklaren“ Risikobewertung, wurden drei Studien nach festgelegten Kriterien nachträglich als „zuverlässige Studien“ (also Studien höherer Qualität) klassifiziert. Die Kriterien für die Klassifizierung „zuverlässig“ folgten dabei ungefähr jenen, wie sie von Linde und Shang angesetzt worden sind [2,3].

Meta-Analyse
Für die Meta-Analyse konnten von den ursprünglich 32 Studien nur 22 Studien einbezogen werden. Die fehlenden zehn Studien lieferten nicht ausreichende Informationen für eine Auswertung mit dem gewählten Hauptzielkriterium.
In der Einzelbetrachtung zeigten zwei Studien einen statistisch signifikanten Effekt zugunsten der Homöopathiebehandlung, waren aber mit einem großen Konfidenzintervall (KI) belastet. Eine weitere Studie (ebenfalls mit einem größeren Konfidenzintervall) lieferte ein Quotenverhältnis von genau 1. Die übrigen 19 Studien lieferten keine signifikanten Unterschiede. Die globale Meta-Analyse über alle 22 Studien ergab ein statistisch-signifikantes, positives Quotenverhältnis von 1.53 (KI 1.22 – 1.99) zugunsten der Homöopathie; also unter Zusammenfassung der „zuverlässigen“ Studien, der Studien von „unklarer“ Qualität und solchen mit einem hohen Risiko für eine Ergebnisverzerrung. Für die drei Studien höherer Qualität ergab sich zusammen ebenfalls ein statistisch-signifikant positives Quotenverhältnis für die Homöopathie von 1.98 (KI 1.16 – 3,38). Diese Ergebnisse sind vergleichbar mit dem Ergebnis von Linde und Kollegen [2], die für 26 Studien höherer Qualität (und unterschiedlichen Studiendesigns) ein Quotenverhältnis von 1.66 (1.33 – 2.08) errechnet haben [2].
Um voreiligem Enthusiasmus vorzubeugen, muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass keine der drei Einzelstudien höherer Qualität ein signifikant besseres Quotenverhältnis (unteren Grenze des KI > 1) gegenüber Placebo lieferte. Darüber hinaus wurden in diesen Studien drei unterschiedliche Erkrankungen therapiert.
Die Meta-Analyse liefert also keine sicheren Hinweise dafür, dass eine Behandlung nach Methode der klassischen Homöopathie bei einer bestimmten Indikation bessere Resultate liefert als Placebo. Sie deutet lediglich (basierend auf nur drei zuverlässigen Studien) an, dass die individuelle homöopathische Therapie möglicherweise ungleich Placebo sein könnte.

Zusammenfassung
Leider muss man konstatieren, dass sich seit der Arbeit von Linde und Kollegen [2] „nicht viel getan hat“ in der klinischen Homöopathieforschung. Obwohl bereits vor mehr als 15 Jahren von Linde und Kollegen gefordert, liegen immer noch nicht i) mehrere hochqualitative, ii) große Studien zu genau iii) einer Indikation vor, die von iv) unabhängigen Gruppen durchgeführt worden sind. Auf Basis der evidenzbasierten Medizin lässt sich also weiterhin keine spezifische Erkrankung benennen, bei der es solide Hinweise aus klinischen Studien gibt, dass die klassische Homöopathie besser wirkt als Placebo.

Insgesamt muss man festhalten, dass die Veröffentlichungen der placebokontrollierten, randomisierten Studien in der klassischen Homöopathie zum großen Teil von schlechter Qualität sind. Lediglich drei Studien waren von höherer Qualität, so dass keine eindeutigen Schlüsse aus dieser Meta-Analyse gezogen werden können (weder gegen noch für eine Homöopathieanwendung). Die schlechte Qualität der Mehrzahl der Studien beruht dabei sicher nicht auf Mutwilligkeit seitens der Autoren, sondern hängt bei älteren Publikationen auch damit zusammen, dass früher die Anforderungen an eine klinische Studie noch nicht so hoch waren, wie sie es heute sind. Ob sich hinter dem Quotenverhältnis von 1.98 bei n = 3 Studien ein spezifischer, klinisch bedeutsamer Effekt verbirgt, kann nur durch zusätzliche Forschung und neue Meta-Analysen geklärt werden.
 
Literatur
  1. Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA, Clausen J, Moss S, Davidson JR, Ford I: Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis. Syst Rev. 2014 Dec 6;3(1):142 > Abstract
  2. Linde K, Clausius N, Ramirez G, Melchart D, Eitel F, Hedges LV, Jonas WB: Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo-controlled trials. Lancet. 1997;350(9081):834-43 > Abstract
  3. Shang A, Huwiler-Müntener K, Nartey L, Jüni P, Dörig S, Sterne JA, Pewsner D, Egger M: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. Lancet 2005 Aug 27-Sep 2;366(9487):726-32 > Abstract
  4. Hahn RG. Homeopathy: meta-analyses of pooled clinical data. Forsch Komplementmed. 2013;20(5):376-81. > Abstract
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Dr. Jürgen Clausen
Fachbereich Wissenschaftliche Recherche und Forschung
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