11.12.2012

Bertelsmann Stiftung: CAM-Verwendung stabilisiert sich auf hohem Niveau

Gesundheitsmonitor Umfrage liefert aktuelle Zahlen
Der Gesundheitsmonitor 2012, eine repräsentative Umfage der Bertelsmann-Stiftung hat erhoben, wie oft Verfahren der Komplementär- und Alternativmedizin (CAM-Verfahren) in Deutschland verwendet werden, und wie gut sie wirken. Gefragt wurde nach "Naturheilmitteln und pflanzlichen Arzneimitteln", "Naturheilverfahren", "hömöopathischer Medizin", "Entspannungstechniken", "Akupunktur und chinesischer Medizin" sowie "Chiropraktik und Osteopathie".

Gesundheitsmonitor
Der Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung erhebt seit 2001 Daten zur Gesundheitsversorgung in Deutschland. Seit 2011 gehört die BARMER GEK zu den Projektträgern. Im Jahre 2012 wurden 1778 Personen in die Befragung eingeschlossen.

Gefragt wird nach der Einstellung zu Gesundheit und Krankheit, Therapieverfahren und Ärzten. Insgesamt werden mehr als 120 Fragen gestellt. In den Jahren 2002, 2005, 2006 und 2012 wurde dabei die Naturheilkunde mit insgesamt 8 Fragen zu 6 Therapieverfahren berücksichtigt.


Wer wendet CAM-Verfahren an und wie häufig?
63 Prozent der Befragten haben mindestens eines der oben genannten Verfahren schon einmal in Anspruch genommen, davon 40 Prozent in den vergangenen 12 Monaten, 23 Prozent vor mehr als 12 Monaten. 31 Prozent der Verwender zählen zu den Viel-Nutzern: sie haben bereits drei oder mehr Verfahren in Anspruch genommen.





Die Viel-Nutzer sind häufig zwischen 40 und 59 Jahren alt, weiblich, verfügen über höhere Bildung und höheres Einkommen, und sind oder waren im Gesundheitsbereich tätig. Der Gesundheitszustand dieser Gruppe ist meist schlechter, das Gesundheitsbewusstsein größer.

Interessant: Unter den Viel-Nutzern gibt es nicht nur überproportional viele Befürworter von CAM-Verfahren, sondern noch mehr Personen mit einer ambivalenten Haltung. CAM-Verwender sind also durchaus kritisch gegenüber den Therapien, die sie anwenden.

Welche Verfahren werden angewendet? Warum?
Am gefragtesten unter den CAM-Verfahren sind mit 46 Prozent die Naturheilmittel und pflanzlichen Arzneien, die vor allem bei vorübergehenden Erkrankungen zum Einsatz kommen. Sie sind eine Domäne der Selbstbehandlung: Mehr als die Hälfte der Verwender (55 Prozent) nutzen sie aus eigenem Antrieb, ein gutes Drittel auf Empfehlung des Arztes.

Naturheilverfahren haben bereits 34 Prozent der Befragten verwendet, allerdings in zwei Drittel aller Fälle auf Empfehlung des Arztes und nur in einem Drittel aus eigenem Antrieb. Naturheilverfahren werden bei vorübergehenden und chronischen Krankheiten gleichermaßen eingesetzt. Etwa 16.000 Ärzte in Deutschland verfügen über eine entsprechende Zusatzqualifikation.

In der Verbreitungs-Rangliste folgt die homöopathische Medizin mit 31 Prozent. 37 Prozent der Behandlungen erfolgte auf Empfehlung eines Arztes, 48 Prozent aus eigenem Antrieb und 16 Prozent auf Empfehlung eines Heilpraktikers - im Vergleich ist dies der höchste Wert. Rund die Hälfte der Nutzer verwenden Homöopathie wegen eines chronischen Leidens, fast 80 Prozent tragen die Kosten selbst. Etwa 7000 Ärzte verfügen über die offizielle Zusatzbezeichnung Homöopathie.

Entspannungstechniken nutzen 24 Prozent der Befragten, Akupunktur 22 Prozent und Chirotherapie oder Osteopathie 15 Prozent.

Wie wird der Therapieeffekt eingeschätzt?
Insgesamt zeigen die Ergebnisse eindeutig, dass die CAM-Verfahren von vielen Anwendern als subjektiv wirksam eingeschätzt werden. Verschlechterungen traten in weniger als 1 Prozent der Fälle auf.

Für alle Verfahren lag der Anteil der Anwender, die angaben, die Behandlung habe "gut geholfen" bei 40 Prozent, besonders gut schnitt die Chirotherapie/Ostheopathie ab (über 60 Prozent "gut geholfen"), gefolgt von der Homöopathie mit 50 Prozent. Weiterhin auffällig: Bei der Akupunktur gaben 20 Prozent der Verwender an, dass keine Besserung der Beschwerden erzielt werden konnte.

Veränderungen im Zeitverlauf
In der Beurteilung des Zeitverlaufs werden nur die Daten der Verwender in den letzten zwölf Monaten berücksichtigt, weil diese den aktuellen Trend besser wiedergeben. Dabei fällt zwischen 2005 und 2006 ein Rückgang der Gesamtanwendung von 57 Prozent auf 43 Prozent auf.

Die Autoren führen dies vor allem auf einen Einbruch in der Verwendung von Naturheilmitteln und pflanzlichen Arzneien zurück. Sehr wahrscheinlich ist dieser Effekt eine direkte Nachwirkung der 2004 vorgenommenen gesetzlichen Änderung, nach der frei-verkäufliche pflanzliche Arzneien nicht mehr von der Krankenkasse erstattet werden. Interessant ist jedoch, dass sich dieser Einbruch in anderen Umfragen – auch in den Allensbach-Umfragen zum Thema Naturheilmittel – bisher nicht gezeigt hatte.

Seit 2006 bleibt die Inanspruchnahme in etwa gleich, mit leicht abnehmender Tendenz.





Fazit
CAM-Verfahren haben einen festen Platz in der Gesundheitsversorgung. Die Ergebnisse zeigen, dass fast zwei Drittel der erwachsenen Deutschen mindestens einmal eine Alternative oder Ergänzung zur Schulmedizin gesucht und genutzt haben. Diese wird in der Regel als wirksam empfunden. Die Zuwächse in der Inanspruchnahme seit den 80er Jahren sind allerdings vorbei – das Niveau stabilisiert sich.

Autor: Frederik Betsch


Kommentar
Prof. Klaus Linde von der TU München hat die Ergebnisse für die CAM-Verfahren im Gesundheitsmonitor ausgewertet. Auf Nachfrage der Carstens-Stiftung beantwortete er einige Fragen:

Carstens-Stiftung: Wie verhalten sich die Bertelsmann-Daten zu anderen Umfrageergebnissen zu CAM?

Klaus Linde: "Bei den Allensbacher Erhebungen wird ausschließlich nach „Naturheilmitteln“ gefragt. Was darunter zu verstehen ist, bleibt den Antwortenden überlassen. Es liegt die Vermutung nahe, dass hier neben pflanzlichen und homöopathischen Mitteln v.a. auch Vitamine und Spurenelemente mit eingehen. Inwieweit nicht medikamentöse Verfahren hinzugezählt werden, bleibt unklar. Im Gesundheitsmonitor wird dagegen nach einzelnen Verfahren gefragt. Das macht die Ergebnisse etwas präziser, obwohl auch hier nicht immer sicher ist, ob die Befragten z.B. pflanzliche und homöopathische Mittel unterscheiden können. Es liegen noch ein paar Einzelbefragungen vor, die aber keine Aussagen über zeitliche Veränderungen zulassen."

Wenn Sie eine Prognose wagen: Wir wird sich die Inanspruchnahme von CAM-Verfahren entwickeln?
Klaus Linde: "Aus meiner Sicht sieht es so aus, dass die Inanspruchnahme wohl eher nicht mehr steigt. Bei den pflanzlichen Arzneimitteln ist es durch gesetzliche Änderungen sogar zu einer Abnahme gekommen. Die Zahl der neu vergebenen ärztlichen Zusatzbezeichnungen steigt nicht mehr."

Wie verhält sich die Einschätzung der Therapieeffekte im Vergleich zur konventionellen Medizin? Gibt es dazu überhaupt Analysen?
Klaus Linde: "Dazu gibt es keine Analysen. Das wäre auch problematisch. So wie es fragwürdig ist „die“ Komplementärmedizin als eine Therapie zusammenzufassen, gilt das auch für „die“ konventionelle Medizin."

In der Untersuchung hat sich überraschenderweise gezeigt, dass Viel-Nutzer von CAM-Verfahren diesen häufiger ambivalent gegenüberstehen als sporadische oder Wenig-Nutzer. Gibt es hierfür eine Erklärung?
Klaus Linde: "Das haben wir bisher noch nicht weiter untersucht. Zum einen kann es natürlich ein Zufallsergebnis sein. Es wäre allerdings auch möglich, dass eher schwerer erkrankte oder behandelbare Patienten einerseits mehr komplementäre Verfahren ausprobiert haben, aber dabei eben nicht immer positive Erfahrungen gemacht haben."
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Prof. Klaus Linde ist wissenschaftlicher Koordinator am Institut für Allgemeinmedizin der Technischen Universität München.
 
Literatur
  1. Linde K., Buitkamp M., Schneider A., Joos S. Naturheilverfahren, komplementäre und alternative Therapien. Erschienen in Jan Böcken, Bernard Braun und Uwe Repschläger (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2012. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2012 (S. 118-135) > Abstract
 
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Michèl Gehrke, M.A.
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