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02.11.2015

AD(H)S – was leisten Homöopathie, Phytotherapie und Co.?

Ein Überblick über die Studienlage
Gerade jetzt, kurz nach der Einschulungsphase, ist das Thema AD(H)S für viele Eltern und Lehrer aktuell. Denn was man früher wohl einfach als besonders ausgeprägte Lebhaftigkeit oder scherzhaft als "Zappelphilipp" beschrieben hätte, erhält heute immer öfter eine eigene Diagnose. Die Anzahl der diagnostizierten Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen bei Kindern hat sich seit 2006 verdoppelt (1).

Doch nicht immer ist die Diagnose eindeutig. Die Diagnosekriterien sind umstritten, manchmal werden auch vorübergehende Unkonzentriertheit oder altersbedingte Verspieltheit jüngerer Kinder fehlgedeutet. Alarmierend: die bei AD(H)S verschriebenen Medikamente – die unerwünschte Nebenwirkungen verursachen können (2) – bewirken offenbar keine langfristige Besserung (3). Vor diesem Hintergrund rückt die Komplementärmedizin stärker in den Fokus. Welchen Beitrag kann sie leisten, um Kindern mit AD(H)S zu helfen?

Homöopathie
Mehrere Studien weisen darauf hin, dass die Homöopathie AD(H)S-Symptome lindern könnte. So schlossen etwa Frei et al (4) 115 Kinder mit ADHS im Alter von ca. 8 Jahren in ihre Untersuchungen ein. Alle Kinder erhielten eine individuelle homöopathische Behandlung. Nach durchschnittlich 3,5 Monaten erreichten 86 Kinder (75%) eine messbare klinische Verbesserung von 73%. Nur 25 sprachen weniger gut auf die Homöopathie an und mussten auf das konventionelle Methylphenidat umgestellt werden. Sie erreichten daraufhin eine messbare klinische Verbesserung von 65%. Lediglich 3 Kinder reagierten weder auf die eine, noch die andere Therapie, 1 Kind verließ die Studie. Diese vielversprechenden Ergebnisse konnten die Forscher in einer weiteren Studie (5) mit 83 Probanden und eine andere Forschergruppe mit 54 Probanden (6) bestätigen. Dass die homöopathische Behandlung dabei auch nicht teurer als die Standardtherapie ist, zeigten Ammon et al (7) mit einer auf 10 Jahre angelegten Beobachtungsstudie.

Eine weitere doppelblinde, Placebo-kontrollierte, klinische Studie (8) mit 20 Kindern, bei welchen ADHS diagnostiziert worden war, zeigt positive Resultate für ein spezifisches Komplexmittel. 10 Kinder nahmen zum Zeitpunkt der Studie bereits das Psychostimulans Methylphenidat ein, die anderen 10 keine konventionelle Medikation. Kinder aus beiden Gruppen erhielten entweder ein homöopathisches Komplexmittel aus verschiedenen Dilutionen von Selenium und Kalium phosphoricum oder ein Placebo. Mit dem Komplexmittel konnte im Vergleich zu Placebo eine Reduktion der allgemeinen Hyperaktivität erreicht werden, ebenso signifikante Verbesserungen hinsichtlich Unaufmerksamkeit, Impulsivität, Angst/Angespanntheit und Schlafstörungen der Kinder.

Phytotherapie
Aus dem Bereich der Pflanzenheilkunde gibt es Hinweise auf die Wirksamkeit gleich mehrerer Pflanzen bei AD(H)S. Eine ganz kleine Studie (9) mit 3 Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren macht beispielsweise auf die Echte Kamille aufmerksam, die Hyperaktivität senken und die Aufmerksamkeit steigern konnte. Allerdings müssen weitere Studien mit einer größeren Probandenzahl folgen, um belastbare Ergebnisse zu erhalten.

Etwas besser sieht es beim Kleinen Fettblatt aus. 31 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren wurden in einer Studie (10) für 6 Monate mit einer Tagesdosis von 225mg eines Extraktes aus dieser Pflanze behandelt. Die typischen AD(H)S-Symptome, allen voran die Ruhelosigkeit, konnten auf diese Weise vermindert und die Fähigkeit zur Selbstkontrolle gesteigert werden. Allerdings steht eine Prüfung gegenüber Placebo noch aus.

Wenig überraschend scheint sich auch ein Versuch mit Echtem Baldrian und Zitronenmelisse zu lohnen, sind beide Pflanzen doch für ihren beruhigenden Effekt bekannt. 169 Grundschulkinder, bei denen zwar kein AD(H)S diagnostiziert worden war, die aber mit Hyperaktivität und Konzentrationsschwierigkeiten zu kämpfen hatten, nahmen über einen Zeitraum von 7 Wochen täglich 640mg eines Extrakts aus Echtem Baldrian und 320mg eines Extrakts aus Zitronenmelisse ein (11). Der Anteil der Kinder, die starke oder sehr starke Konzentrationsschwierigkeiten hatten, sank dabei von 75% auf 14%, Symptome von Hyperaktivität von 61% auf 13% und Impulsivität von 59% auf 22%. Ebenso schätzten die Eltern das soziale Verhalten, das Schlafverhalten und den Leidensdruck ihrer Kinder signifikant verbessert ein. Nebenwirkungen des pflanzlichen Medikaments waren mild und traten lediglich bei 2 Kindern auf.

Der Blick in exotischere Gefilde zeigt: Koreanischer Roter Ginseng könnte eine ähnliche Wirkung haben (12) und Ginkgo zumindest die Therapie mit Methylphenidat unterstützen (13), sodass die Einnahme reduziert werden könnte.

Neurofeedback
Geht es auch ganz ohne irgendwelche Medikamente? Beim sogenannten Neurofeedback werden EEG-Wellen von einem Computer analysiert und dargestellt. Auf diese Weise soll der Aufmerksamkeits- und Bewusstseinszustand des Probanden "sichtbar gemacht" werden. Die gewonnenen Einblicke sollen dem Probanden dabei helfen, eine bessere Selbstregulation zu erreichen, quasi durch Rückmeldung des eigenen Hirnstrommusters. Es geht also im Falle von AD(H)S-Patienten darum, das bewusste Erkennen von Phasen erhöhter Hyperaktivität zu ermöglichen und Selbstberuhigungstechniken zu erlenen.  Seit 2009 (14) gibt es immer wieder neue Studien (15, 16), die den Nutzen dieses Trainings bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S dokumentieren. Eine Integration in den Schulalltag (17) ist daher zumindest überlegenswert.

Bewegung
AD(H)S kann sich nicht nur auf die Psyche/Kognition auswirken, sondern auch auf die Motorik. Deshalb untersuchen einige kleine Studien, ob Bewegungstrainings die Symptome lindern können. So teilten etwa Ziereis et al (18) 43 Kinder mit ADHS in insgesamt 3 Gruppen ein: Über 12 Wochen nahm Gruppe 1 an Trainings teil, die sich schwerpunktmäßig auf den Umgang mit einem Ball, den Gleichgewichtssinn und die Geschicklichkeit/Fingerfertigkeit konzentrierten. Gruppe 2 trieb Sport ohne spezifischen Fokus und Gruppe 3 wurde auf eine Warteliste, zunächst ohne Intervention, gesetzt. Anschließend zeigten sich gegenüber Gruppe 3 in den ersten beiden Gruppen signifikante Besserungen der typischen AD(H)S-Symptome. Die Forscher kommen daher zu dem Schluss, dass körperliche Betätigung – egal welcher Art – sinnvoll für die Patienten ist.

Eine Meta-Analyse aus diesem Jahr (19) verzeichnet die größten Verbesserungen jedoch bei Aerobem Training, zwei weitere Studien (20, 21) heben das Reiten besonders hervor.

Fazit
Die Studienlage macht also deutlich: Angesichts der schwierigen diagnostischen Situation und des Zweifels an der konventionellen Therapie mit Psychostimulanzien, kann sich der Einsatz komplementärmedizinischer Verfahren für Kinder und Jugendliche, die von AD(H)S betroffen sind, lohnen. Eltern sollten dabei jedoch in jedem Fall den Rat eines kompetenten Mediziners einholen.
 
Literatur
  1. ADHS: Drastischer Anstieg der Diagnosen. NetDoktor, Zugriff am 02.11.15 > Abstract
  2. Kiddie-Koks (Ritalin). Sag nein zu Drogen, Zugriff am 02.11.15 > Abstract
  3. ADHS: Medikamente meist wirkungslos. NetDoktor, Zugriff am 02.11.15 > Abstract
  4. Frei H, Thurneysen A. Treatment for hyperactive children: homeopathy and methylphenidate compared in a family setting. Br Homeopath J. 2001 Oct;90(4):183-8. > Abstract
  5. Frei H, Everts R, von Ammon K, Kaufmann F, Walther D, Hsu-Schmitz SF, Collenberg M, Fuhrer K, Hassink R, Steinlin M, Thurneysen A. Homeopathic treatment of children with attention deficit hyperactivity disorder: a randomised, double blind, placebo controlled crossover trial. Eur J Pediatr. 2005 Dec;164(12):758-67. Epub 2005 Jul 27. > Abstract
  6. Praveen Oberai, S Gopinadhan, Roja Varanasi, Alok Mishra, Vikram Singh, Chaturbhuja Nayak. Homoeopathic management of attention deficit hyperactivity disorder: A randomised placebo-controlled pilot trial. DOI: 10.4103/0974-7168.123389 > Abstract
  7. von Ammon K, Sauter U, Kretschmar S, Frei H, Thurneysen A, Frei-Erb M. Long-term effects of homeopathic treatment in children suffering from attention deficit disorder with and without hyperactivity. International Journal of High Dilution Research, Vol 12, No 44 (2013) > Abstract
  8. Strauss LC. The Efficacy of a Homeopathic Preparation in the Management of Attention Deficit Hyperactivity Disorder. Biomedical Therapy Vol. XVIII No.2 2000 > Abstract
  9. Niederhofer H. Observational study: Matricaria chamomilla may improve some symptoms of attention-deficit hyperactivity disorder. Phytomedicine. 2009 Apr;16(4):284-6. doi: 10.1016/j.phymed.2008.10.006. Epub 2008 Dec 20. > Abstract
  10. Dave UP, Dingankar SR, Saxena VS, Joseph JA, Bethapudi B, Agarwal A, Kudiganti V. An open-label study to elucidate the effects of standardized Bacopa monnieri extract in the management of symptoms of attention-deficit hyperactivity disorder in children. Adv Mind Body Med. 2014 Spring;28(2):10-5. > Abstract
  11. Gromball J, Beschorner F, Wantzen C, Paulsen U, Burkart M. Hyperactivity, concentration difficulties and impulsiveness improve during seven weeks’ treatment with valerian root and lemon balm extracts in primary school children. Phytomedicine Vol. 21, Iss. 8–9, July–August 2014, Pages 1098–1103. > Abstract
  12. Ko HJ, Kim I, Kim JB, Moon Y, Whang MC, Lee KM, Jung SP. Effects of Korean red ginseng extract on behavior in children with symptoms of inattention and hyperactivity/impulsivity: a double-blind randomized placebo-controlled trial. J Child Adolesc Psychopharmacol. 2014 Nov;24(9):501-8. doi: 10.1089/cap.2014.0013. Epub 2014 Nov 4. > Abstract
  13. Shakibaei F, Radmanesh M, Salari E, Mahaki B. Ginkgo biloba in the treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in children and adolescents. A randomized, placebo-controlled, trial. Complement Ther Clin Pract. 2015 May;21(2):61-7. doi: 10.1016/j.ctcp.2015.04.001. Epub 2015 Apr 18. > Abstract
  14. Gevensleben H, Holl B, Albrecht B, Vogel C, Schlamp D, Kratz O, Studer P, Rothenberger A, Moll GH, Heinrich H. Is neurofeedback an efficacious treatment for ADHD? A randomised controlled clinical trial. J Child Psychol Psychiatry. 2009 Jul;50(7):780-9. doi: 10.1111/j.1469-7610.2008.02033.x. Epub 2009 Jan 12. > Abstract
  15. Duric NS, Assmus J, Gundersen D, Elgen IB. Neurofeedback for the treatment of children and adolescents with ADHD: a randomized and controlled clinical trial using parental reports. BMC Psychiatry. 2012 Aug 10;12:107. doi: 10.1186/1471-244X-12-107. > Abstract
  16. Meisel V, Servera M, Garcia-Banda G, Cardo E, Moreno I. Neurofeedback and standard pharmacological intervention in ADHD: a randomized controlled trial with six-month follow-up. Biol Psychol. 2013 Sep;94(1):12-21. doi: 10.1016/j.biopsycho.2013.04.015. Epub 2013 May 9. > Abstract
  17. Steiner NJ, Frenette EC, Rene KM, Brennan RT, Perrin EC. In-school neurofeedback training for ADHD: sustained improvements from a randomized control trial. Pediatrics. 2014 Mar;133(3):483-92. doi: 10.1542/peds.2013-2059. Epub 2014 Feb 17. > Abstract
  18. Ziereis S, Jansen P. Effects of physical activity on executive function and motor performance in children with ADHD. Res Dev Disabil. 2015 Mar;38:181-91. doi: 10.1016/j.ridd.2014.12.005. Epub 2015 Jan 3. > Abstract
  19. Cerrillo-Urbina AJ, García-Hermoso A, Sánchez-López M, Pardo-Guijarro MJ, Santos Gómez JL, Martínez-Vizcaíno V. The effects of physical exercise in children with attention deficit hyperactivity disorder: a systematic review and meta-analysis of randomized control trials. Child Care Health Dev. 2015 May 18. doi: 10.1111/cch.12255. > Abstract
  20. Cuypers K, De Ridder K, Strandheim A. The effect of therapeutic horseback riding on 5 children with attention deficit hyperactivity disorder: a pilot study. J Altern Complement Med. 2011 Oct;17(10):901-8. doi: 10.1089/acm.2010.0547. > Abstract
  21. Jang B, Song J, Kim J, Kim S, Lee J, Shin HY, Kwon JY, Kim YH, Joung YS. Equine-Assisted Activities and Therapy for Treating Children with Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. J Altern Complement Med. 2015 Sep;21(9):546-53. doi: 10.1089/acm.2015.0067. Epub 2015 Jul 13. > Abstract
 
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